RU-digitalRU-digital-logo
1 Bild
Fachverband Ethik Baden Württemberg

Fachverband Ethik Baden Württemberg

Der Ansatz von Beauchamp /Childress

Veröffentlichung:1.1.2008

Der Text stellt den bioethischen Ansatz von Tom Beauchamp und James Childress vor, der medizinische Entscheidungen anhand von vier grundlegenden ethischen Prinzipien untersucht. Diese sind Autonomie, Nichtschaden, Wohltun und Gerechtigkeit. Zwischen diesen vier Prinzipien besteht grundsätzlich keine feste Rangordnung. Das Prinzip der Autonomie fordert, die Selbstbestimmung einer Person zu respektieren und sie durch angemessene Information zu einer eigenständigen Entscheidung zu befähigen. Das Prinzip des Nichtschadens verpflichtet dazu, anderen Menschen keinen vermeidbaren Schaden zuzufügen. Das Prinzip des Wohltuns verlangt darüber hinaus, das Wohl anderer Menschen zu fördern, Gefahren zu vermindern und Hilfe zu leisten. Das Prinzip der Gerechtigkeit richtet den Blick auf eine faire Verteilung von Gütern, Chancen, medizinischen Leistungen und finanziellen Mitteln. Die Prinzipien gelten nicht absolut. In konkreten medizinischen Konflikten können sie miteinander in Spannung geraten und müssen gegeneinander abgewogen werden. Der Ansatz bietet damit ein Modell, um schwierige medizinethische Entscheidungen strukturiert zu untersuchen und begründete Urteile zu entwickeln.

Products

Das Medium eignet sich für den Religionsunterricht der Klasse 10 besonders für die Behandlung von Bioethik, Medizinethik, Menschenwürde, Selbstbestimmung, Verantwortung, Krankheit, Gesundheit und Gerechtigkeit. Eine besondere didaktische Stärke des Ansatzes besteht darin, dass die vier Prinzipien ein übersichtliches Instrument für die Untersuchung komplexer ethischer Konflikte bereitstellen. Die Lernenden erhalten damit nicht nur Informationen über medizinethische Positionen, sondern erwerben zugleich ein Verfahren, das sie auf konkrete Fälle übertragen können.

Als Einstieg bietet sich ein medizinisches Fallbeispiel an. Denkbar ist eine schwer erkrankte Person, die eine medizinisch aussichtsreiche Behandlung ablehnt, weil sie erhebliche Nebenwirkungen befürchtet. Die Lernenden können zunächst spontan überlegen, welche Personen an der Entscheidung beteiligt sind und welche Argumente berücksichtigt werden sollten. Dabei werden häufig bereits Gedanken genannt, die den vier Prinzipien entsprechen. Die Entscheidung der betroffenen Person verweist auf Autonomie, mögliche Nebenwirkungen auf Nichtschaden, die Aussicht auf Heilung auf Wohltun und die Frage nach verfügbaren medizinischen Ressourcen auf Gerechtigkeit. Erst danach können die vier Prinzipien eingeführt werden. Auf diese Weise erkennen die Lernenden, dass die Prinzipien konkrete ethische Probleme strukturieren.

Für die Texterschließung empfiehlt sich eine arbeitsteilige Vorgehensweise. Vier Gruppen können jeweils eines der Prinzipien untersuchen. Jede Gruppe formuliert eine Definition in eigenen Worten, arbeitet zentrale Aussagen aus dem Text heraus und entwickelt ein Beispiel aus der Medizin. Anschließend werden die Ergebnisse zusammengeführt. Dadurch entsteht ein gemeinsames Schema, das im weiteren Unterricht für Fallanalysen verwendet werden kann.

Das Autonomieprinzip lässt sich besonders gut über das Verhältnis zwischen medizinischem Personal und Patienten erschließen. Die Lernenden können untersuchen, warum medizinisches Fachwissen nicht dazu berechtigt, Entscheidungen einfach über den Kopf einer betroffenen Person hinweg zu treffen. Fachwissen soll vielmehr dazu genutzt werden, verständlich zu informieren und eine eigenständige Entscheidung zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang kann das Konzept der informierten Zustimmung behandelt werden. Die Lernenden sollten erkennen, dass eine autonome Entscheidung Informationen, Entscheidungsfähigkeit und möglichst weitgehende Freiheit von unangemessenem Druck voraussetzt.

