Auf einmal ist Frankfurt ein Werner Tübke-Zentrum. 2023 schenkte das Ehepaar Barbara und Eduard Beaucamp dem Städel Museum 46 Zeichnungen und Aquarelle des Leipziger Künstlers, die in einer Ausstellung vom 2.7. bis zum 28.9.2025 öffentlich präsentiert und von einem klugen Katalogbuch begleitet werden. Darin würdigt der Kunsthistoriker Herwig Guratzsch das Interesse und Engagement des früheren FAZ-Kunstkritikers Beaucamp für die bildende Kunst in der DDR. Dort lernte er 1966 Tübke kennen; aus dem Schreiben über den Künstler entwickelte sich eine Freundschaft. Damit sich Berufliches und Privates nicht verwischen, hat das Ehepaar Beaucamp die gezeigten Papierarbeiten käuflich erworben. Einen guten Einblick in die Bildkunst Werner Tübkes (1929-2004) gibt die Kuratorin Regina Freyberg in ihrem Beitrag „Metamorphosen“ (16-34). Im Werk des Malers und Druckgrafikers stehen die Zeichnungen im Zentrum – nicht nur zahlenmäßig, sondern als ganz eigenständige Bildlösungen. Sie erlaubten ihm größere Freiheit und sind (anders als die Gemälde) nicht immer komplett durchmodelliert. Die gezeigten Aquarelle und Zeichnungen in Grafit, Feder und Kreide sind zwischen 1957 und 2000 entstanden. Tübke ist ein figurativer Künstler. Im Mittelpunkt steht der Mensch – genauer: der Mensch in seiner Unveränderlichkeit. Die „Grundkonflikte des Menschen“, sagt er 1993 in einem Interview, „stehen alle im Alten Testament. Liebe, Tod, Verzweiflung: Viel mehr gibt es nicht … was den Menschen bewegt, bleibt stets dasselbe.“ Deshalb vertritt er auch keinen Zukunftsoptimismus, sondern kann in der Geschichte – im Gegensatz zum sozialistischen Fortschrittsglauben – nur eine Wiederkehr des stets Gleichen erkennen. Ein treffender Beleg ist sein berühmtestes Werk, das mehr als 1.700 Quadratmeter große Rundgemälde „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland“ (1976-1987) in Bad Frankenhausen, das Beaucamp als „fatalistisch“ und „apokalyptisch“ charakterisiert hat. Figurative Kunst meint nicht realitätsgetreue Abbildung von Wirklichkeit. Tübke greift zum einen auf ältere kunstgeschichtliche Stile – bevorzugt Renaissance und Manierismus – zurück und macht zum anderen Anleihen bei der antiken und vornehmlich der christlichen Ikonografie. Er bewegt sich zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her, womit verunklärt wird, wann (und wo) die Geschehnisse auf dem Bild spielen. Metaphern und Allegorien führen zu „Metamorphosen“ der Wirklichkeit, so dass die Bilder vieldeutig werden und ihre Bedeutung in der Schwebe bleibt. Deshalb ist ihr rasches Erschließen ausgeschlossen. Tübkes Bilder verlangen viel: ein geduldiges Sehen „bei gleichzeitiger Offenheit für das Uneindeutige“ (19). Ausstellung und Katalog ordnen die Bilder nicht chronologisch, sondern nach fünf wiederkehrenden Themenkomplexen. Zu fast jedem Blatt gibt Beaucamp knappe, für das Verständnis wesentliche Hinweise (118-143). In der mit „‚Negative Utopie‘. Geschichtsbilder“ überschriebenen Abteilung finden sich u.a. fünf Arbeiten, die in den Kontext von Tübkes wichtigstem zeitgeschichtlichen Werk gehören: dem aus Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen bestehenden Zyklus „Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze“ (1964-67). Diesem Zyklus widmet