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Fachverband Ethik Baden Württemberg

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Horst Dreier: Was ist Wahrheit?

Veröffentlichung:1.1.1795

Das Medium enthält einen Text von Horst Dreier über das Verhältnis von Wahrheit, Wertrelativismus und Demokratie. Ausgangspunkt ist die Passionsgeschichte des Johannesevangeliums und insbesondere die Begegnung zwischen Jesus und Pontius Pilatus mit der Frage „Was ist Wahrheit?“. Dreier zeigt, dass diese biblische Szene auch von Rechtsphilosophen und Staatsrechtlern unterschiedlich interpretiert wurde. Im Mittelpunkt steht Hans Kelsen, der die Begegnung zwischen Jesus und Pilatus als Symbol für das Verhältnis von Relativismus und Demokratie deutet. Kelsens Demokratietheorie gründet nach Dreier auf der Freiheit des Individuums, muss diese Freiheit in einer pluralistischen Gesellschaft jedoch mit Repräsentation und dem Mehrheitsprinzip verbinden. Kelsen behauptet dabei nicht, dass die Mehrheit im Besitz der Wahrheit sei. Vielmehr besteht der entscheidende Gedanke gerade darin, dass politische Mehrheiten keinen Anspruch auf absolute Wahrheit erheben können. Wertrelativismus bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass Menschen keine Werte vertreten oder keine moralischen Entscheidungen treffen dürfen. Gemeint ist vielmehr, dass letzte Werturteile keiner wissenschaftlich zwingenden und für alle Menschen verbindlichen Beweisführung zugänglich sind. Diese Einsicht gewinnt besondere Bedeutung für moderne pluralistische Gesellschaften, in denen unterschiedliche religiöse, weltanschauliche, soziale und politische Überzeugungen aufeinandertreffen. Demokratie muss nach dieser Argumentation ermöglichen, dass trotz solcher Differenzen verbindliche Entscheidungen getroffen werden können. Dafür sind neben dem Mehrheitsprinzip Voraussetzungen wie Verständigung, Kompromissbereitschaft, Toleranz, politische Bildung, Grundrechte und die reale Möglichkeit eines politischen Machtwechsels erforderlich. Demokratie lebt damit nicht von der Beseitigung unterschiedlicher Überzeugungen, sondern von deren friedlicher und fairer Austragung.

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Das Medium eignet sich für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 besonders für die Themen Wahrheit, Glaube, Gewissen, Pluralismus, Toleranz, Demokratie, Religion und Politik sowie für die Frage nach dem Verhältnis von religiösem Wahrheitsanspruch und gesellschaftlicher Vielfalt. Der besondere religionspädagogische Wert des Textes liegt darin, dass eine zentrale Szene der christlichen Passionsgeschichte mit grundlegenden Fragen moderner Demokratietheorie verbunden wird. Die Lernenden können dadurch erkennen, dass die Frage „Was ist Wahrheit?“ nicht nur eine theologische und philosophische Frage darstellt, sondern auch politische Bedeutung besitzt.

Als Einstieg empfiehlt sich die isolierte Präsentation der Frage des Pilatus: „Was ist Wahrheit?“ Die Lernenden können zunächst spontan formulieren, was sie unter Wahrheit verstehen. Anschließend können unterschiedliche Formen von Wahrheitsansprüchen gesammelt werden. Dabei können naturwissenschaftliche Aussagen, persönliche Überzeugungen, moralische Urteile und religiöse Glaubensaussagen unterschieden werden. Bereits an dieser Stelle kann die Frage entstehen, ob alle Arten von Aussagen auf dieselbe Weise als wahr oder falsch bewiesen werden können.

In einem zweiten Schritt sollte der biblische Hintergrund erschlossen werden. Die Lernenden können die Begegnung zwischen Jesus und Pilatus aus dem Johannesevangelium untersuchen und herausarbeiten, in welchem Zusammenhang die Wahrheitsfrage steht. Dadurch wird vermieden, Kelsens politische Interpretation der Szene ohne Kenntnis ihres religiösen Kontextes zu behandeln. Anschließend kann untersucht werden, wie eine biblische Erzählung in einen rechtsphilosophischen und demokratietheoretischen Zusammenhang übertragen wird.