Dabei sollte auch deutlich werden, dass Autonomie nicht mit völliger Unabhängigkeit gleichgesetzt werden kann. Menschen treffen Entscheidungen innerhalb sozialer Beziehungen und unter konkreten Bedingungen. Zudem kann die eigene Freiheit dort begrenzt sein, wo die Rechte und die Freiheit anderer Menschen betroffen sind. Dieser Aspekt ermöglicht eine differenzierte Diskussion darüber, ob Selbstbestimmung grundsätzlich Vorrang vor allen anderen ethischen Gesichtspunkten haben sollte.

Das Prinzip des Nichtschadens lässt sich über den traditionellen medizinischen Gedanken erschließen, einem Menschen keinen Schaden zuzufügen. Methodisch können die Lernenden unterschiedliche medizinische Handlungen danach untersuchen, welche Schäden durch sie entstehen könnten. Dabei sollte deutlich werden, dass medizinische Behandlungen häufig selbst mit Belastungen verbunden sind. Eine Operation verursacht beispielsweise Schmerzen und körperliche Verletzungen, kann aber zugleich eine schwere Erkrankung behandeln. Das Prinzip des Nichtschadens bedeutet deshalb nicht, dass jede Handlung ausgeschlossen ist, die irgendeine Belastung verursacht. Vielmehr müssen Schaden, Nutzen und Risiken gegeneinander abgewogen werden.

Das Wohltuensprinzip geht über die Vermeidung von Schaden hinaus. Es verlangt aktives Handeln zugunsten anderer Menschen. Medizinisches Personal soll Krankheiten behandeln, Schmerzen lindern und die Gesundheit beziehungsweise Lebensqualität fördern. Die Lernenden können Nichtschaden und Wohltun zunächst miteinander vergleichen. Eine hilfreiche Leitfrage lautet, ob es einen moralischen Unterschied zwischen der Verpflichtung gibt, einem Menschen keinen Schaden zuzufügen, und der Verpflichtung, ihm aktiv zu helfen. Dadurch wird deutlich, warum Beauchamp und Childress beide Prinzipien voneinander unterscheiden.

Besonders anschaulich ist das im Text verwendete Beispiel einer Chemotherapie. Die Lernenden können Nutzen, Schaden und Risiken einer Behandlung getrennt erfassen. Zu den möglichen Belastungen gehören Nebenwirkungen und eine zeitweise Einschränkung der Lebensqualität. Dem stehen mögliche Vorteile wie eine Verlängerung des Lebens oder eine Heilung gegenüber. Anschließend kann gefragt werden, wer entscheiden darf, ob die möglichen Vorteile die Belastungen rechtfertigen. An dieser Stelle wird erneut die Verbindung zum Autonomieprinzip sichtbar.

Das Gerechtigkeitsprinzip erweitert die Perspektive vom einzelnen Menschen auf die Gesellschaft. Die Lernenden erkennen, dass Medizinethik nicht nur Entscheidungen zwischen medizinischem Personal und Patienten betrifft. Medizinische Möglichkeiten benötigen Personal, Medikamente, Organe, technische Geräte und finanzielle Mittel, die nicht unbegrenzt vorhanden sind. Deshalb entstehen Fragen nach einer gerechten Verteilung.

Für die Erarbeitung der Verteilungsgerechtigkeit eignet sich ein konstruiertes Fallbeispiel mit einem knappen medizinischen Gut. Mehrere Personen benötigen beispielsweise eine Behandlung, aber zunächst steht nur eine begrenzte Anzahl an Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Die Lernenden entwickeln mögliche Kriterien für die Verteilung. Anschließend können Kriterien wie Dringlichkeit, Erfolgsaussicht, Wartezeit, Bedürftigkeit und Gleichbehandlung kritisch untersucht werden. Wichtig ist dabei, Menschen nicht nach ihrem vermeintlichen gesellschaftlichen Wert zu beurteilen. Vielmehr soll sichtbar werden, wie schwierig eine faire Prioritätensetzung sein kann.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Unterscheidung zwischen formaler und materialer Gerechtigkeit. Die Lernenden können zunächst den Satz „Gerechtigkeit bedeutet, alle Menschen gleich zu behandeln“ diskutieren. Anschließend erhalten sie Beispiele, in denen gleiche Behandlung gerade ungerecht erscheinen kann. Menschen mit besonders schweren Erkrankungen benötigen beispielsweise mehr medizinische Unterstützung als gesunde Menschen. Daraus lässt sich die Einsicht entwickeln, dass Gerechtigkeit nicht immer identische Behandlung bedeutet, sondern unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen kann.

