Für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 eignet sich das Medium besonders für die Auseinandersetzung mit Gerechtigkeit, sozialer Verantwortung, Freiheit, Gleichheit, Armut, Reichtum und Chancengerechtigkeit. Die Theorie ermöglicht es den Lernenden, eigene Vorstellungen von Gerechtigkeit zu reflektieren und zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit zu unterscheiden. Als Einstieg kann ein einfaches Verteilungsexperiment verwendet werden. Die Lernenden erhalten beispielsweise die Aufgabe, einen fiktiven Geldbetrag oder eine bestimmte Anzahl begehrter Güter auf mehrere Personen zu verteilen. Zunächst dürfen sie wissen, welche Person welche Voraussetzungen besitzt. In einem zweiten Durchgang wird die Verteilung vorgenommen, ohne dass bekannt ist, welche Position die Lernenden später selbst einnehmen werden. Die unterschiedlichen Ergebnisse können anschließend miteinander verglichen werden. Dadurch wird die Grundidee des Schleiers des Nichtwissens erfahrbar, bevor der philosophische Begriff eingeführt wird.
Das Gedankenexperiment des Urzustands eignet sich besonders für eine handlungsorientierte Erarbeitung. Die Lernenden können sich vorstellen, eine neue Gesellschaft gründen zu müssen. Sie sollen Regeln für Einkommen, Bildung, Gesundheitsversorgung, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und gesellschaftliche Ämter entwickeln. Dabei wissen sie nicht, ob sie später reich oder arm, gesund oder krank, besonders begabt oder weniger begabt sein werden. Entscheidend ist, dass die Lernenden zunächst tatsächlich Regeln entwickeln und erst anschließend erfahren, welche Regeln Rawls für vernünftig hält. Dadurch wird das Gedankenexperiment nicht lediglich theoretisch erklärt, sondern als philosophische Methode nachvollzogen. Das Medium beschreibt den Schleier des Nichtwissens ausdrücklich so, dass den Beteiligten wesentliche Informationen über ihre spätere gesellschaftliche Stellung verborgen bleiben.
Anschließend sollte der Begriff der Gerechtigkeit als Fairness erarbeitet werden. Die Lernenden können untersuchen, weshalb der Schleier des Nichtwissens nach Rawls faire Entscheidungen ermöglichen soll. Dabei sollte deutlich werden, dass niemand Regeln ausschließlich zum eigenen Vorteil gestalten kann, weil niemand weiß, welche gesellschaftliche Position später die eigene sein wird. Die Lernenden können beispielsweise diskutieren, ob sie einer Gesellschaft zustimmen würden, in der Menschen mit bestimmten Merkmalen grundsätzlich weniger Rechte besitzen. Da sie nicht wissen, ob sie später selbst zu dieser Gruppe gehören, entsteht ein Anreiz, Regeln zu entwickeln, die niemanden willkürlich benachteiligen. Das Medium verbindet diese Überlegung ausdrücklich mit Rawls Verständnis von Gerechtigkeit als Fairness.
Für die Erarbeitung der Maximin Regel eignet sich ein Entscheidungsspiel. Die Lernenden erhalten mehrere mögliche Gesellschaftsmodelle mit unterschiedlich verteilten Einkommen und Lebenschancen. Bei jeder Variante wird besonders die Situation der am schlechtesten gestellten Gruppe betrachtet. Die Lernenden wählen zunächst selbst ein Modell und begründen ihre Entscheidung. Anschließend wird die Maximin Regel eingeführt. Sie können nun überprüfen, welches Modell nach dieser Regel gewählt werden müsste. Wichtig ist dabei auch eine kritische Auseinandersetzung. Das Medium weist darauf hin, dass hinterfragt werden kann, ob Menschen im Urzustand tatsächlich nach der Maximin Regel entscheiden würden. Denkbar wäre auch, dass sie größere Risiken akzeptieren, wenn dadurch die Aussicht auf eine besonders vorteilhafte gesellschaftliche Position entsteht.
