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Fachverband Ethik Baden Württemberg

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Kant: Über Toleranz

Veröffentlichung:1.1.1795

Das Medium enthält Auszüge aus Immanuel Kants Überlegungen zur Toleranz und beschäftigt sich insbesondere mit religiöser Toleranz, dem Verhältnis von Religion und Moral sowie den Grenzen religiöser und gesellschaftlicher Einflussnahme. Kant unterscheidet zwischen moralischer und bürgerlicher Toleranz. Da wahre Religion für ihn wesentlich eine innere Beziehung des Menschen zu Gott darstellt, können Menschen nicht zuverlässig über die Religiosität anderer urteilen. Äußere Zeichen und religiöse Praktiken erlauben keinen sicheren Rückschluss auf die innere Überzeugung eines Menschen. Daraus ergibt sich für Kant die Pflicht, andere Menschen wegen abweichender religiöser Vorstellungen nicht abzuwerten oder zu verfolgen. Toleranz bedeutet dabei nicht, jede Überzeugung für richtig zu halten, sondern Irrtümer und Unvollkommenheiten anderer ohne Hass zu ertragen. Besonders entschieden wendet sich Kant gegen religiösen Verfolgungsgeist und gegen den Einsatz von Gewalt in Fragen religiöser Wahrheit. Religiöse Überzeugungen sollen nicht durch Zwang, sondern durch vernünftige Argumente geprüft werden. Die Freiheit der Untersuchung erscheint deshalb als wesentliche Voraussetzung für die Suche nach Wahrheit.

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Der Text eignet sich für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 besonders zur Auseinandersetzung mit Toleranz, Religionsfreiheit, Gewissensfreiheit, Wahrheit, religiöser Vielfalt und dem Verhältnis von Religion und Moral. Die Lernenden begegnen mit Kant einer Position, die religiöse Toleranz nicht lediglich als freundliches Verhalten gegenüber Andersdenkenden versteht, sondern als moralische Verpflichtung. Dadurch ermöglicht das Medium eine grundlegende Auseinandersetzung mit der Frage, wie Menschen mit religiösen Überzeugungen umgehen sollen, die sie selbst für falsch halten.

Eine zentrale didaktische Chance liegt in Kants Verständnis von Toleranz. Kant setzt Toleranz nicht mit Gleichgültigkeit oder vollständiger Zustimmung gleich. Ein Mensch darf eine religiöse Vorstellung eines anderen Menschen für falsch halten und dennoch verpflichtet sein, diesen Menschen ohne Hass zu behandeln. Für Lernende kann diese Unterscheidung besonders produktiv sein, weil im alltäglichen Sprachgebrauch Toleranz häufig mit Zustimmung, Akzeptanz oder Beliebigkeit verwechselt wird. Im Unterricht kann deshalb zunächst gesammelt werden, was die Lernenden unter Toleranz verstehen. Anschließend können diese Vorstellungen mit Kants Definition verglichen werden.

Eine besondere Herausforderung stellt die historische Sprache des Textes dar. Zahlreiche Begriffe, Schreibweisen und Satzkonstruktionen unterscheiden sich deutlich von der heutigen Sprache. Deshalb empfiehlt sich eine sprachliche Vorentlastung. Begriffe wie Toleranz, Moralität, Naturzustand, Verfolgungsgeist, Menschenpflicht, Religionsübung und Freiheit der Untersuchung sollten gemeinsam geklärt werden. Einzelne Textabschnitte können von den Lernenden zunächst in heutiges Deutsch übertragen und anschließend inhaltlich zusammengefasst werden. Dadurch wird verhindert, dass die sprachliche Schwierigkeit den Zugang zu den philosophischen Gedanken verstellt.

Für die Texterschließung bietet sich ein arbeitsteiliges Verfahren an. Verschiedene Lerngruppen können jeweils einen zentralen Gedanken untersuchen. Eine Gruppe beschäftigt sich mit Kants Aussage, dass Religion wesentlich eine innere Angelegenheit sei. Eine weitere Gruppe untersucht die Unterscheidung zwischen moralischer und bürgerlicher Toleranz. Eine dritte Gruppe arbeitet Kants Verständnis von Hass und religiöser Verfolgung heraus. Eine vierte Gruppe untersucht seine Forderung, in religiösen Wahrheitsfragen Gründe statt Gewalt einzusetzen. Anschließend werden die Ergebnisse zusammengeführt und zu einer gemeinsamen Definition von Toleranz verdichtet.