Von zentraler Bedeutung ist schließlich das Verhältnis der vier Prinzipien zueinander. Beauchamp und Childress stellen keine feste Rangordnung auf. Für den Unterricht bedeutet dies, dass die Lernenden nicht einfach ein Prinzip auswählen und damit einen Fall lösen können. Sie müssen vielmehr untersuchen, welche Prinzipien betroffen sind und wo Konflikte entstehen. Eine Person kann beispielsweise aus Autonomie eine Behandlung ablehnen, während medizinisches Personal aufgrund des Wohltuensprinzips zur Behandlung raten möchte. Erst die begründete Abwägung führt zu einem ethischen Urteil.

Methodisch eignet sich hierfür eine Prinzipienmatrix. In vier Feldern werden Autonomie, Nichtschaden, Wohltun und Gerechtigkeit eingetragen. Bei jedem Fall sammeln die Lernenden zunächst Argumente zu allen vier Bereichen. Anschließend markieren sie mögliche Konflikte und begründen, welchem Gesichtspunkt sie in der konkreten Situation besonderes Gewicht geben. Entscheidend ist, dass die Gewichtung argumentativ begründet wird.

Für den Religionsunterricht bietet sich darüber hinaus ein Vergleich mit christlicher Ethik an. Das Wohltuensprinzip kann beispielsweise mit Nächstenliebe und Barmherzigkeit in Beziehung gesetzt werden. Das Gerechtigkeitsprinzip kann mit biblischen Vorstellungen von Gerechtigkeit und der besonderen Aufmerksamkeit für Bedürftige verbunden werden. Autonomie kann mit Freiheit und Verantwortung verglichen werden. Das Prinzip des Nichtschadens lässt sich mit dem Schutz menschlichen Lebens und der Achtung der Menschenwürde verbinden. Dabei sollten Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet werden, ohne die vier Prinzipien einfach mit christlichen Geboten gleichzusetzen.

Für eine abschließende ethische Urteilsbildung erhalten die Lernenden einen komplexeren medizinischen Fall und untersuchen ihn systematisch anhand der vier Prinzipien. Zunächst werden Sachverhalt und Konflikt beschrieben. Anschließend werden die Perspektiven der beteiligten Personen erfasst. Danach wird jedes der vier Prinzipien auf den Fall angewendet. Abschließend werden mögliche Konflikte zwischen den Prinzipien benannt, Argumente gewichtet und ein begründetes Urteil formuliert.

Der Ansatz eignet sich damit besonders zur Förderung von Sachkompetenz, Wahrnehmungskompetenz, Perspektivübernahme, Argumentationskompetenz und ethischer Urteilskompetenz. Sein besonderer Wert für den Unterricht besteht darin, dass ethische Entscheidungen nicht ausschließlich aus spontanen persönlichen Meinungen heraus getroffen werden. Die vier Prinzipien geben den Lernenden vielmehr nachvollziehbare Kriterien an die Hand, mit denen sie medizinethische Konflikte strukturiert untersuchen und ihre eigenen Urteile begründen können.


Prüfungsfragen für eine Klausur in Klasse 10 mit Musterantworten


Aufgabe 1: Beschreiben Sie die Grundidee des ethischen Ansatzes von Beauchamp und Childress.

Musterantwort:

Beauchamp und Childress entwickeln einen Ansatz für die Medizinethik, der sich an vier grundlegenden Prinzipien orientiert. Diese sind Autonomie, Nichtschaden, Wohltun und Gerechtigkeit.

Die Prinzipien sollen dabei helfen, schwierige medizinische Entscheidungen systematisch zu untersuchen. Zwischen ihnen besteht keine feste Rangordnung. In einem konkreten Fall muss deshalb geprüft werden, welche Prinzipien betroffen sind und ob zwischen ihnen ein Konflikt entsteht.

Die vier Prinzipien liefern somit keine automatische Lösung. Sie dienen als Kriterien, mit deren Hilfe ethische Entscheidungen begründet werden können.


Aufgabe 2: Arbeiten Sie die Bedeutung des Autonomieprinzips heraus.