Das Gleichheitsprinzip bietet einen geeigneten Übergang zu den Themen Menschenrechte und Religionsfreiheit. Die Lernenden können verschiedene Grundfreiheiten sammeln und anschließend untersuchen, weshalb Rawls diese allen Menschen gleichermaßen zusprechen möchte. Im Medium werden ausdrücklich Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit als Beispiele genannt. Für den Religionsunterricht kann daran die Frage angeschlossen werden, weshalb Religionsfreiheit für eine gerechte Gesellschaft wichtig ist. Die Lernenden können zwischen der Freiheit, eine Religion auszuüben, der Freiheit, die Religion zu wechseln, und der Freiheit, keiner Religion anzugehören, unterscheiden. Dadurch lässt sich Rawls Theorie mit Fragen religiöser Pluralität und gesellschaftlicher Toleranz verbinden.
Besonders ergiebig ist die Auseinandersetzung mit dem Differenzprinzip. Die Lernenden sollten zunächst erkennen, dass Rawls nicht jede Ungleichheit grundsätzlich ablehnt. Soziale und wirtschaftliche Unterschiede können nach der Darstellung des Mediums gerechtfertigt sein, wenn auch die schlechter gestellten Menschen davon profitieren. Zusätzlich müssen gesellschaftliche Positionen und Ämter unter Bedingungen fairer Chancengleichheit zugänglich sein. Zur Veranschaulichung können unterschiedliche Einkommensmodelle miteinander verglichen werden. Die Lernenden prüfen jeweils, ob eine Ungleichheit lediglich den bereits Privilegierten nutzt oder ob sie zugleich die Lebenssituation der schlechter gestellten Menschen verbessert.
Ein weiterer Unterrichtsschwerpunkt kann auf Chancengerechtigkeit liegen. Das Medium unterscheidet eine bloß formale Chancengleichheit von tatsächlich vergleichbaren Erfolgschancen. Es wird die Frage aufgeworfen, ob Menschen mit vergleichbaren Fähigkeiten und vergleichbarer Anstrengung auch dann ähnliche Erfolgsaussichten besitzen, wenn sie aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen stammen. Diese Überlegung kann auf Schule und Bildung übertragen werden. Die Lernenden können beispielsweise diskutieren, ob es gerecht ist, allen dasselbe Angebot zu machen, wenn ihre Ausgangsbedingungen unterschiedlich sind. Daran lässt sich der Unterschied zwischen Gleichbehandlung und gerechter Förderung verdeutlichen.
Für den Religionsunterricht bietet sich anschließend ein Vergleich mit biblischen Gerechtigkeitsvorstellungen an. Rawls Gerechtigkeit als Fairness kann beispielsweise mit der besonderen Aufmerksamkeit biblischer Texte für Arme, Benachteiligte und gesellschaftlich Schwächere in Beziehung gesetzt werden. Dabei sollten Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet werden. Rawls entwickelt seine Gerechtigkeitsgrundsätze mithilfe eines philosophischen Gedankenexperiments und rationaler Zustimmung. Religiöse Gerechtigkeitsvorstellungen können Gerechtigkeit dagegen zusätzlich aus dem Verhältnis zwischen Gott und Mensch sowie aus der Verantwortung des Menschen gegenüber seinen Mitmenschen begründen. Dadurch erkennen die Lernenden, dass ähnliche Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit unterschiedlich begründet werden können.
Methodisch eignet sich eine Fallanalyse zur Frage der gerechten Verteilung. Denkbar ist beispielsweise die Situation, dass eine Schule zusätzliche Fördermittel erhält. Die Lernenden entscheiden, ob alle Klassen denselben Betrag erhalten sollen oder ob Klassen mit größerem Unterstützungsbedarf mehr erhalten sollen. Anschließend wenden sie Rawls Prinzipien auf den Fall an. Dadurch wird der Unterschied zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit besonders anschaulich. Die Lernenden erkennen, dass eine identische Verteilung nicht automatisch eine gerechte Verteilung darstellen muss.