Für die eigentliche Textarbeit empfiehlt sich eine Unterteilung in mehrere Argumentationsschritte. Zunächst wird Kelsens Bezug auf die Passionsgeschichte untersucht. Anschließend erschließen die Lernenden das Verhältnis von individueller Freiheit, Repräsentation und Mehrheitsprinzip. Danach wird der Begriff des Wertrelativismus geklärt. Schließlich wird untersucht, welche Konsequenzen Dreier für den Umgang mit Pluralismus und politischen Konflikten beschreibt.

Besonders wichtig ist eine präzise Klärung des Begriffs Wertrelativismus. Die Lernenden könnten den Begriff zunächst fälschlicherweise mit der Aussage gleichsetzen, dass alles beliebig sei oder jede Meinung gleichermaßen richtig sei. Genau diese Interpretation weist Dreiers Darstellung zurück. Wertrelativismus bedeutet hier, dass letzte Werturteile keiner rationalen und intersubjektiv zwingenden wissenschaftlichen Beweisführung zugänglich sind. Daraus folgt nicht, dass Menschen auf eigene Wertüberzeugungen verzichten müssen. Sie können Überzeugungen besitzen, begründen und mit großer Entschiedenheit vertreten. Entscheidend ist jedoch, dass daraus nicht ohne Weiteres ein Anspruch auf absolute politische Wahrheit folgt.

Methodisch kann diese Unterscheidung durch Aussagen verdeutlicht werden, die von den Lernenden verschiedenen Kategorien zugeordnet werden. Eine mathematische Aussage, eine naturwissenschaftliche Aussage, ein ästhetisches Urteil, eine moralische Überzeugung und ein religiöses Glaubensbekenntnis können miteinander verglichen werden. Anschließend wird diskutiert, auf welche Weise diese Aussagen begründet werden können und ob für alle dieselben Kriterien gelten.

Von zentraler Bedeutung ist zudem Kelsens Verhältnis zum Mehrheitsprinzip. Die Lernenden sollten ausdrücklich herausarbeiten, dass Kelsen nach Dreiers Interpretation nicht behauptet, die Mehrheit besitze automatisch die Wahrheit. Die Mehrheitsentscheidung stellt vielmehr ein politisches Verfahren dar, das unter den Bedingungen gesellschaftlicher Uneinigkeit verbindliche Entscheidungen ermöglichen soll. Diese Unterscheidung ist für das Verständnis des gesamten Textes wesentlich.

Daran anschließend bietet sich ein Gedankenexperiment an. Eine Lerngruppe soll sich vorstellen, dass innerhalb einer Gesellschaft drei Gruppen vollkommen unterschiedliche Vorstellungen von einem guten und gerechten Leben besitzen. Keine Gruppe kann die anderen von der absoluten Wahrheit ihrer Position überzeugen. Dennoch müssen gemeinsame Entscheidungen getroffen werden. Die Lernenden entwickeln mögliche Verfahren und vergleichen ihre Vorschläge anschließend mit dem Mehrheitsprinzip, dem Kompromiss und dem Schutz von Grundrechten.

Besonders ergiebig ist Dreiers Darstellung des gesellschaftlichen Pluralismus. Moderne Gesellschaften sind durch unterschiedliche religiöse Überzeugungen, Weltanschauungen, politische Vorstellungen und Interessen gekennzeichnet. Die Lernenden können Beispiele für gesellschaftlichen Pluralismus sammeln und anschließend überlegen, welche Voraussetzungen notwendig sind, damit Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen friedlich zusammenleben können. Damit lässt sich unmittelbar zu Toleranz, Grundrechten und Kompromissbereitschaft überleiten.

