Die Votivkirche in Wien wurde zur Bühne einer religionspädagogischen Andacht, die Migration und Flucht nicht abstrakt behandelt, sondern sie im Kirchenraum selbst verankert. Der Text verbindet eine seelsorgerliche Geste mit einer innovativen kirchen(raum)pädagogischen Methode: Die Kirche selbst wird zum Sprecher, ihre Architektur und Geschichte zu Lehrerinnen für aktuelle Fragen des Zusammenlebens.
Die Votivkirche erzählt mehrschichtig. Sie wurde 1853 nach einem Attentat auf Kaiser Franz Joseph als „Dom der Völker" konzipiert – ein architektonisches Einheitsprogramm der Habsburgermonarchie, das Multikulturalität und friedliches Zusammenleben symbolisieren sollte. Doch bereits 1879, bei ihrer Vollendung, war klar: Der Traum einer vereinten Vielvölkermonarchie würde nicht aufgehen. Das Grabmal des Nikolaus Graf Salm erinnert an die Osmanen-Belagerung 1529, ein Thema, das in österreichischen Diskursen über Migration und Islam bis heute nachwirkt. Die 78 Glasfenster wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört und neu gestaltet – mit Gedenkfenstern für Franz Jägerstätter und Heinrich Maier, Märtyrer gegen diktatorische Gewalt. Ein Seitenaltar ist der Madonna von Guadalupe gewidmet, weil Kaiser Maximilians Mexiko-Zeit das Marienheiligtum verankert hat.
Diese historischen Schichten treffen auf unmittelbare Gegenwart: 2012 besetzten Flüchtlinge die Votivkirche als Protest gegen unmenschliche Betreuungsbedingungen – ein realer Ort konkreter Herausforderungen. Die Andacht verbindet biblische Grundlagen (Deuteronomium 26, die Migrationsgeschichte Israels als dankbares Bekenntnis) mit Auszügen aus Elfriede Jelineks Theatertext „Die Schutzbefohlenen", um Ohnmacht und Überforderung zu verarbeiten. Kunst und Liturgie werden zu Ressourcen für eine religionspädagogische Arbeit, die nicht bei theoretischen Konzepten einer „migrationssensiblen Religionspädagogik" stehen bleibt, sondern sie in der Tiefenschärfe eines Ortes zur Sprache bringt.