Das Medium eignet sich besonders für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 im Zusammenhang mit den Themen Sinn des Lebens, Gottesfrage, Gottesbeweise, Glaube und Vernunft, Religionskritik, religiöse und nicht religiöse Lebensdeutungen sowie Glück und gelingendes Leben. Der Text ermöglicht es, eine für Jugendliche bedeutsame existenzielle Frage mit einer philosophischen Argumentationsanalyse zu verbinden. Die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens besitzt einen unmittelbaren Lebensweltbezug, während Hoersters Text zugleich dazu auffordert, zwischen persönlichen Überzeugungen und logisch tragfähigen Begründungen zu unterscheiden.
Für den Unterricht sollte zunächst geklärt werden, was mit der Frage nach dem „Sinn des Lebens“ überhaupt gemeint sein kann. Der Begriff Sinn kann unterschiedliche Bedeutungen besitzen. Er kann sich auf ein Ziel des Lebens, eine Aufgabe, eine religiöse Bestimmung, persönliche Erfüllung, Beziehungen, Verantwortung oder die Bedeutung des eigenen Lebens für andere Menschen beziehen. Die Lernenden sollten erkennen, dass unterschiedliche Antworten auf die Sinnfrage möglich sind und dass die Frage nach dem Sinn nicht automatisch mit der Frage nach der Existenz Gottes identisch ist.
Als Einstieg bietet sich deshalb eine offene Sammlung möglicher Antworten auf die Frage an: „Was kann einem menschlichen Leben Sinn geben?“ Die Lernenden können zunächst individuell Begriffe notieren. Anschließend werden mögliche Sinnquellen gesammelt, beispielsweise Familie, Freundschaft, Liebe, Religion, Glaube, Gemeinschaft, berufliche Aufgaben, Verantwortung, Hilfe für andere Menschen, persönliche Ziele, Kreativität oder die Gestaltung der Gesellschaft. Die Ergebnisse sollten zunächst nicht bewertet werden. Sie dienen dazu, sichtbar zu machen, dass Sinn auf unterschiedliche Weise verstanden und begründet werden kann.
Anschließend kann die im Text angesprochene Aussage „Es muss einen Gott geben, weil sonst das Leben keinen Sinn hätte“ präsentiert werden. Die Lernenden können zunächst spontan prüfen, ob sie die Schlussfolgerung nachvollziehen können. Erst danach wird Hoersters Analyse eingeführt. Dieses Vorgehen ist didaktisch sinnvoll, weil die Lernenden zunächst selbst über die Plausibilität des Arguments nachdenken und anschließend ihre Überlegungen mit der philosophischen Analyse vergleichen können.
In der ersten Erarbeitungsphase sollte die logische Struktur des Arguments besonders sorgfältig erschlossen werden. Die Lernenden können die beiden von Hoerster genannten Voraussetzungen in eigenen Worten formulieren. Dabei sollte deutlich werden, dass die Aussage „Wenn es keinen Gott gibt, hat das Leben keinen Sinn“ nicht dasselbe bedeutet wie die Aussage „Wenn es Gott gibt, hat das Leben einen Sinn“. Diese Unterscheidung ist für Lernende der Jahrgangsstufe 10 anspruchsvoll und sollte deshalb anhand einfacher Beispiele verdeutlicht werden.
Eine mögliche Veranschaulichung besteht darin, Alltagssätze nach demselben Muster zu untersuchen. Die Lernenden können beispielsweise prüfen, ob aus der Aussage „Wenn es regnet, wird die Straße nass“ automatisch die Aussage „Wenn die Straße nass ist, hat es geregnet“ folgt. Dabei wird deutlich, dass eine nasse Straße auch andere Ursachen haben kann. Diese logische Einsicht kann anschließend auf Hoersters Argument übertragen werden: Selbst wenn die Existenz Gottes eine mögliche Grundlage für einen Sinn des Lebens wäre, folgt daraus nicht, dass nur Gott Sinn ermöglichen kann.
Ein weiterer Schwerpunkt sollte auf dem von Hoerster kritisierten Zirkelschluss liegen. Der Begriff kann zunächst anhand eines vereinfachten Beispiels erläutert werden. Anschließend untersuchen die Lernenden, weshalb es problematisch wäre, die Aussage „Das Leben hat einen Sinn“ mit der Existenz Gottes zu begründen, wenn gerade diese Aussage anschließend als Beweis für die Existenz Gottes verwendet werden soll. Die Lernenden können den Argumentationskreis grafisch darstellen und anschließend in eigenen Worten erklären. Dadurch wird abstraktes logisches Denken visualisiert.