Der Begriff des Kompromisses verdient eine eigene Unterrichtsphase. Lernende verbinden einen Kompromiss möglicherweise mit Schwäche oder dem Verzicht auf die eigene Überzeugung. Bei Kelsen erscheint Kompromissbereitschaft dagegen als wesentliche Voraussetzung demokratischen Zusammenlebens. Die Lernenden können an konkreten Konflikten untersuchen, wann ein Kompromiss sinnvoll ist und wo möglicherweise Grenzen des Kompromisses liegen. Dadurch wird deutlich, dass Toleranz und Kompromiss nicht bedeuten müssen, jede Position für richtig zu halten.

Für den Religionsunterricht eröffnet sich an dieser Stelle die zentrale Frage nach dem Verhältnis von Glaubensgewissheit und politischer Entscheidung. Ein Mensch kann von einer religiösen Wahrheit persönlich tief überzeugt sein. In einer pluralistischen Demokratie leben jedoch Menschen mit anderen religiösen oder nicht religiösen Überzeugungen zusammen. Die Lernenden können deshalb diskutieren, wie religiöse Menschen ihre Überzeugungen in gesellschaftliche Diskussionen einbringen können, ohne anderen Menschen ihre Glaubensgewissheit aufzuzwingen.

Die Kritik des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger an Kelsens Position kann als zusätzliche Vertiefung verwendet werden. Dabei sollte zunächst Dreiers Darstellung sorgfältig rekonstruiert werden. Ratzinger kritisiert die Gefahr, dass Relativismus selbst dogmatisch werden könne und dass die Mehrheitsentscheidung nicht automatisch Recht und Wahrheit garantiere. Dreier hält dem entgegen, dass Kelsen gerade keine Gleichsetzung von Mehrheit und Wahrheit vornehme. Diese Kontroverse eignet sich für eine arbeitsteilige Gruppenarbeit. Eine Gruppe rekonstruiert Kelsens Position, eine zweite die dargestellte Kritik Ratzingers und eine dritte Dreiers Erwiderung. Anschließend werden die Argumente miteinander verglichen.

Eine weitere Vertiefungsmöglichkeit bietet die Frage nach den Voraussetzungen demokratischer Ordnung. Der Text nennt unter anderem Verständigung, Kompromissbereitschaft, Toleranz, politische Bildung, reale Möglichkeiten des Machtwechsels und Grundrechte. Die Lernenden können diese Voraussetzungen erklären und nach ihrer jeweiligen Funktion fragen. Besonders wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass Demokratie nach Dreiers Darstellung nicht die Aufhebung von Differenzen verlangt. Unterschiedliche Positionen sollen vielmehr friedlich und fair ausgetragen werden.

Für eine abschließende ethische Urteilsbildung eignet sich die Frage, ob eine Demokratie einen gemeinsamen Wahrheitsbegriff benötigt oder gerade davon lebt, dass unterschiedliche Wahrheitsüberzeugungen nebeneinander bestehen können. Dabei können die Lernenden zwischen persönlicher Glaubensgewissheit, moralischen Überzeugungen und staatlich verbindlichen Entscheidungen unterscheiden. Das Medium fördert damit sowohl religionsbezogene Reflexionsfähigkeit als auch ethische und politische Urteilskompetenz.


Prüfungsfragen für eine Klausur der Jahrgangsstufe 10 mit Musterantworten


Aufgabe 1: Beschreiben Sie, welche Bedeutung die Begegnung zwischen Jesus und Pontius Pilatus für Kelsens Überlegungen zur Demokratie besitzt. Operator: beschreiben

Musterantwort: Kelsen greift die Begegnung zwischen Jesus und Pontius Pilatus aus dem Johannesevangelium auf. Jesus spricht davon, für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Pilatus antwortet mit der Frage „Was ist Wahrheit?“ Kelsen verbindet diese Szene mit seiner Auseinandersetzung über Wertrelativismus und Demokratie. In seiner Deutung wird Pilatus zum Vertreter einer Haltung, die nicht beansprucht, die absolute Wahrheit zu kennen. Die anschließende Entscheidung des Volkes über Jesus und Barabbas verbindet Kelsen mit dem demokratischen Mehrheitsprinzip. Die Szene dient ihm damit als zugespitztes Bild für die Frage, wie politische Entscheidungen getroffen werden können, wenn keine politische Instanz einen unbestreitbaren Anspruch auf absolute Wahrheit erheben kann.