Eine strukturierte Diskussion kann sich der Frage widmen, ob sehr große Unterschiede bei Einkommen und Vermögen gerecht sein können. Dabei sollten die Lernenden nicht lediglich persönliche Meinungen äußern, sondern anhand des Differenzprinzips argumentieren. Sie müssen prüfen, ob eine bestehende Ungleichheit tatsächlich die Situation der schlechter gestellten Menschen verbessert und ob faire Chancen auf gesellschaftliche Positionen bestehen. Das Medium unterscheidet hierzu einen ungerechten, einen durchweg gerechten und einen vollkommen gerechten Zustand und fasst das angestrebte Verhältnis schließlich mit der Vorstellung zusammen, gesellschaftliche Güter so gleich wie möglich und so ungleich wie nötig zu verteilen.
Zur Ergebnissicherung können die Lernenden ein Schaubild erstellen, in dessen Zentrum Gerechtigkeit als Fairness steht. Davon ausgehend werden Urzustand, Schleier des Nichtwissens, Maximin Regel, Gleichheitsprinzip, Differenzprinzip und Chancengleichheit miteinander verbunden. Abschließend kann zur Ausgangsfrage zurückgekehrt werden, was eine gerechte Gesellschaft auszeichnet. Die Lernenden formulieren eigene Gerechtigkeitsgrundsätze und vergleichen diese mit Rawls Theorie. Auf diese Weise fördert das Medium Sachkompetenz, Deutungskompetenz, Dialogkompetenz und ethische Urteilskompetenz und ermöglicht zugleich einen lebensweltlichen Zugang zu einer anspruchsvollen philosophischen Theorie.
Prüfungsfragen für eine Klausur in Klasse 10 mit Musterantworten
Aufgabe 1, Operator Beschreiben: Beschreiben Sie den Urzustand in John Rawls Theorie der Gerechtigkeit.
Musterantwort: Der Urzustand ist ein Gedankenexperiment, in dem Menschen Regeln für eine zukünftige gerechte Gesellschaft festlegen sollen. Die Beteiligten besitzen grundlegendes Wissen über menschliche Gesellschaften und können rational denken. Sie wissen jedoch aufgrund des Schleiers des Nichtwissens nicht, welche konkrete Position sie später in der Gesellschaft einnehmen werden. Ihnen sind beispielsweise ihr sozialer Status, ihr Geschlecht, ihre Gesundheit, ihre Fähigkeiten und ihre persönlichen Überzeugungen unbekannt. Dadurch sollen faire Bedingungen für die Auswahl von Gerechtigkeitsgrundsätzen entstehen.
Aufgabe 2, Operator Erläutern: Erläutern Sie die Funktion des Schleiers des Nichtwissens.
Musterantwort: Der Schleier des Nichtwissens soll verhindern, dass Menschen gesellschaftliche Regeln zu ihrem persönlichen Vorteil gestalten. Da niemand weiß, ob er später reich oder arm, gesund oder krank oder gesellschaftlich privilegiert oder benachteiligt sein wird, können die Beteiligten keine Regeln entwickeln, die gezielt ihrer eigenen späteren Position nutzen. Rawls möchte dadurch möglichst faire Bedingungen schaffen. Die Menschen sollen Grundsätze auswählen, denen sie unabhängig davon zustimmen können, welche Position sie später selbst einnehmen.
Aufgabe 3, Operator Erklären: Erklären Sie die Maximin Regel anhand eines eigenen Beispiels.
