RU-digitalRU-digital-logo
1 Bild
EulenfischAlexander Schüller

Eulenfisch,

Alexander Schüller

Rezension: Hartmut Rosa: When Monsters Roar and Angels sing. Eine kleine Soziologie des Heavy Metal

Veröffentlichung:29.4.2024

Rezension der Veröffentlichung When Monsters Roar and Angels sing. Eine kleine Soziologie des Heavy Metal von Hartmut Rosa, erschienen im Eulenfisch Literatur Magazin.

Products

Muss man Hartmut Rosa vorstellen? Notwendig erscheint es nicht. Seit Jahren gehört er zu den gefragtesten Gesprächspartnern im deutschsprachigen Raum. Denn er gilt als jemand, der sich auch ohne das Sicherheitsnetz des Soziologenjargons souverän zu bewegen weiß, bei Bedarf aber auf akademische Sprachkonventionen zurückzugreifen vermag. Längst sind seine Bücher, auch und gerade die seitenstärksten, zu Impulsgebern für Politik und Wissenschaft geworden – nicht zuletzt für die Theologie. Einige ihrer Titel, zuletzt „Unverfügbarkeit“, haben geradezu den Rang geflügelter Worte gewonnen, mit denen man sich zu verstehen gibt, dass man den Geist unserer Zeit auf den Begriff zu bringen weiß. Und dennoch muss man Hartmut Rosa hier vorstellen. Bisher dürfte nämlich nur den wenigsten bekannt sein, dass er neben seinen Leidenschaften für Soziologie und Orgelmusik noch eine dritte besitzt, die sich – irritierenderweise – schlecht mit den beiden ersten zu vertragen scheint: Hartmut Rosa ist Heavy-Metal-Fan – und hat über jene Musik, die vielen nur als primitiver Krach, als intellektuell nicht satisfaktionsfähige Musik der Deklassierten erscheinen mag, nun ein Buch geschrieben. Es ist der erste Band der neuen Reihe „Metalbook“, dessen beide Nachfolger bereits erschienen bzw. angekündigt sind. Hartmut Rosa wäre nicht derjenige, der er ist, wenn er ein Fanbuch über Heavy Metal vorgelegt hätte, wiewohl er sich schon im „Intro“ als Anhänger der Musikrichtung zu erkennen gibt. Sein Buch ist auch keine Autobiographie, die anhand der wichtigsten Stationen der eigenen musikalischen Sozialisation entfaltet wird, wiewohl es etliche autobiographische Verweise enthält und den Lieblingsbands – in Rosas Fall etwa Iron Maiden und Black Sabbath – sogar die „‚Zeugenschaft‘ der eigenen Lebensgeschichte“ (57) bescheinigt. Hartmut Rosa hat vielmehr ein Buch geschrieben, in dem Theorie und Erfahrung, Wissenschaft und Populärkultur auf glückliche Weise zusammenfinden. In den neun Kapiteln des Buches, das wie ein Musikalbum neben dem Intro auch ein Outro bietet, versucht sich Rosa nicht nur an einer kursorischen musikhistorischen Einordnung des Heavy Metal und einer Analyse der Hörerschaft, sondern es geht ihm darüber hinaus um Grundsätzliches: um die Korrelation der Resonanztheorie mit dem musikalischen Erlebnis und damit auch um einen Lackmustest. Dass es ihm dabei gelingt, weitgehend auf Fachjargon zu verzichten und die Resonanztheorie leicht nachvollziehbar vorzustellen, ist nur eine der Stärken des Buches. Eine weitere, keineswegs selbstverständliche Stärke besteht darin, dass sich Rosa im Heavy Metal bestens auskennt. Wer jemals die fehlerhaften Beiträge mancher Autoren über Heavy Metal inklusive ihres bildungsbürgerlichen Naserümpfens ertragen musste, weiß diesen Umstand sehr zu schätzen. Sachliche Fehler sind in dem Buch deshalb nur wenige zu finden (Iron Maidens Live-Album und Video „Rock in Rio“ dokumentiert z.B. den Abschluss der Welttournee zum „Brave New World“-Album und nicht der „The Final Frontier World Tour“). Sie sind so marginal, dass man konstatieren darf: Hier schreibt jemand, der weiß, worüber er redet. Mehr noch: Hier schreibt jemand, der es versteht, das musikalische Hörerlebnis begrifflich zu fassen und dessen subjektive Bedeutung auf phänomenologische Art präzise zu beschreiben und einleuchtend als Resonanzerfahrung zu deuten. Dazu drei Beispiele: Den Konzertauftakt, das plötzliche, oft von pyrotechnischen Effekten theatralisch begleitete Erscheinen der Musiker auf der Bühne, deutet Rosa in überzeugender Weise als „Epiphanie“: als religiöse Erfahrung, die „Erfahrung einer ‚resonierenden‘, lebendigen, atmenden Rückgebundenheit