Aufgabe 2: Erläutern Sie, was unter Wertrelativismus im dargestellten Verständnis zu verstehen ist. Operator: erläutern

Musterantwort: Wertrelativismus bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass alle Werte bedeutungslos sind oder jeder Mensch beliebig handeln kann. Gemeint ist vielmehr, dass letzte Werturteile keiner wissenschaftlichen Beweisführung zugänglich sind, die für alle Menschen zwingend verbindlich wäre. Menschen können dennoch moralische, religiöse und politische Überzeugungen besitzen und diese entschieden vertreten. Der Relativismus verlangt also nicht den Verzicht auf eigene Werte. Er bestreitet vielmehr die Möglichkeit, letzte Wertentscheidungen auf dieselbe Weise wissenschaftlich beweisen zu können wie bestimmte Tatsachenaussagen.


Aufgabe 3: Arbeiten Sie heraus, weshalb Kelsen nach Dreiers Darstellung die Mehrheitsentscheidung nicht mit Wahrheit gleichsetzt. Operator: herausarbeiten

Musterantwort: Kelsen geht gerade nicht davon aus, dass eine politische Mehrheit automatisch die Wahrheit besitzt. Dreier betont, dass Kelsen der Mehrheit weder eine besondere Weisheit noch den Besitz einer letzten Wahrheit zuschreibt. Das Mehrheitsprinzip wird vielmehr benötigt, weil in einer pluralistischen Gesellschaft verbindliche Entscheidungen getroffen werden müssen, obwohl unterschiedliche Menschen unterschiedliche Wertvorstellungen besitzen. Die Mehrheit entscheidet deshalb nicht, was absolut wahr ist, sondern ermöglicht eine politische Entscheidung unter Bedingungen gesellschaftlicher Uneinigkeit.


Aufgabe 4: Analysieren Sie den Zusammenhang zwischen Wertrelativismus, Pluralismus und Demokratie in Dreiers Darstellung von Kelsens Position. Operator: analysieren

Musterantwort: Ausgangspunkt ist die Annahme des Wertrelativismus, dass letzte Werturteile nicht wissenschaftlich so bewiesen werden können, dass alle Menschen sie zwingend anerkennen müssen. Daraus ergibt sich die Möglichkeit unterschiedlicher religiöser, moralischer und politischer Überzeugungen.

In modernen Gesellschaften treffen solche unterschiedlichen Überzeugungen tatsächlich aufeinander. Dreier bezeichnet dies unter Bezug auf John Rawls als gesellschaftlichen Pluralismus. Menschen vertreten unterschiedliche Vorstellungen davon, was gut, gerecht und richtig ist.

Da eine Gesellschaft trotz dieser Unterschiede gemeinsame Entscheidungen benötigt, entsteht das Problem demokratischer Willensbildung. Das Mehrheitsprinzip ermöglicht verbindliche Entscheidungen, ohne zu behaupten, die Mehrheit verfüge über die absolute Wahrheit. Demokratie wird dadurch zu einem Verfahren des Umgangs mit gesellschaftlicher Differenz.

Damit diese Ordnung funktionieren kann, sind weitere Voraussetzungen notwendig. Dazu gehören Toleranz, Kompromissbereitschaft, Grundrechte, Verständigung und die Möglichkeit eines politischen Machtwechsels. Wertrelativismus, Pluralismus und Demokratie stehen somit in einem argumentativen Zusammenhang: Die Unsicherheit über letzte politische Wahrheiten eröffnet Raum für unterschiedliche Überzeugungen, und Demokratie stellt Verfahren bereit, mit diesen Unterschieden politisch umzugehen.