Musterantwort:

Das Autonomieprinzip verlangt, die Fähigkeit eines Menschen zur Selbstbestimmung zu respektieren. Eine Person soll grundsätzlich selbst über Angelegenheiten entscheiden können, die ihr eigenes Leben und ihren eigenen Körper betreffen.

Für die Medizin bedeutet dies, dass Patienten nicht lediglich Empfänger medizinischer Entscheidungen sind. Sie müssen ausreichend informiert werden, damit sie eine eigene Entscheidung treffen können.

Das medizinische Fachwissen einer Ärztin oder eines Arztes soll deshalb nicht dazu dienen, die Entscheidung anstelle des Patienten zu treffen. Vielmehr soll es ermöglichen, dass die betroffene Person die medizinische Situation verstehen und auf dieser Grundlage selbst entscheiden kann.


Aufgabe 3: Erläutern Sie das Konzept der informierten Zustimmung.

Musterantwort:

Informierte Zustimmung bedeutet, dass eine medizinische Behandlung grundsätzlich auf der Grundlage einer aufgeklärten und möglichst freien Entscheidung der betroffenen Person erfolgen soll.

Damit eine solche Entscheidung möglich ist, muss die Person verständliche Informationen über die Behandlung erhalten. Dazu gehören beispielsweise Informationen über den Zweck einer Behandlung, mögliche Vorteile, Risiken, Nebenwirkungen und Alternativen.

Die betroffene Person muss diese Informationen verstehen und anschließend möglichst ohne unangemessenen äußeren Druck entscheiden können. Die informierte Zustimmung ist damit eine wichtige praktische Umsetzung des Autonomieprinzips.


Aufgabe 4: Vergleichen Sie das Prinzip des Nichtschadens mit dem Prinzip des Wohltuns.

Musterantwort:

Das Prinzip des Nichtschadens fordert zunächst, anderen Menschen keinen vermeidbaren Schaden zuzufügen. Es richtet sich beispielsweise gegen unnötige Schmerzen, vermeidbare Verletzungen oder medizinische Maßnahmen, deren Schäden in keinem angemessenen Verhältnis zu ihrem Nutzen stehen.

Das Prinzip des Wohltuns geht darüber hinaus. Es fordert nicht nur, Schaden zu vermeiden, sondern aktiv zum Wohl eines anderen Menschen beizutragen. Medizinisches Personal soll beispielsweise Krankheiten behandeln, Leiden lindern und Gesundheit fördern.

Der Unterschied besteht somit darin, dass Nichtschaden vor allem eine Grenze des Handelns beschreibt, während Wohltun stärker zu aktivem hilfreichem Handeln verpflichtet. Beide Prinzipien können jedoch eng miteinander verbunden sein.


Aufgabe 5: Erläutern Sie anhand des Beispiels einer Chemotherapie, warum Nutzen und Schaden in der Medizin gegeneinander abgewogen werden müssen.

Musterantwort:

Eine Chemotherapie kann einen medizinischen Nutzen besitzen, weil sie beispielsweise das Wachstum eines Tumors hemmen, eine Erkrankung behandeln oder die Lebenszeit verlängern kann.

Gleichzeitig kann die Behandlung erhebliche Nebenwirkungen verursachen. Dazu können körperliche Beschwerden und eine zeitweise starke Einschränkung der Lebensqualität gehören.

Deshalb kann eine Chemotherapie nicht allein danach beurteilt werden, ob sie medizinisch wirksam ist. Es muss auch gefragt werden, welche Belastungen mit ihr verbunden sind und wie wahrscheinlich der erwartete Nutzen ist.

Die Abwägung betrifft somit Fakten und Werte. Medizinische Informationen geben Auskunft über mögliche Wirkungen und Nebenwirkungen. Die Frage, welche Belastungen für einen bestimmten Nutzen akzeptabel sind, enthält dagegen auch eine persönliche und ethische Bewertung.


Aufgabe 6: Erklären Sie das Gerechtigkeitsprinzip von Beauchamp und Childress.

Musterantwort:

Das Gerechtigkeitsprinzip beschäftigt sich mit der Frage, wie Rechte, Chancen, Belastungen und Güter angemessen verteilt werden sollen.

In der Medizin ist dieses Prinzip besonders wichtig, weil medizinische Ressourcen nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen. Dazu gehören beispielsweise Spenderorgane, Medikamente, medizinisches Personal, Behandlungsplätze und finanzielle Mittel.

