Wolfgang Sander argumentiert in seinem Artikel, dass das Kontroversitätsprinzip, wie es im Beutelsbacher Konsens der politischen Bildung formuliert wurde, nicht als normativ neutral verstanden werden kann. Ausgehend von der Analyse der postsäkularen Gesellschaft zeigt der Autor, dass hinter dem Gebot, kontroverse Inhalte auch im Unterricht kontrovers darzustellen, normative Voraussetzungen liegen, die sich auf zentrale Konzepte wie Mündigkeit, Freiheit der Person und Menschenwürde beziehen. Diese Konzepte haben ihre historischen Wurzeln in der christlichen Tradition der europäischen Kultur, insbesondere in der paulinischen Theologie und ihrer Idee der moralischen Gleichwertigkeit aller Menschen. Der Autor widerlegt die verbreitete Annahme, dass säkulare Begründungen diese Konzepte hinreichend ersetzen könnten. Im zweiten Teil des Artikels werden drei konkrete Problemfelder erörtert, in denen sich die Spannung zwischen Kontroversität und Positionalität zeigt: (1) der normative Rahmen des Beutelsbacher Konsenses selbst, (2) religiös motivierter Extremismus wie der Islamismus, bei dem Positionalität vor Kontroversität gehen muss, und (3) politische Quasi-Religionen wie die Wokeness-Bewegung, die säkularisierte Formen christlicher Eschatologie darstellen. Der Artikel plädiert für eine intensivere Kooperation zwischen Religionsunterricht und politischer Bildung und betont, dass beide Fächer sich ihrer christlichen ideengeschichtlichen Grundlagen bewusst sein sollten, um Vielfalt und kulturelle Identität angemessen zu reflektieren.