Der Philosoph im Schatten von Jan Hus Mit einer Einführung von Eugen Drewermann Die Geschichte des Konzils von Konstanz ist in der allgemeinen Geschichtsschreibung überschattet von der Hinrichtung des Theologen und Kirchenreformers Jan Hus. Mit seinem Namen verbindet sich exemplarisch eine jahrhundertelange, gewaltsame Unterdrückungspolitik im Namen religiöser Wahrheit, die deviante Formen der Wahrheitssuche rigoros ausmerzte. Zu den Querdenkern des späten Mittelalters ist sicherlich auch Hieronymus von Prag zu rechnen, der aufgrund ähnlich kirchenkritischer und reformerischer Thesen wie diejenigen von Jan Hus auf dem Konstanzer Konzil verurteilt und hingerichtet wurde. Anders als Hus ist Hieronymus von Prag heute jedoch nur noch wenigen ein Begriff aufgrund mangelhaften Forschungsinteresses sowie fehlender Würdigung an den zahlreichen „historischen Orten“ in ganz Europa, die Hieronymus als Gelehrter seiner Zeit besucht hatte. Eine Karte im Einband des Buches gibt hier einen nützlichen Überblick. Ein Stadtplan von Konstanz lädt zudem dazu ein, die Stadt einmal auf den Spuren des Hieronymus von Prag zu entdecken. Den Autoren des schmalen Buches geht es darum, das Ungleichgewicht der Erinnerungskultur zwischen Hus und Hieronymus zu ergründen und ein Stück weit abzumildern. In eindrücklicher Geschichtserzählung gelingt es ihnen, in die Welt des frühen 15. Jahrhunderts einzutauchen und so dem Lesepublikum die Umstände um den Tod der beiden Freunde Jan Hus und Hieronymus von Prag lebendig vor Augen zu führen. Unter Zuhilfenahme von zahlreichen aktuellen wie historischen Bildern und eingeschobenen Zeitzeugenberichten der Konstanzer Ereignisse entsteht ein facettenreicher Einblick in Leben und Denken eines Reformers, der sich mit äußerlichen Begrenzungen seines Denkens nicht zufriedengeben wollte. Gerade dadurch kann er als Vorläufer der Moderne wahrgenommen werden. Etwas deplatziert und abgehoben erscheint bei diesem Büchlein, das sich offensichtlich an ein breites, historisch interessiertes Publikum richtet, die Einleitung von Eugen Drewermann. Zu selbstverständlich werden hier – gemessen am intendierten Publikum – profunde Kenntnisse theologischer Sachverhalte der spätmittelalterlichen Scholastik vorausgesetzt. Die Einleitung wirkt wie eine gehetzte Anhäufung philosophischer Fragen, Fachtermini und Persönlichkeiten der Kirchengeschichte. Was hier fehlt, ist die narrative Leichtigkeit, mit der die Hauptautoren ihre Leserinnen und Leser in den Bann zu ziehen vermögen. Alles in allem handelt es sich jedoch um eine sehr anregende Lektüre, die Lust auf die weitere Erforschung dieser vergessenen Persönlichkeit macht und uns vor Augen führt, dass unsere Erinnerung an Vergangenes allzu oft davon abhängt, ob und wie wir danach fragen. Konstanz: Südverlag. 2016 112 Seiten m. farb. Abb. 16,00 € ISBN 978-3-87800-100-3