Musterantwort: Die Maximin Regel besagt, dass bei einer Entscheidung unter Unsicherheit besonders auf das schlechtestmögliche Ergebnis geachtet wird. Gewählt wird die Möglichkeit, bei der dieser schlechteste Ausgang noch möglichst gut ist. Wenn ein Mensch beispielsweise zwischen zwei Gesellschaften wählen müsste, ohne seine spätere Position zu kennen, würde er nach der Maximin Regel diejenige Gesellschaft wählen, in der es den am stärksten benachteiligten Menschen besser geht. Der Grund besteht darin, dass er selbst später zu dieser Gruppe gehören könnte.
Aufgabe 4, Operator Erläutern: Erläutern Sie Rawls Gleichheitsprinzip.
Musterantwort: Das Gleichheitsprinzip verlangt, dass jeder Mensch ein gleiches Recht auf ein möglichst umfangreiches System gleicher Grundfreiheiten besitzt. Dazu gehören nach der Darstellung des Mediums beispielsweise Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit. Die Freiheit eines Menschen darf dabei nicht so weit gehen, dass dadurch die entsprechenden Grundrechte anderer Menschen verletzt werden. Das Prinzip verlangt somit gleiche grundlegende Freiheiten für alle Menschen.
Aufgabe 5, Operator Erläutern: Erläutern Sie das Differenzprinzip nach Rawls.
Musterantwort: Das Differenzprinzip beschäftigt sich mit sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten. Rawls hält solche Unterschiede nicht grundsätzlich für ungerecht. Sie können gerechtfertigt sein, wenn sie auch den schlechter gestellten Menschen Vorteile bringen. Zusätzlich müssen gesellschaftliche Ämter und Positionen unter fairen Bedingungen zugänglich sein. Eine Ungleichheit ist somit nicht allein deshalb gerecht, weil sie wirtschaftlichen Erfolg erzeugt. Es muss geprüft werden, ob auch die weniger begünstigten Mitglieder der Gesellschaft davon profitieren.
Aufgabe 6, Operator Anwenden: Eine Schule erhält 10000 Euro zusätzliche Fördermittel. Möglichkeit A sieht vor, jeder Klasse genau denselben Betrag zu geben. Möglichkeit B sieht vor, Klassen mit besonders hohem Unterstützungsbedarf einen größeren Betrag zu geben. Wenden Sie Rawls Theorie auf diese Situation an.
Musterantwort: Rawls Theorie verlangt nicht automatisch eine identische Verteilung. Entscheidend ist vielmehr, wie sich eine Verteilung auf die schlechter gestellten Lernenden auswirkt. Wenn bestimmte Klassen aufgrund ihrer Ausgangssituation deutlich mehr Unterstützung benötigen, kann eine ungleiche Verteilung der Fördermittel gerechtfertigt sein. Möglichkeit B könnte deshalb mit Rawls Theorie vereinbar sein, wenn die zusätzliche Förderung die Situation der benachteiligten Lernenden verbessert und faire Bildungschancen unterstützt. Gerechtigkeit bedeutet bei Rawls somit nicht zwangsläufig, dass alle exakt dasselbe erhalten.
Aufgabe 7, Operator Vergleichen: Vergleichen Sie Gleichheit und Gerechtigkeit anhand von Rawls Differenzprinzip.
Musterantwort: Gleichheit bedeutet zunächst, dass alle Menschen denselben Anteil erhalten oder gleich behandelt werden. Gerechtigkeit kann nach Rawls jedoch eine unterschiedliche Verteilung zulassen. Eine Ungleichheit kann gerecht sein, wenn dadurch auch die Situation der schlechter gestellten Menschen verbessert wird. Ein Unterschied besteht somit darin, dass reine Gleichheit auf identische Verteilung zielt, während Rawls Gerechtigkeit danach beurteilt, welche Folgen eine Verteilung insbesondere für die schlechter gestellten Mitglieder einer Gesellschaft besitzt. Deshalb kann eine ungleiche Verteilung unter bestimmten Bedingungen gerechter sein als eine vollständig gleiche Verteilung.