sich Beaucamp in seinem Beitrag „Abgründe der Erinnerung“ (36-60). Angestoßen durch den Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963-65) entstehen – laut Tübke im Selbstauftrag – „Erinnerungsbilder“, die sich der nationalsozialistischen Terrorjustiz und dem Fortwirken vieler „Blutrichter“ nach dem Krieg widmen. „Erinnerungsbilder“ bedeutet zum einen die „narrative Darstellung“ (41) der Untaten eines mit dem Allerweltsnamen „Schulze“ bezeichneten Unrechtsjuristen, zum anderen die „subjektive Erinnerung“ (43), d.h. die dezidiert persönliche, von Auftragsvorgaben freie Auseinandersetzung des Künstlers mit dieser ihn quälenden Thematik. So zeigt eine suggestive Studie der Sammlung Beaucamp – ähnlich einer Ecce Homo-Darstellung – den Torso eines Häftlings, dem die Augen ausgestochen wurden. Tübke findet keine endgültige Bildlösung, wie die elf Gemälde des Zyklus belegen. Diese sind von sehr unterschiedlichem Format und sie bestehen aus etlichen heterogenen Szenen, die zu einer fragilen Einheit zusammengeführt sind. Weil Tübkes Gemälde zeitkritische, aber keine antifaschistischen Kampfbilder sind, wurde er von der offiziellen DDR-Kulturpolitik heftig kritisiert. In der Abteilung „‚Ich spiele mich, wie ich bin‘. Selbstdarstellungen“ wird erkennbar, dass der Künstler sich über Selbstporträts hinaus in Stellvertreterfiguren spiegelt – wofür er wiederholt die vieldeutige Maskerade des Narren bzw. Harlekins aufgreift. Tübke wurde von Zweifeln am eigenen Ich heimgesucht. In einem Brief aus dem Winter 1988 an den Freund schreibt er vom „Elend der Gottesferne … Ich meine, dass es mich nicht gibt. Und das meine ich ganz ernst … Also, Eduard, wer bin ich?“ Tübke gehörte zu den wenigen Künstlern der DDR, die viele Auslandsreisen unternehmen konnten. Dabei entstanden Landschaftsbilder, die im Themenkomplex „Welthautbildnisse“ zusammengestellt sind. Sie bilden die Natur nicht mimetisch ab, sondern sind verdichtete Erinnerung und beschwören Nicht-Sichtbares hervor. – In der Abteilung „Zeitperformation“ findet sich die berührende Zeichnung „Lourdes“ (1977), worauf ein entstellter Pilger in einem alten Rollstuhl unser Mitleid erregt. Überhaupt galt Tübkes Interesse Außenseitern und Zukurzgekommenen. Auf dem farbigen Blatt „Ignatius von Loyola“ (1978) wird der Gründer der Jesuiten zum Zeitgenossen. Unter der Überschrift „‚Fabeln‘. Capriccios“ finden sich eine Reihe besonders sonderbarer und verrätselter Zeichnungen. Sie sind wohl im Atelier beim Hören von MRD und Deutschlandfunk in „Stunden der Versenkung, des absolut Weggetreten-Seins, in denen ich gar nicht mehr vorhanden bin“ (aus dem Interview von 1993) entstanden. Zu der merkwürdigen Zeichnung „Heilung eines Kranken“ (1980) bemerkt Beaucamp: „Die Zeichnung zeichnet sich selbst – ohne Absicht und Ziel.“ (135) Der informative, reich bebilderte Katalog wird mit einer Biografie des Künstlers (144-149) und einem ausführlichen Literaturverzeichnis (150-157) abgeschlossen. Ein großer Dank ist an das Ehepaar Beaucamp zu richten: Mit ihrer großzügigen Schenkung haben sie den Besuchern des Städels einen Zugang in den kaum auszulotenden „Kosmos Tübke“ (Regina Freyberger) ermöglicht. Frankfurt: Städel Museum. 2025 160 Seiten m. s-w u. farb. Abb. 25,50 € ISBN 978-3-947879-34-2