Von besonderer Bedeutung ist Kants Gedanke, dass Menschen die innere Religiosität anderer nicht unmittelbar erkennen können. Hier bietet sich eine Auseinandersetzung mit der Unterscheidung zwischen äußerer Religionsausübung und innerer religiöser Überzeugung an. Die Lernenden können überlegen, welche religiösen Zeichen von außen wahrgenommen werden können und welche Aspekte des Glaubens grundsätzlich der inneren Überzeugung eines Menschen angehören. Daraus kann die Frage entwickelt werden, in welchem Umfang andere Menschen überhaupt berechtigt sind, über den Glauben einer Person zu urteilen.

Kants Aussage, dass Moralität auch ohne Religion möglich sei, bietet einen weiteren wichtigen Zugang. Die Lernenden können prüfen, ob moralisches Handeln zwingend eine religiöse Grundlage benötigt. Hier lässt sich Kant mit religiösen Positionen vergleichen, nach denen der Glaube eine wesentliche Motivation für moralisches Handeln darstellt. Die Unterrichtsarbeit sollte dabei unterschiedliche Begründungsmöglichkeiten moralischen Handelns sichtbar machen. Auf diese Weise erkennen die Lernenden, dass ähnliche moralische Forderungen religiös und nicht religiös begründet werden können.

Besonders ergiebig ist die Auseinandersetzung mit der Frage nach den Grenzen von Toleranz. Kant fordert nicht, jedes Verhalten widerspruchslos hinzunehmen. Er unterscheidet zwischen einer abweichenden Überzeugung und einem Verhalten, durch das andere Menschen bedroht oder geschädigt werden. An dieser Stelle können die Lernenden diskutieren, ob auch intolerante Einstellungen toleriert werden müssen und wann eine Gesellschaft Grenzen setzen darf. Entscheidend ist eine begriffliche Trennung zwischen der Achtung eines Menschen und der Zustimmung zu seinen Überzeugungen oder Handlungen.

Für einen problemorientierten Unterrichtseinstieg kann ein Konfliktfall verwendet werden, bei dem Menschen unterschiedliche religiöse Überzeugungen vertreten. Die Lernenden erhalten zunächst die Aufgabe zu entscheiden, welche Äußerungen von Religionsfreiheit gedeckt sein sollten und an welchem Punkt möglicherweise Grenzen erreicht werden. Erst anschließend wird Kants Text eingeführt. Die Lernenden überprüfen dann ihre ersten Einschätzungen anhand seiner Argumentation.

Methodisch eignet sich auch eine strukturierte Diskussion zur Aussage Kants, dass in Fragen religiöser Wahrheit keine Gewalt, sondern Gründe verwendet werden sollen. Eine Lerngruppe kann diese Forderung aus Kants Perspektive erklären, während eine andere Gruppe nach möglichen Grenzen und Problemen fragt. Dabei kann thematisiert werden, welche Bedeutung Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und freie Diskussion für eine pluralistische Gesellschaft besitzen.

Für den Religionsunterricht bietet sich außerdem ein Vergleich mit christlichen Vorstellungen an. Die Forderung, einen Menschen trotz unterschiedlicher Überzeugungen nicht zu hassen, kann beispielsweise mit dem Gebot der Nächstenliebe verbunden werden. Gleichzeitig können Unterschiede der Begründung herausgearbeitet werden. Während Kant seine Position wesentlich durch Vernunft, Moral und die Grenzen menschlicher Erkenntnis begründet, kann eine christliche Perspektive zusätzlich auf Gottesebenbildlichkeit, Nächstenliebe und die Würde jedes Menschen Bezug nehmen.

Zur Ergebnissicherung können die Lernenden eine begriffliche Übersicht erstellen, in der Toleranz, Akzeptanz, Gleichgültigkeit, Religionsfreiheit, Religionskritik und religiöse Verfolgung voneinander unterschieden werden. Als Transferaufgabe bietet sich die Formulierung eigener Regeln für einen toleranten Umgang mit religiöser Vielfalt an. Diese Regeln müssen anschließend mit Aussagen Kants begründet oder kritisch mit ihnen verglichen werden. Dadurch verbindet das Medium historische Texterschließung mit gegenwärtiger ethischer Urteilsbildung und fördert die Fähigkeit, unterschiedliche religiöse und weltanschauliche Positionen respektvoll und argumentativ zu diskutieren.


Aufgabe 1

Operator: zusammenfassen

Fassen Sie Kants Verständnis religiöser Toleranz in eigenen Worten zusammen.