Aufgabe 8, Operator Analysieren: Analysieren Sie, weshalb Rawls großen Wert auf faire Chancengleichheit legt.
Musterantwort: Rawls möchte verhindern, dass gesellschaftliche Positionen allein aufgrund zufälliger Ausgangsbedingungen verteilt werden. Menschen können nicht selbst bestimmen, in welche Familie sie geboren werden, welchen sozialen Status ihre Eltern besitzen oder welche natürlichen Begabungen sie erhalten. Deshalb hält Rawls es nicht für ausreichend, wenn lediglich rechtlich jeder dieselben Möglichkeiten besitzt. Menschen mit vergleichbaren Fähigkeiten und vergleichbarer Bereitschaft sollen auch vergleichbare Erfolgsaussichten besitzen. Soziale und natürliche Nachteile müssen deshalb berücksichtigt werden. Faire Chancengleichheit soll verhindern, dass gesellschaftlicher Erfolg hauptsächlich von Umständen abhängt, für die ein Mensch selbst nicht verantwortlich ist.
Aufgabe 9, Operator Vergleichen: Vergleichen Sie Rawls Vorstellung von Gerechtigkeit mit einer christlichen Vorstellung sozialer Gerechtigkeit.
Musterantwort: Rawls und christliche Vorstellungen sozialer Gerechtigkeit können darin übereinstimmen, dass gesellschaftlich benachteiligte Menschen nicht übergangen werden dürfen. Rawls begründet dies mithilfe seines Gedankenexperiments und der Vorstellung fairer gesellschaftlicher Regeln. Menschen sollen Regeln wählen, denen sie auch dann zustimmen könnten, wenn sie später selbst zu den schlechter gestellten Mitgliedern der Gesellschaft gehören. Eine christliche Begründung kann soziale Verantwortung dagegen beispielsweise mit der Würde des Menschen, Nächstenliebe und der Verantwortung für Bedürftige verbinden. Beide Ansätze können zu ähnlichen Forderungen nach sozialer Verantwortung führen, begründen diese jedoch unterschiedlich.
Aufgabe 10, Operator Erörtern: Erörtern Sie die Aussage: „Eine gerechte Gesellschaft muss allen Menschen genau gleich viel geben.“
Musterantwort: Für die Aussage spricht zunächst, dass eine vollkommen gleiche Verteilung Unterschiede zwischen Menschen verhindert und niemand allein aufgrund seiner gesellschaftlichen Position mehr erhält als andere. Gegen die Aussage spricht Rawls Differenzprinzip. Danach kann eine Ungleichheit gerecht sein, wenn dadurch auch die schlechter gestellten Menschen besser dastehen. Unterschiede können beispielsweise Anreize schaffen, die zu einem höheren gesellschaftlichen Wohlstand führen. Voraussetzung ist jedoch, dass die Vorteile nicht ausschließlich den bereits Privilegierten zugutekommen und faire Chancen bestehen. Gerechtigkeit bedeutet nach Rawls deshalb nicht zwingend vollständige Gleichheit, sondern eine faire Gestaltung unvermeidbarer oder gesellschaftlich vorteilhafter Unterschiede.
Aufgabe 11, Operator Beurteilen: Beurteilen Sie, ob der Schleier des Nichtwissens ein geeignetes Verfahren zur Entwicklung gerechter Regeln darstellt.
