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Eulenfisch

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Zeit-lose Klänge, still im Raum

Veröffentlichung:1.1.2013

Der Fachartikel „Zeit-lose Klänge, still im Raum“ von Rainer O. Neugebauer ist im Heft ru-heute erschienen und umfasst ca. 3 Seiten (S. 63–65). Der Artikel beschreibt das Orgelprojekt ORGAN²/ASLSP des Komponisten John Cage in Halberstadt, dessen Aufführung auf 639 Jahre angelegt ist. Das Projekt wird als künstlerisches Experiment verstanden, das neue Erfahrungen von Zeit, Klang und Wahrnehmung ermöglicht. Theologisch berührt der Artikel Fragen nach Zeit und Ewigkeit, Erfahrung von Stille, Sinn von Gegenwart, sowie nach Geduld, Hoffnung und Zukunftsperspektive des Menschen.

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Der Artikel beschäftigt sich mit dem außergewöhnlichen Orgelprojekt ORGAN² ASLSP von John Cage in der Burchardi Kirche in Halberstadt. Die Aufführung dieses Musikstücks ist auf eine Dauer von 639 Jahren angelegt und gilt als eines der ungewöhnlichsten Musikprojekte der Gegenwart. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Frage nach der Bedeutung von Zeit. Bereits Augustinus beschrieb die Schwierigkeit, Zeit zu erklären. Auch in der antiken Kultur wurde Zeit personifiziert und unterschieden zwischen der fortlaufenden Zeit und dem günstigen Augenblick. In der modernen Welt entwickelte sich daraus eine lineare und mathematische Zeitvorstellung.

Musik ist eine besondere Form der Erfahrung von Zeit, weil sie nur in der Gegenwart erklingt und gleichzeitig Vergangenheit und Zukunft miteinander verbindet. Das Orgelprojekt in Halberstadt ermöglicht eine außergewöhnliche Erfahrung von Zeit. Klänge dauern über Monate oder Jahre hinweg an. Dadurch entsteht der Eindruck von Stillstand oder Zeitlosigkeit. Viele Besucher erleben die Klänge meditativ und als Gegenpol zu einer beschleunigten Gegenwart, in der Menschen von Termin zu Termin eilen.

Das Projekt wurde am 5. September 2000 gestartet, dem Geburtstag des Komponisten John Cage. Die Aufführung findet in der ehemaligen Burchardi Kirche statt. Die Dauer von 639 Jahren wurde bewusst gewählt. Sie orientiert sich an der Orgelgeschichte Halberstadts. Im Jahr 1361 wurde dort eine bedeutende Orgel eingeweiht, die zu den frühesten großen Instrumenten mit einer zwölfstufigen Klaviatur gehörte. Die Zeitspanne zwischen diesem Datum und dem Beginn des Projektes bestimmt die Dauer der Aufführung.

John Cage war ein bedeutender Vertreter der musikalischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Er verstand Musik als offenen Prozess. Für ihn waren alle Klänge gleichwertig. Auch Geräusche oder Stille konnten Teil eines musikalischen Werkes sein. Seine Kompositionen entstehen häufig mithilfe von Zufallsverfahren. Dadurch soll die persönliche Absicht des Komponisten zurücktreten. Cage interessierte sich für Prozesse, deren Verlauf nicht vollständig vorhersehbar ist.

Das Stück ASLSP bedeutet so langsam wie möglich. Für ein Klavier ist diese Anweisung begrenzt, weil der Klang eines angeschlagenen Tons verklingt. Eine Orgel kann Töne jedoch beliebig lange halten, solange Luft durch die Pfeifen strömt. Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit einer extrem langen Aufführung. Die Halberstädter Version des Stücks nutzt diese Besonderheit der Orgel. Einzelne Töne oder Akkorde erklingen über viele Jahre hinweg, bevor ein neuer Klangwechsel erfolgt.

Das Projekt wirft zahlreiche Fragen auf. Manche Kritiker halten die Aufführung für übertrieben oder sinnlos. Andere sehen darin ein faszinierendes Experiment über Zeit und Kunst. Es wird diskutiert, wie genau Klangwechsel berechnet werden sollen oder wer eigentlich die Musiker eines solchen Konzertes sind. Auch stellt sich die Frage, ob ein Konzert existiert, wenn oft keine Zuhörer anwesend sind.

Trotz dieser offenen Fragen besitzt das Projekt eine große symbolische Kraft. Es verbindet Vergangenheit und Zukunft und eröffnet eine neue Perspektive auf Zeit und Geduld. Die Aufführung kann als Ausdruck von Hoffnung verstanden werden, weil sie weit über das Leben einzelner Menschen hinausreicht. Die ehemalige Klosterkirche wird so zu einem Raum des Hörens und der Reflexion über Zeit, Stille und Zukunft.

Der Artikel betont schließlich, dass dieses Projekt zu einer besonderen Haltung gegenüber Zeit einlädt. Wer die Aufführung besucht, kann eine Erfahrung von Langsamkeit und Aufmerksamkeit machen. Offene Ohren und Geduld werden zur Voraussetzung dafür, die ungewöhnliche Klangwelt wahrzunehmen.

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