Gerechtigkeit bedeutet dabei nicht immer, alle Menschen genau gleich zu behandeln. Unterschiedliche Bedürfnisse können eine unterschiedliche Behandlung rechtfertigen. Eine schwer erkrankte Person benötigt beispielsweise mehr medizinische Unterstützung als eine gesunde Person.

Das Gerechtigkeitsprinzip verlangt deshalb eine faire und begründbare Verteilung medizinischer Möglichkeiten.


Aufgabe 7: Erläutern Sie den Unterschied zwischen formaler und materialer Gerechtigkeit.

Musterantwort:

Formale Gerechtigkeit betont die gleiche Behandlung vergleichbarer Personen. Nach diesem Verständnis sollen gleiche Fälle grundsätzlich gleich behandelt werden.

Materiale Gerechtigkeit berücksichtigt dagegen konkrete Bedürfnisse und Unterschiede zwischen Menschen. Eine vollständig gleiche Verteilung kann ungerecht sein, wenn Menschen unterschiedlich stark auf Unterstützung angewiesen sind.

Im Gesundheitswesen wird dies besonders deutlich. Ein schwer erkrankter Mensch benötigt möglicherweise sehr viel mehr medizinische Unterstützung als ein gesunder Mensch. Eine gerechte Behandlung kann deshalb gerade darin bestehen, unterschiedliche Ressourcen zur Verfügung zu stellen.

Gerechtigkeit ist somit nicht automatisch mit identischer Behandlung gleichzusetzen.


Aufgabe 8: Wenden Sie die vier Prinzipien auf folgenden Fall an: Eine erwachsene und entscheidungsfähige Person mit einer schweren Erkrankung lehnt eine aussichtsreiche Behandlung aufgrund der erheblichen Nebenwirkungen ab.

Musterantwort:

Das Autonomieprinzip spricht dafür, die Entscheidung der Person ernst zu nehmen. Wenn sie ausreichend informiert wurde und entscheidungsfähig ist, darf sie grundsätzlich über die eigene medizinische Behandlung entscheiden.

Das Prinzip des Nichtschadens verweist auf die erheblichen Nebenwirkungen der Behandlung. Diese können einen wichtigen Grund für die Ablehnung darstellen.

Das Wohltuensprinzip spricht zunächst für die Behandlung, wenn dadurch die Erkrankung erfolgreich behandelt oder das Leben verlängert werden könnte. Medizinisches Personal hat die Aufgabe, das Wohl der Person zu fördern.

Das Gerechtigkeitsprinzip spielt beispielsweise dann eine Rolle, wenn für die Behandlung besonders knappe medizinische Ressourcen benötigt werden.

Der Fall zeigt einen Konflikt zwischen Autonomie und Wohltun. Medizinisches Personal kann die Behandlung empfehlen und umfassend beraten. Bei einer informierten und freien Entscheidung besitzt die Selbstbestimmung der entscheidungsfähigen Person jedoch ein sehr großes Gewicht.


Aufgabe 9: Wenden Sie die vier Prinzipien auf die Frage der Verteilung eines knappen Spenderorgans an.

Musterantwort:

Das Autonomieprinzip verlangt, den Willen der betroffenen Personen zu respektieren. Eine Transplantation darf beispielsweise nicht gegen den Willen einer Person durchgeführt werden.

Das Prinzip des Nichtschadens verlangt, unnötige gesundheitliche Schäden zu vermeiden. Dabei müssen auch die Risiken einer Transplantation berücksichtigt werden.

Das Wohltuensprinzip spricht dafür, das Organ so einzusetzen, dass einem schwer erkrankten Menschen möglichst wirksam geholfen werden kann.

Besonders bedeutsam ist das Gerechtigkeitsprinzip. Da nicht für alle wartenden Personen gleichzeitig ein Organ zur Verfügung steht, müssen faire Kriterien für die Verteilung entwickelt werden. Dazu können medizinische Dringlichkeit und Erfolgsaussichten gehören.

Eine gerechte Entscheidung darf nicht davon abhängen, ob ein Mensch gesellschaftlich als wichtiger oder wertvoller angesehen wird. Die Kriterien müssen nachvollziehbar und für vergleichbare Fälle gleichermaßen anwendbar sein.


Aufgabe 10: Analysieren Sie einen möglichen Konflikt zwischen Autonomie und Wohltun.