Aufgabe 5: Erklären Sie, weshalb Kompromissbereitschaft nach der dargestellten Position eine wichtige Voraussetzung demokratischer Ordnung ist. Operator: erklären

Musterantwort: In einer pluralistischen Gesellschaft besitzen Menschen unterschiedliche politische, religiöse und moralische Überzeugungen. Wenn jede Gruppe ausschließlich die vollständige Durchsetzung ihrer eigenen Position akzeptieren würde, könnten politische Konflikte kaum friedlich gelöst werden. Kompromissbereitschaft bedeutet dagegen, unterschiedliche Positionen anzuerkennen und nach einer Lösung zu suchen, mit der die Beteiligten trotz fortbestehender Unterschiede umgehen können. Der Kompromiss beseitigt die unterschiedlichen Überzeugungen nicht. Er ermöglicht vielmehr gemeinsames politisches Handeln trotz dieser Unterschiede.


Aufgabe 6: Vergleichen Sie religiöse Glaubensgewissheit und demokratische Mehrheitsentscheidung im Hinblick auf ihren jeweiligen Wahrheitsanspruch. Operator: vergleichen

Musterantwort: Religiöse Glaubensgewissheit kann für einen gläubigen Menschen mit einem umfassenden Wahrheitsanspruch verbunden sein. Eine religiöse Überzeugung kann das eigene Verständnis von Gott, Mensch und Welt grundlegend bestimmen.

Eine demokratische Mehrheitsentscheidung besitzt dagegen nach Kelsens dargestellter Position keinen Anspruch darauf, eine absolute Wahrheit festzustellen. Sie ist zunächst ein Verfahren, durch das trotz unterschiedlicher Überzeugungen eine verbindliche politische Entscheidung getroffen wird. Eine Mehrheit kann sich deshalb auch irren und zu einem späteren Zeitpunkt durch eine andere Mehrheit ersetzt werden.

Gemeinsam ist beiden Bereichen, dass Menschen Überzeugungen besitzen und Entscheidungen treffen. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass persönliche religiöse Gewissheit einen Wahrheitsanspruch besitzen kann, während die demokratische Mehrheitsentscheidung ihre Geltung nicht daraus bezieht, dass die Mehrheit automatisch die Wahrheit erkannt hätte.


Aufgabe 7: Erläutern Sie die im Text dargestellte Kritik Ratzingers an Kelsen und Dreiers Erwiderung. Operator: erläutern

Musterantwort: Ratzinger kritisiert an Kelsens Position nach Dreiers Darstellung unter anderem die Gefahr eines Relativismus, der selbst dogmatische Züge annehmen könne. Außerdem sieht er das Problem, dass eine Mehrheit nicht automatisch bestimmen könne, was wahr oder gerecht ist.

Dreier hält dieser Interpretation entgegen, dass Kelsen gerade keine Gleichsetzung von Mehrheit und Wahrheit vornimmt. Nach Dreier behauptet Kelsen nicht, dass eine demokratische Mehrheit eine besondere Weisheit besitze. Das Mehrheitsprinzip ist vielmehr notwendig, weil politische Entscheidungen getroffen werden müssen, obwohl ein Anspruch auf absolute politische Wahrheit gerade nicht vorausgesetzt werden kann. Die Kritik einer Gleichsetzung von Mehrheit und Wahrheit trifft Kelsens eigentliche Position nach Dreiers Auffassung deshalb nicht.


Aufgabe 8: Beurteilen Sie die Bedeutung des Mehrheitsprinzips für eine pluralistische Demokratie. Operator: beurteilen

Musterantwort: Für das Mehrheitsprinzip spricht, dass eine Gesellschaft verbindliche Entscheidungen treffen muss, obwohl ihre Mitglieder unterschiedliche Interessen und Überzeugungen besitzen. Einstimmigkeit ist in großen und vielfältigen Gesellschaften häufig nicht erreichbar. Eine Mehrheitsentscheidung ermöglicht deshalb politische Handlungsfähigkeit.

