Der Artikel geht der Frage nach, inwiefern eine intertextuelle Lektüre von Bibel und Koran einen wertvollen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs über Christentum und Islam in Europa leisten kann. Als methodische Grundlage wird Intertextualität verstanden als strukturalistisches Konzept zur Analyse von semantischen und syntaktischen Verbindungslinien zwischen Texten. Der Artikel argumentiert, dass Bibel und Koran nicht nur als theologische Quellen, sondern als Meisterstücke der Weltliteratur gelesen werden können, was einen kognitiv-intellektuellen Zugang ermöglicht, der in heterogenen Lerngruppen fruchtbar ist. Die Autorin identifiziert 25 Figuren als „shared heritage", die in beiden Texten vorkommen und sich für intertextuelle Lektüren eignen, weil sie hohen Wiedererkennungswert haben (Interfigurialität). Zentral ist die Analyse der Figur Maria/Mirjam/Maryam, die sowohl in christlicher und islamischer Tradition als auch in der Weltliteratur bekannt ist. Die exegetische Konkretisierung untersucht drei ausgewählte Szenen: Exodus 15,20–21 (Lied der Mirjam), Lukas 1,46–55 (Magnificat der Maria) und Sure 3:35–47 (koranische Marienerzählung). Die Untersuchung zeigt intertextuelle Verbindungslinien auf, die die typologische Vernetzung der biblischen Figuren Mirjam und Maria verdeutlichen. Im Koran wird Maria als Tochter Imrans, Schwester Aarons und Mutter Jesu dargestellt. Beide biblischen Frauenfiguren werden mit Gottes Befreiung und Rettung verbunden und setzen sich gegen herrschende Machtstrukturen auf. Didaktisch wird argumentiert, dass intertextuelle Lektüren zu einer vertieften Wahrnehmung von Maria führen und eindimensionale Vorstellungen anreichern können. Sie ermöglichen Schülerinnen und Schülern, blinde Flecken zu entdecken, geglättete Deutungen kritisch zu hinterfragen und die eigene Perspektive im Diskurs zu stärken. Der Artikel betont zwei gesellschaftliche Mehrwerte: Erstens können Schüler fachkompetent an gesellschaftlichen Debatten teilnehmen; zweitens tragen Lehrpersonen zur gesamtgesellschaftlichen Teilhabe an Bibel und Koran als kulturellem Erbe Europas bei. Mehrperspektivität und Diskursivität wirken gegen Vereindeutigung und können künstlich konstruierte binäre Oppositionen zwischen „eigen" und „fremd" aufbrechen.