Ambiguitätstoleranz ist eine zentrale Kompetenz für religiöse Bildung in pluralen Gesellschaften. Seit den 1960er Jahren wurden zahlreiche Skalen entwickelt, um diese Fähigkeit zu messen – doch ihre Eignung für religionspädagogische Forschung ist bislang wenig systematisch geprüft worden. Der vorliegende Artikel schließt diese Lücke, indem er zwei etablierte Messinstrumente (Budner, Lauriola) evaluiert und ihre Validität anhand von Items prüft, die religiöse und ethisch-soziale Dimensionen abbilden.
Das Verständnis von Ambiguitätstoleranz geht dabei über passive Duldung hinaus: Es bedeutet, aktiv und konstruktiv mit Mehrdeutigkeit, Komplexität und Unlösbarkeit umgehen zu können – eine Fähigkeit, die für drei bildungsrelevante Bereiche zentral ist. Erstens auf der ethisch-sozialen Ebene: Im Umgang mit religiöser und kultureller Vielfalt brauchen Kinder und Jugendliche die Fähigkeit, Fremdheit auszuhalten, ohne in Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen. Zweitens auf theologischer Ebene: Tiefere religiöse Reflexion verlangt von Lernenden, offene Fragen auszuhalten und mit der Metaphorik religiöser Sprache umgehen zu können. Drittens trägt Ambiguitätstoleranz dazu bei, fundamentalistische Tendenzen zu vermeiden, die nach falscher Klarheit streben.
Auf Grundlage empirischer Tests in unterschiedlichen kulturellen Kontexten (Deutschland/Schweiz und Hongkong) wird eine neue, verkürzte Version der MAAS-Skala (Lauriola) entwickelt – die MAAS-22r mit 22 Items und guter Reliabilität. Diese Neuentwicklung berücksichtigt gezielt die Anforderungen religionspädagogischer Forschung und eröffnet damit neue Möglichkeiten für die empirische Erfassung einer Schlüsselkompetenz für zeitgemäße Religionspädagogik.