Musterlösung

Kant versteht Toleranz als eine allgemeine moralische Pflicht. Menschen besitzen unterschiedliche Überzeugungen und können aus der Sicht anderer Menschen Irrtümern unterliegen. Diese Unterschiede rechtfertigen jedoch keinen Hass. Religiöse Toleranz bedeutet deshalb, Überzeugungen eines anderen Menschen auch dann ohne Hass zu dulden, wenn man sie selbst für falsch hält.

Kant begründet diese Haltung unter anderem damit, dass Religion wesentlich eine innere Beziehung des Menschen zu Gott ist. Andere Menschen können diese innere Haltung nicht unmittelbar erkennen. Äußere Zeichen und religiöse Handlungen geben keinen sicheren Aufschluss darüber, was ein Mensch tatsächlich glaubt. Deshalb ist es problematisch, einem anderen Menschen seine Religion abzusprechen oder ihn aufgrund seiner religiösen Überzeugungen abzuwerten.


Aufgabe 2

Operator: erläutern

Erläutern Sie Kants Aussage, dass wahre Religion innerlich sei.

Musterlösung

Mit der Aussage, dass wahre Religion innerlich sei, unterscheidet Kant zwischen der persönlichen religiösen Überzeugung und ihrer äußerlich sichtbaren Darstellung. Menschen können beispielsweise an Gottesdiensten teilnehmen, Gebete sprechen oder religiöse Zeichen verwenden. Daraus kann jedoch nicht sicher geschlossen werden, was sie tatsächlich glauben.

Umgekehrt kann ein Mensch eine ernsthafte religiöse Überzeugung besitzen, obwohl diese äußerlich nicht deutlich erkennbar ist. Die eigentliche Beziehung eines Menschen zu Gott kann nach Kant von anderen Menschen nicht unmittelbar beurteilt werden.

Aus dieser Erkenntnis folgt eine Forderung nach Zurückhaltung gegenüber dem Glauben anderer. Weil ein Mensch die innere Religiosität eines anderen nicht sicher erkennen kann, besitzt er keine ausreichende Grundlage, diesen Menschen wegen seiner religiösen Überzeugung abzuwerten.


Aufgabe 3

Operator: herausarbeiten

Arbeiten Sie heraus, wie Kant das Verhältnis von Toleranz und Hass bestimmt.

Musterlösung

Kant beschreibt einen toleranten Menschen als jemanden, der Fehler und Irrtümer anderer Menschen ertragen kann, ohne diese Menschen zu hassen. Toleranz setzt für ihn nicht voraus, dass man alle Überzeugungen anderer Menschen für richtig hält.

Ein Mensch kann deshalb eine religiöse Lehre ablehnen und dennoch gegenüber ihren Anhängern tolerant sein. Entscheidend ist die Trennung zwischen der Beurteilung einer Überzeugung und der Beurteilung der Person. Ein religiöser Irrtum macht einen Menschen nach Kant nicht automatisch zu einem Gegenstand des Hasses.

Damit fordert Kant eine Haltung, die Kritik und Toleranz miteinander verbindet. Religiöse Überzeugungen dürfen kritisiert werden, aber unterschiedliche religiöse Auffassungen rechtfertigen keine Feindseligkeit gegenüber den Personen, die sie vertreten.


Aufgabe 4

Operator: analysieren

Analysieren Sie Kants Argumentation gegen religiöse Verfolgung.

Musterlösung

Kants Argumentation beruht zunächst auf den Grenzen menschlicher Erkenntnis. Da Religion wesentlich eine innere Angelegenheit ist, können Menschen nicht sicher wissen, wie es um die tatsächliche Religiosität eines anderen Menschen bestellt ist. Deshalb fehlt ihnen eine ausreichende Grundlage, andere aufgrund ihres Glaubens zu verurteilen.

Ein weiterer Gedanke betrifft das Verhältnis von Wahrheit und Gewalt. Kant lehnt Gewalt als Mittel zur Durchsetzung religiöser Wahrheit ab. In Fragen der Wahrheit sollen Argumente und Gründe entscheiden. Gewalt kann zwar Menschen zu einem bestimmten äußeren Verhalten zwingen, sie kann jedoch keine echte innere Überzeugung hervorbringen.

Kant geht sogar davon aus, dass Gewalt gegenüber einer falschen Überzeugung dazu führen kann, dass sich diese länger erhält. Verfolgung ist deshalb nicht nur moralisch problematisch, sondern auch kein geeignetes Mittel zur Wahrheitsfindung.

