Diese Andacht, gehalten während einer Tagung der Gesellschaft für Wissenschaft und Religionspädagogik (GWR), stellt die menschliche Begegnung ins Zentrum theologischen Nachdenkens. Ausgangspunkt ist Jesu Frage an seine Jünger „Wer sagt denn ihr, dass ich sei?" (Mt 16,15), die hier nicht als historische oder dogmatische Frage verstanden wird, sondern als Anlass zur Reflexion über authentische Begegnung und gegenseitige Anerkennung.
Die Andacht nutzt ein innovatives liturgisches Format: Zwei Sprecher*innen entfalten das Thema dialogisch, durchwoben mit Zitaten von Jugendlichen, die an sogenannten Segensfeiern zur Lebenswende in der Moritzkirche teilgenommen haben. Diese Jugendlichen kommen vielfach aus Ethik- und Religionsunterricht, manche ohne vorherige Kirchenerfahrung. Ihre ungefilterten Äußerungen – Fragen zu Kleidung in der Kirche, zur Schweigepflicht von Pfarrer*innen, Offenbarungen über Selbstverletzung, Outing als trans Person, Atheismus – bilden das emotionale und authentische Herzstück der Meditation.
Der theologische Gedanke ist prägnant: Echte Begegnung erfordert Verletzlichkeit und offenes Visier. Sie birgt Risiken, bietet aber auch die Chance auf gegenseitige Transformation. Die Andacht verbindet dies mit einer Christologie der Begegnung: Jesus selbst wird als derjenige verstanden, der sich radikal für menschliche Begegnungen öffnet, sich angreifbar macht und in der Nachfolge bis heute in solchen Momenten gegenwärtig wird. Der ökumenische Raum der Moritzkirche mit ihrer konfessionsverschiedenen Nutzungsgeschichte verstärkt diese Botschaft räumlich.
Das Gebet am Ende konkretisiert dies in prägnanten Bildern: Menschen, die ihre Ängste lassen, ihre Tische teilen, alte Haut streicheln, junge Saat säen, Widerstand wagen. So wird Begegnung als spirituelle und gesellschaftliche Praxis deutlich gemacht, die den Himmel auf die Erde bringt.