Musterantwort:

Ein Konflikt kann entstehen, wenn eine entscheidungsfähige Person eine Behandlung ablehnt, die aus medizinischer Sicht wahrscheinlich hilfreich wäre.

Das Wohltuensprinzip kann medizinisches Personal dazu veranlassen, die Behandlung dringend zu empfehlen, weil sie die Gesundheit verbessern oder das Leben verlängern könnte.

Das Autonomieprinzip verlangt dagegen, die selbst bestimmte Entscheidung der betroffenen Person zu respektieren. Medizinisches Fachwissen allein berechtigt nicht dazu, eine Person gegen ihren Willen zu behandeln.

Der Konflikt zeigt, warum die Prinzipien keine einfachen Regeln darstellen. Es muss geprüft werden, ob die Person ausreichend informiert und entscheidungsfähig ist und ob ihre Entscheidung freiwillig erfolgt. Anschließend müssen die betroffenen Prinzipien begründet gewichtet werden.


Aufgabe 11: Analysieren Sie einen möglichen Konflikt zwischen Wohltun und Nichtschaden.

Musterantwort:

Wohltun und Nichtschaden können miteinander in Konflikt geraten, wenn eine hilfreiche medizinische Behandlung gleichzeitig erhebliche Belastungen verursacht.

Eine Operation kann beispielsweise Schmerzen und gesundheitliche Risiken mit sich bringen. Das Nichtschadensprinzip verlangt, diese Belastungen ernst zu nehmen. Gleichzeitig kann die Operation eine schwere Erkrankung heilen. Das Wohltuensprinzip spricht dann für die Durchführung.

Eine Entscheidung verlangt deshalb eine Abwägung von Nutzen, Schaden und Risiken. Je größer die Belastungen sind, desto größer muss in der Regel auch der erwartbare Nutzen sein, damit die Behandlung gerechtfertigt werden kann.


Aufgabe 12: Erörtern Sie die Aussage: „In der Medizin sollte die Autonomie des Patienten immer wichtiger sein als alle anderen Prinzipien.“

Musterantwort:

Für die Aussage spricht, dass Menschen grundsätzlich selbst über ihren Körper und ihr Leben entscheiden sollten. Das Autonomieprinzip schützt davor, dass medizinisches Personal oder staatliche Institutionen Entscheidungen ohne Zustimmung der betroffenen Person treffen.

Gegen einen absoluten Vorrang spricht jedoch der Ansatz von Beauchamp und Childress. Die Autoren stellen keine feste Rangordnung der vier Prinzipien auf. Neben der Autonomie müssen auch Nichtschaden, Wohltun und Gerechtigkeit berücksichtigt werden.

Außerdem kann die Freiheit einer Person dort Grenzen besitzen, wo andere Menschen erheblich betroffen sind. Ebenso muss geprüft werden, ob eine Entscheidung informiert, freiwillig und rational nachvollziehbar getroffen wurde.

Autonomie besitzt daher in medizinischen Entscheidungen eine große Bedeutung. Sie sollte jedoch nicht grundsätzlich unabhängig von allen anderen ethischen Gesichtspunkten betrachtet werden. Die konkrete Situation entscheidet darüber, wie die verschiedenen Prinzipien gewichtet werden müssen.


Aufgabe 13: Vergleichen Sie das Wohltuensprinzip mit dem christlichen Gebot der Nächstenliebe.

Musterantwort:

Das Wohltuensprinzip und das christliche Gebot der Nächstenliebe besitzen Gemeinsamkeiten. Beide fordern dazu auf, nicht nur Schaden zu vermeiden, sondern anderen Menschen aktiv zu helfen.

Das Wohltuensprinzip verlangt beispielsweise, Gesundheit zu fördern, Gefahren zu beseitigen und Menschen in schwierigen Situationen zu unterstützen. Auch die christliche Nächstenliebe richtet den Blick auf die Bedürfnisse anderer Menschen und fordert konkrete Hilfe.

Ein Unterschied liegt vor allem in der Begründung. Das Wohltuensprinzip von Beauchamp und Childress gehört zu einem medizinethischen Modell, das nicht von einer bestimmten Religion abhängig ist. Christliche Nächstenliebe wird dagegen religiös begründet und steht in Beziehung zur Gottesliebe und zum christlichen Menschenbild.

Beide Ansätze können jedoch zu ähnlichen Forderungen nach Fürsorge, Hilfe und Verantwortung für andere Menschen führen.