Als Alternative fordert Kant die Freiheit der Untersuchung. Unterschiedliche Auffassungen müssen frei geprüft und mit Argumenten diskutiert werden können. Wahrheit soll sich durch vernünftige Auseinandersetzung und nicht durch Zwang durchsetzen.


Aufgabe 5

Operator: erklären

Erklären Sie die Aussage Kants, dass Moralität ohne Religion möglich sei.

Musterlösung

Kant vertritt die Auffassung, dass Menschen grundsätzlich moralisch handeln können, ohne dafür zwingend religiös sein zu müssen. Moralisches Verhalten kann sich beispielsweise aus vernünftiger Einsicht in Pflichten gegenüber anderen Menschen ergeben.

Religion kann moralisches Handeln nach Kant unterstützen und zusätzliche Beweggründe für moralisches Verhalten bereitstellen. Sie ist jedoch nicht in jedem Fall die Voraussetzung dafür, dass Menschen zwischen richtigem und falschem Handeln unterscheiden können.

Damit unterscheidet Kant zwischen Religion und Moral. Beide können miteinander verbunden sein, sind aber nicht identisch. Ein Mensch kann moralisch handeln, obwohl er keiner Religion angehört. Ebenso folgt aus einer sichtbaren Religionszugehörigkeit nicht automatisch, dass ein Mensch moralisch handelt.


Aufgabe 6

Operator: vergleichen

Vergleichen Sie Kants Verständnis von Toleranz mit dem christlichen Gebot der Nächstenliebe.

Musterlösung

Kants Toleranzverständnis und das christliche Gebot der Nächstenliebe weisen Gemeinsamkeiten auf. Beide wenden sich dagegen, einen Menschen allein aufgrund unterschiedlicher Überzeugungen abzuwerten oder zu hassen. Der andere Mensch soll unabhängig davon geachtet werden, ob seine religiösen Vorstellungen mit den eigenen übereinstimmen.

Ein Unterschied besteht in der Begründung. Kant argumentiert vor allem mit moralischer Pflicht, Vernunft und den Grenzen menschlicher Erkenntnis. Weil Menschen die innere religiöse Haltung anderer nicht sicher erkennen können, dürfen sie diese nicht aufgrund vermeintlich falscher religiöser Überzeugungen verurteilen.

Das christliche Gebot der Nächstenliebe kann dagegen religiös begründet werden. Die Zuwendung zum Mitmenschen steht in Beziehung zur Liebe Gottes und kann mit der besonderen Würde des Menschen vor Gott verbunden werden.

Beide Ansätze können somit zu einem respektvollen Umgang mit Andersdenkenden führen, verwenden dafür jedoch unterschiedliche Begründungen.


Aufgabe 7

Operator: erörtern

Erörtern Sie die Frage, ob Toleranz bedeutet, jede religiöse Überzeugung und jedes religiös begründete Verhalten hinzunehmen. Beziehen Sie Kants Position in Ihre Überlegungen ein.

Musterlösung

Für die Annahme einer weitreichenden Toleranz spricht zunächst, dass Menschen unterschiedliche religiöse und weltanschauliche Überzeugungen besitzen. Eine vielfältige Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass Menschen Unterschiede aushalten können. Kant macht deutlich, dass eine Überzeugung, die man selbst für falsch hält, nicht automatisch Hass gegenüber der Person rechtfertigt.

Toleranz bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, jedes Verhalten widerspruchslos hinzunehmen. Kant selbst deutet Grenzen an, wenn religiöse Überzeugungen zu schädlichem Verhalten oder Verfolgung führen. Wenn Menschen ihre Religion verwenden, um andere zu bedrohen, zu verfolgen oder ihnen Gewalt anzutun, betrifft dies nicht mehr ausschließlich ihre persönliche Glaubensüberzeugung.

Deshalb ist zwischen der Freiheit einer religiösen Überzeugung und konkreten Handlungen zu unterscheiden. Eine Person kann eine Überzeugung vertreten, die andere für falsch halten. Gleichzeitig können Grenzen notwendig werden, wenn aus dieser Überzeugung Handlungen entstehen, die Rechte anderer Menschen verletzen.

Toleranz verlangt daher die Achtung der Person und ihrer Freiheit, bedeutet aber nicht automatisch Zustimmung zu allen Überzeugungen oder die Duldung jeder Handlung.