Das Mehrheitsprinzip allein reicht jedoch nicht aus. Eine Mehrheit könnte Entscheidungen treffen, die grundlegende Rechte einer Minderheit beeinträchtigen. Deshalb sind zusätzliche Voraussetzungen wie Grundrechte, Toleranz, faire politische Verfahren und eine reale Möglichkeit des Machtwechsels wichtig.

Das Mehrheitsprinzip besitzt somit eine zentrale Funktion für demokratische Entscheidungsverfahren, muss jedoch in eine Ordnung eingebettet sein, die politische Freiheit und gesellschaftliche Vielfalt schützt.


Aufgabe 9: Erörtern Sie, ob religiöse Wahrheitsansprüche mit einer pluralistischen Demokratie vereinbar sind. Beziehen Sie Dreiers Darstellung von Kelsens Position ein. Operator: erörtern

Musterantwort: Für die Vereinbarkeit spricht, dass eine pluralistische Demokratie Menschen gerade die Freiheit gewährt, unterschiedliche religiöse und weltanschauliche Überzeugungen zu besitzen und öffentlich zu vertreten. Ein religiöser Mensch muss deshalb seine persönliche Glaubensgewissheit nicht aufgeben, um demokratisch handeln zu können.

Ein Konflikt kann jedoch entstehen, wenn aus einer persönlichen religiösen Gewissheit der Anspruch abgeleitet wird, dass alle anderen Menschen diese Überzeugung politisch übernehmen müssen. Kelsens Position macht nach Dreiers Darstellung darauf aufmerksam, dass politische Entscheidungen in einer pluralistischen Gesellschaft Menschen mit unterschiedlichen Wahrheitsüberzeugungen betreffen.

Religiöse Wahrheitsansprüche und pluralistische Demokratie können daher miteinander vereinbar sein, wenn die Freiheit anderer Menschen und deren abweichende Überzeugungen anerkannt werden. Eine demokratische Gesellschaft verlangt nicht die Aufgabe persönlicher Glaubensüberzeugungen, sondern Regeln für den friedlichen Umgang mit unterschiedlichen Überzeugungen.


Aufgabe 10: Nehmen Sie begründet Stellung zu der Aussage: „Demokratie braucht nicht eine gemeinsame Wahrheit, sondern einen friedlichen Umgang mit unterschiedlichen Überzeugungen.“ Beziehen Sie den Text in Ihre Argumentation ein. Operator: Stellung nehmen

Musterantwort: Für die Aussage spricht Dreiers Beschreibung moderner pluralistischer Gesellschaften. Menschen besitzen unterschiedliche religiöse, weltanschauliche und politische Überzeugungen. Eine vollständige Übereinstimmung darüber, was das gute und gerechte Leben ausmacht, ist deshalb nicht zu erwarten.

Demokratische Verfahren ermöglichen es, trotz dieser Unterschiede verbindliche Entscheidungen zu treffen. Dazu gehören das Mehrheitsprinzip, Grundrechte, Toleranz, Kompromissbereitschaft und die Möglichkeit eines politischen Machtwechsels. Eine Mehrheit wird dabei nicht automatisch zur Besitzerin der Wahrheit.

Allerdings benötigt eine Demokratie gemeinsame Regeln und grundlegende Voraussetzungen. Wenn politische Gruppen keinerlei gemeinsame Verfahrensregeln oder gegenseitige Rechte anerkennen, wird eine friedliche Austragung von Konflikten erschwert.

Dreiers Darstellung legt deshalb nahe, Demokratie nicht als Beseitigung von Unterschieden zu verstehen. Ihre besondere Aufgabe besteht vielmehr darin, unterschiedliche Überzeugungen durch faire und friedliche Verfahren miteinander in Beziehung zu setzen und verbindliche Entscheidungen zu ermöglichen.

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Sekundarstufe II | Q3 Ethik – die Frage nach Gut und Böse

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12.2 / 1. Grundzüge christlicher Moral im Kontext philosophischer Ethik.

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