Musterantwort: Für den Schleier des Nichtwissens spricht, dass persönliche Vorteile bei der Entwicklung gesellschaftlicher Regeln keine unmittelbare Rolle spielen können. Wer nicht weiß, welche Position er später einnehmen wird, hat einen Grund, auch die Situation benachteiligter Menschen zu berücksichtigen. Dadurch entsteht ein starkes Element der Fairness. Kritisch kann jedoch gefragt werden, ob Menschen unter diesen Bedingungen tatsächlich so entscheiden würden, wie Rawls annimmt. Das Medium weist beispielsweise darauf hin, dass Menschen möglicherweise bereit wären, das Risiko einer sehr schlechten Position einzugehen, wenn gleichzeitig eine hohe Wahrscheinlichkeit auf eine vorteilhafte Position besteht. Das Gedankenexperiment bietet somit ein hilfreiches Verfahren zur Reflexion über Gerechtigkeit, seine konkreten Ergebnisse können jedoch diskutiert werden.
Aufgabe 12, Operator Erörtern: Erörtern Sie, ob soziale und wirtschaftliche Ungleichheit gerecht sein kann.
Musterantwort: Soziale und wirtschaftliche Ungleichheit kann nach Rawls unter bestimmten Bedingungen gerecht sein. Entscheidend ist, dass auch die schlechter gestellten Menschen von dieser Ungleichheit profitieren und faire Chancen auf gesellschaftliche Positionen bestehen. Eine Ungleichheit, die ausschließlich privilegierten Menschen nutzt und die Situation benachteiligter Menschen verschlechtert, wäre nach dem Differenzprinzip nicht gerechtfertigt. Für eine gewisse Ungleichheit könnte sprechen, dass unterschiedliche Einkommen Anreize schaffen und dadurch gesellschaftlicher Wohlstand entstehen kann. Gegen große Ungleichheiten spricht, dass sie Chancen und gesellschaftliche Teilhabe erheblich beeinträchtigen können. Aus Rawls Perspektive muss deshalb immer geprüft werden, ob eine konkrete Ungleichheit tatsächlich auch den schlechter gestellten Menschen zugutekommt.
Aufgabe 13, Operator Stellung nehmen: Nehmen Sie begründet zu dem Gedanken „So gleich wie möglich, so ungleich wie nötig“ Stellung.
Musterantwort: Der Gedanke bringt die im Medium dargestellte Anwendung des Differenzprinzips anschaulich zum Ausdruck. Er ist überzeugend, wenn Ungleichheiten nicht als Selbstzweck betrachtet werden, sondern begründet werden müssen. Unterschiede bei Einkommen oder gesellschaftlichen Positionen wären danach nur dann gerechtfertigt, wenn sie einen nachvollziehbaren gesellschaftlichen Nutzen besitzen und insbesondere die Situation schlechter gestellter Menschen verbessern. Gleichzeitig bleibt die Frage schwierig, wie groß notwendige Ungleichheiten tatsächlich sein dürfen und wie ihr Nutzen gemessen werden kann. Der Grundsatz bietet deshalb eine hilfreiche Orientierung, erfordert bei konkreten gesellschaftlichen Fragen jedoch eine genaue Prüfung.
Aufgabe 14, Operator Beurteilen: Beurteilen Sie ausgehend von Rawls Theorie, ob eine Gesellschaft gerecht sein kann, in der alle Menschen dieselben Rechte besitzen, ihre Bildungschancen aber stark von der sozialen Herkunft abhängen.
Musterantwort: Nach Rawls wäre die bloße rechtliche Gleichheit nicht ausreichend. Wenn alle Menschen zwar formal dieselben Bildungswege wählen dürfen, Lernende aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen aber trotz vergleichbarer Fähigkeiten und vergleichbarer Anstrengung deutlich unterschiedliche Erfolgsaussichten besitzen, fehlt faire Chancengleichheit. Rawls verlangt nach der Darstellung des Mediums mehr als die rechtliche Erlaubnis, eine bestimmte gesellschaftliche Position zu erreichen. Vergleichbare Fähigkeiten und vergleichbare Anstrengung sollen möglichst vergleichbare Chancen eröffnen. Eine Gesellschaft müsste daher versuchen, sozial bedingte Nachteile auszugleichen, wenn sie Rawls Anspruch an faire Chancengleichheit erfüllen möchte.