Aufgabe 8

Operator: beurteilen

Beurteilen Sie Kants Aussage: „In Sachen der Wahrheit der Religion muß keine Gewalt gebraucht werden, sondern Gründe.“

Musterlösung

Kants Aussage beruht auf einer wichtigen Unterscheidung zwischen äußerem Zwang und innerer Überzeugung. Gewalt kann einen Menschen möglicherweise dazu bringen, sich äußerlich einer bestimmten Religion anzupassen. Sie kann jedoch nicht gewährleisten, dass der Mensch diese Religion tatsächlich für wahr hält. Religiöser Glaube betrifft nach Kant gerade die innere Überzeugung.

Für Kants Position spricht außerdem, dass die Verwendung von Gründen eine offene Prüfung unterschiedlicher Wahrheitsansprüche ermöglicht. Menschen können Argumente austauschen, Positionen hinterfragen und ihre eigenen Überzeugungen überprüfen. Gewalt beendet dagegen eine solche Auseinandersetzung.

Die Aussage ist auch für den Umgang mit religiöser Vielfalt bedeutsam. Unterschiedliche religiöse und weltanschauliche Positionen können miteinander konkurrieren, ohne dass daraus ein Recht auf Gewalt gegen Andersdenkende entsteht.

Kants Forderung lässt sich deshalb als Plädoyer für eine Kultur der argumentativen Auseinandersetzung verstehen. Religiöse Wahrheitsfragen sollen durch Nachdenken, Diskussion und freie Prüfung behandelt werden. Damit verbindet Kant Toleranz nicht mit Gleichgültigkeit gegenüber Wahrheit, sondern mit der Forderung, unterschiedliche Wahrheitsansprüche ohne Gewalt zu prüfen.


Aufgabe 9

Operator: Stellung nehmen

Nehmen Sie begründet Stellung zu der Aussage: „Toleranz bedeutet nicht, dass ich die Meinung eines anderen Menschen für richtig halten muss.“

Musterlösung

Der Aussage kann auf der Grundlage von Kants Toleranzverständnis zugestimmt werden. Toleranz wird gerade dann erforderlich, wenn unterschiedliche Überzeugungen bestehen. Wenn zwei Menschen ohnehin derselben Meinung sind, müssen sie ihre Unterschiede nicht tolerieren.

Kant unterscheidet deshalb zwischen der Ablehnung einer Überzeugung und der Ablehnung eines Menschen. Ein Mensch darf eine religiöse Vorstellung für einen Irrtum halten. Daraus folgt jedoch nicht, dass er die Person, die diese Vorstellung vertritt, hassen oder verfolgen darf.

Diese Unterscheidung ist für religiöse und weltanschauliche Vielfalt besonders wichtig. Toleranz ermöglicht Kritik, ohne die Würde der Person infrage zu stellen. Sie verlangt daher weder Gleichgültigkeit noch vollständige Zustimmung. Sie fordert vielmehr einen respektvollen Umgang mit Menschen trotz bestehender Unterschiede.


Aufgabe 10

Operator: entwickeln

Entwickeln Sie ausgehend von Kants Text drei begründete Regeln für einen toleranten Umgang mit religiöser Vielfalt.

Musterlösung

Eine erste Regel könnte lauten: Die religiöse Überzeugung eines Menschen darf nicht allein anhand äußerer Zeichen beurteilt werden. Kant macht deutlich, dass die eigentliche religiöse Haltung eines Menschen innerlich ist. Deshalb ist Zurückhaltung gegenüber vorschnellen Urteilen notwendig.

Eine zweite Regel könnte lauten: Religiöse Unterschiede dürfen kritisiert und diskutiert werden, ohne die Person abzuwerten. Nach Kant kann man eine Überzeugung für falsch halten, ohne den Menschen zu hassen, der sie vertritt. Kritik und Achtung schließen einander somit nicht aus.

Eine dritte Regel könnte lauten: Religiöse Konflikte sollen durch Argumente und nicht durch Gewalt entschieden werden. Kants Forderung nach der Freiheit der Untersuchung bedeutet, dass unterschiedliche Wahrheitsansprüche offen geprüft werden müssen. Gewalt kann keine religiöse Wahrheit beweisen und keine echte Überzeugung herstellen.

Aus Kants Überlegungen ergibt sich damit ein Verständnis von Toleranz, das persönliche Achtung, kritische Auseinandersetzung und die Freiheit religiöser Überzeugungen miteinander verbindet.

Hessen

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Sekundarstufe II | Q3 Ethik – die Frage nach Gut und Böse

Q3.1 Moralisch argumentieren – Modelle der Ethik.

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Rheinland-Pfalz

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Sekundarstufe II | 12/2 Gutes Handeln unter dem Anspruch des Christseins

12.2 / 1. Grundzüge christlicher Moral im Kontext philosophischer Ethik.

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