an das Leben, das Weltganze“ (23). Ebenso überzeugend ist, dass er im festen Rhythmus der Metal-Musik ein Gerüst erkennt, das den Hörenden das Gefühl ontologischer Sicherheit verleiht und ihnen gleichzeitig ermöglicht, Neues aufzunehmen, ontologisch gesprochen: sich auf das „Schwankendwerden des Untergrundes“ einzulassen (95). Die verzerrten Gitarren der Metalmusiker schließlich deutet Rosa als beschädigte ‚natürliche‘ Klänge, die die Erfahrung der Entfremdung in der Industriegesellschaft ästhetisch verarbeiten. Vielleicht könnte man hier sogar noch weiter gehen und die These aufstellen, dass die Gitarristen, die in den Anfangstagen oft aus der Arbeiterklasse kamen und in den Fabriken schufteten, den ohrenbetäubenden Maschinenlärm revolutionär aufwerteten, indem sie die hämmernden Drums, die galoppierenden Bassläufe und die schneidenden Gitarren zu einem ästhetischen Genuss erklärten. Es wäre sicher nicht völlig abwegig zu behaupten, dass manches, was Rosa über den Heavy Metal zu sagen hat, auch auf andere Musikrichtungen zutrifft – etwa auf die Beats von Techno und Rap. Das gilt in vielerlei Hinsicht auch für jene „existentielle Transgression“ (15), die Rosa dem Metal als spezifisch attestiert. Was aber ist dann das Einzigartige am Metal im Vergleich zu anderer (populärer) Musik? Nun, dieses Eigentliche erkennt Rosa in der (spirituellen) Ambivalenz des Metal, von der auch der Titel seines Buches zeugt. Im Metal drehe sich alles um die „gefühlte Begegnung mit einer Macht oder einer Wirklichkeit, die über einen selbst hinaus geht; sei sie gut oder böse.“ (Ebd.) Der Zusatz ist entscheidend. Für Rosa ist der Heavy Metal eine Musikrichtung, in der es um die „letzten Dinge“ geht. Doch als musikalisches Genre schlägt sich der Metal nicht durchweg auf die Seite des Bösen, der Monster und Teufel, was man angesichts martialischer, z.T. abstoßender Texte und Cover vermuten könnte. Der Metal mit seinen unzähligen Subgenres, manchmal sogar ein und dieselbe Band, ist nicht festzulegen. Er macht die Widersprüche der Welt sichtbar, ohne sie aufzulösen; er erzählt von den oft verdrängten Schattenseiten des Lebens und doch auch vom Guten: von Gott, Engeln, Liebe und Frieden (so etwa im Doom und White Metal). Rosa ist diese Einsicht so wichtig, dass er sie bildlich ausdrückt: Es ist „das gleichzeitige, unkontrollierbare Brüllen der Monster und das Jubilieren der Engel, welche die Essenz des Metal definieren“ (76). Diese These hat sehr viel für sich, zumal wenn man an die im Metal häufige Kombination von scheinbar Unvereinbarem denkt: von glockenhellem, fast opernhaftem Gesang oder tiefem Grunzen, filigranen Soli und tiefergestimmten, sägenden, gelegentlich verstörenden Riffs. Auch die Gender-Fluidität der Bands und Texte, das Zugleich von protzender Männlichkeit und langen Haaren, ja mitunter sogar femininer Attitüde, zeigt, auf welche Erfahrung es im Metal ankommt: auf jene unverfügbare Erfahrung der Grenzüberschreitung, vermittelt im musikalischen Erlebnis. Gewiss: Rosas Buch ist ein Nebenwerk. Gleichwohl macht es deutlich, dass der Heavy Metal für die Theologie, sofern sie sich auch als Kulturwissenschaft versteht, ein lohnendes Arbeitsfeld darstellt. Für die Religionspädagogik erscheint die Auseinandersetzung mit dem Heavy Metal einträglich – nicht zuletzt, weil er die einzige populäre Musikrichtung ist, in der Gott und Teufel, Tod und Gewalt, Transzendenz und Spiritualität in allen nur denkbaren Facetten eine zentrale, genrekonstituierende Rolle spielen, noch dazu unabhängig vom persönlichen Bekenntnis oder dem Glauben überhaupt. Somit ist Rosas „Versuch einer Selbstdeutung aus Fansicht und Fanerleben“ (24f.) für andere spannend und kann ebenso sehr das theoretische Nachdenken wie das praktische Tun beflügeln. Auch wenn es nicht notwendig ist, dass Rosa sich uns als Metalfan vorstellt, inspirierend ist es in jedem Fall – und macht Spaß. Metalbook, Vol. 1 Stuttgart: W. Kohlhammer Verlag. 2023 187 Seiten m. s-w Abb. 20,00 € ISBN 978-3-17-042648-1

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern Datenschutz.