Aufgabe 14: Beurteilen Sie die Aussage: „Gerechtigkeit bedeutet, dass im Gesundheitswesen alle Menschen genau die gleichen Leistungen erhalten.“

Musterantwort:

Eine genau gleiche Verteilung medizinischer Leistungen erscheint zunächst gerecht, weil alle Menschen gleich behandelt werden. Sie kann jedoch unterschiedliche Bedürfnisse übersehen.

Beauchamp und Childress unterscheiden deshalb zwischen formaler und materialer Gerechtigkeit. Menschen können aufgrund unterschiedlicher Erkrankungen einen unterschiedlich großen Bedarf an medizinischer Unterstützung besitzen.

Eine schwer erkrankte Person benötigt beispielsweise möglicherweise eine aufwendige Behandlung, während eine gesunde Person diese nicht benötigt. Würden beide exakt dieselben medizinischen Leistungen erhalten, wäre dies keine sinnvolle Form der Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit bedeutet daher nicht zwangsläufig identische Behandlung. Eine gerechte Verteilung muss relevante Unterschiede und Bedürfnisse berücksichtigen und zugleich nach nachvollziehbaren Kriterien erfolgen.


Aufgabe 15: Entwickeln Sie anhand der vier Prinzipien ein Schema zur ethischen Beurteilung eines medizinischen Konfliktfalls.

Musterantwort:

Zunächst sollte der Sachverhalt geklärt werden. Dabei werden die medizinische Situation, mögliche Handlungen und die beteiligten Personen beschrieben.

Danach wird die Autonomie untersucht. Es wird gefragt, was die betroffene Person möchte, ob sie ausreichend informiert wurde und ob sie frei entscheiden kann.

Anschließend wird das Prinzip des Nichtschadens angewendet. Dabei wird untersucht, welche Schäden und Risiken durch die möglichen Handlungen entstehen können.

Danach wird das Wohltun berücksichtigt. Es wird gefragt, welche Handlung das Wohl der betroffenen Person fördern und Leiden vermindern kann.

Als weiterer Schritt wird die Gerechtigkeit untersucht. Dabei wird geprüft, ob Ressourcen, Chancen und Belastungen fair verteilt werden und ob die Entscheidung gegenüber anderen Menschen gerechtfertigt werden kann.

Abschließend werden mögliche Konflikte zwischen den vier Prinzipien benannt. Die Argumente werden gewichtet und daraus wird ein begründetes ethisches Urteil entwickelt.


Aufgabe 16: Beurteilen Sie, warum der Ansatz von Beauchamp und Childress für medizinethische Entscheidungen hilfreich sein kann.

Musterantwort:

Der Ansatz ist hilfreich, weil er komplexe ethische Konflikte in vier grundlegende Perspektiven gliedert. Dadurch wird verhindert, dass nur ein einzelner Wert berücksichtigt wird.

Das Autonomieprinzip schützt die Selbstbestimmung. Das Nichtschadensprinzip richtet den Blick auf mögliche Gefahren und Belastungen. Das Wohltuensprinzip fragt nach Hilfe und Nutzen. Das Gerechtigkeitsprinzip berücksichtigt die faire Verteilung von Chancen und Ressourcen.

Eine weitere Stärke besteht darin, dass keine feste Rangordnung vorgegeben wird. Dadurch kann die konkrete Situation berücksichtigt werden.

Gleichzeitig entsteht daraus eine Schwierigkeit. Wenn zwei oder mehrere Prinzipien miteinander in Konflikt geraten, liefert der Ansatz nicht automatisch eine eindeutige Lösung. Die Gewichtung muss zusätzlich begründet werden.

Der Ansatz ist deshalb besonders als Instrument zur strukturierten ethischen Urteilsbildung geeignet. Er nimmt den Lernenden die Entscheidung nicht ab, hilft ihnen aber dabei, relevante Gesichtspunkte systematisch wahrzunehmen und ein begründetes Urteil zu entwickeln.

Hessen

Hessen

Sekundarstufe II | Q3 Ethik – die Frage nach Gut und Böse

Q3.4 Herausforderungen für Kirche und Ethik durch neue Erkenntnisse in Biologie und Medizin.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz

Sekundarstufe I | Jahrgangsstufe 10

10.3 Das Leben verantworten: Grundfragen medizinischer Ethik.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern Datenschutz.