Der Antisemitismus ist nicht nur ein gesellschaftliches Problem, sondern tief in den religiösen Traditionen verankert – besonders im Christentum, wo antijüdische Denkmuster über zwei Jahrtausende Teil der Lehre waren. In Zeiten eines wiederauflebenden Antisemitismus stellt sich die Frage mit neuer Dringlichkeit: Wie können Religionslehrkräfte in ihrem Unterricht aktiv gegen antisemitische Vorurteile anarbeiten und das Holocaust-Gedenken vermitteln?
Das hier vorgestellte Forschungsprojekt begibt sich auf empirisches Neuland. Während die religionspädagogische Diskussion lange normativ geprägt war, untersucht diese internationale Studie erstmals systematisch die Unterrichtspraxis in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mittels Online-Fragebogen erfasst die Forschung, wie Religionslehrkräfte konkret das Thema Holocaust-Gedenken und Antisemitismus-Prävention umsetzen – welche Methoden sie nutzen, welche Herausforderungen sie sehen, welche Ressourcen ihnen zur Verfügung stehen.
Die historischen Wurzeln sind wichtig für das Verständnis: Der christliche Antijudaismus lieferte ideologische Elemente für den modernen Antisemitismus. Nach dem Holocaust begann ein fundamentaler Wandel in Theologie und Kirche – von den Seelisberger Thesen (1947) über Nostra Aetate bis zu zahlreichen kirchlichen Stellungnahmen. Dennoch zeigten Schulbuchanalysen, dass explizite und implizite antijüdische Inhalte in Lehrplänen und Materialien hartnäckig fortbestanden. Hier setzt die aktuelle Forschung an: Sie will verstehen, wie Lehrkräfte mit diesen Herausforderungen umgehen und welche guten Praktiken entstanden sind. Damit trägt sie zu einer evidenzbasierten, praxisorientierten Religionspädagogik bei, die Erinnerung und Prävention konkret gestaltet.