Für die weitere Textarbeit bietet sich eine strukturierende Tabelle an, in der zwischen Aussage, Begründung, Einwand und Schlussfolgerung unterschieden wird. Die Lernenden arbeiten heraus, welche Behauptung Hoerster kritisiert, welche Voraussetzungen er identifiziert und an welcher Stelle er einen logischen Fehler erkennt. Besonders wichtig ist dabei die Erkenntnis, dass Hoerster mit seiner Kritik nicht beweist, dass Gott nicht existiert. Er zeigt vielmehr, dass eine bestimmte Argumentation für die Existenz Gottes seiner Auffassung nach nicht trägt. Diese Unterscheidung zwischen der Kritik an einem Argument und der Widerlegung einer Behauptung sollte ausdrücklich gesichert werden.
In einer zweiten Erarbeitungsphase kann die zentrale religionsphilosophische Frage vertieft werden, ob ein Leben ohne Gottesglauben sinnvoll sein kann. Hier bietet sich eine arbeitsteilige Gruppenarbeit an. Eine Gruppe sammelt religiöse Sinnbegründungen, eine weitere untersucht nicht religiöse Sinnbegründungen und eine dritte Gruppe fragt nach möglichen Gemeinsamkeiten. Anschließend werden die Ergebnisse im Plenum zusammengeführt. Dabei sollte vermieden werden, religiöse und nicht religiöse Positionen vorschnell gegeneinander auszuspielen. Vielmehr können die Lernenden untersuchen, welche unterschiedlichen Antworten Menschen auf dieselbe existenzielle Frage geben.
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, kurze fiktive Lebenspositionen zu entwickeln. Eine Person findet Sinn im Glauben an Gott, eine andere in Familie und Freundschaft, eine weitere im Einsatz für Gerechtigkeit und eine andere in persönlicher Selbstverwirklichung. Die Lernenden können untersuchen, welche Voraussetzungen den jeweiligen Sinnvorstellungen zugrunde liegen. Anschließend kann gefragt werden, ob diese verschiedenen Sinnquellen einander ausschließen oder miteinander verbunden werden können.
Der Text bietet außerdem einen geeigneten Ausgangspunkt für die Unterscheidung zwischen einem objektiv vorgegebenen und einem subjektiv entwickelten Sinn. Die Lernenden können überlegen, ob der Sinn des Lebens von einer außerhalb des Menschen liegenden Wirklichkeit vorgegeben sein muss oder ob Menschen ihrem Leben selbst Sinn geben können. Eine religiöse Position könnte beispielsweise davon ausgehen, dass menschliches Leben aufgrund seiner Beziehung zu Gott einen grundlegenden Sinn besitzt. Andere Positionen könnten Sinn aus menschlichen Beziehungen, selbst gewählten Zielen oder moralischer Verantwortung ableiten. Diese Unterscheidung erweitert die Auseinandersetzung über die reine Analyse des Gottesarguments hinaus.
Für eine abschließende Urteilsbildung eignet sich die Leitfrage: „Braucht der Mensch Gott, damit sein Leben sinnvoll sein kann?“ Die Lernenden sollten zunächst unterschiedliche Positionen darstellen und anschließend ein eigenes begründetes Urteil entwickeln. Dabei sollte zwischen persönlicher Überzeugung und argumentativer Begründung unterschieden werden. Eine überzeugende Stellungnahme zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sie eine bestimmte religiöse oder nicht religiöse Position vertritt, sondern dadurch, dass sie Begriffe klärt, Argumente berücksichtigt und nachvollziehbare Gründe für das eigene Urteil formuliert.
Das Medium fördert damit Sachkompetenz, Deutungskompetenz, Argumentationskompetenz und Urteilskompetenz. Zugleich eröffnet es einen lebensweltlich relevanten Zugang zur Religionsphilosophie, weil die abstrakte Frage nach der Existenz Gottes mit der persönlichen und gesellschaftlichen Frage nach einem sinnvollen Leben verbunden wird.
4. Prüfungsfragen für eine Klausur der Klasse 10 mit Musterlösungen
Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator: Zusammenfassen
Fasse Hoersters zentrale Überlegungen zum Zusammenhang zwischen der Existenz Gottes und dem Sinn des Lebens in eigenen Worten zusammen.
Musterlösung:
Hoerster untersucht die verbreitete Behauptung, dass Gott existieren müsse, weil das menschliche Leben andernfalls keinen Sinn hätte. Er zeigt, dass dieses Argument zwei Voraussetzungen benötigt. Erstens wird angenommen, dass das Leben ohne Gott keinen Sinn haben könne. Zweitens wird vorausgesetzt, dass das menschliche Leben tatsächlich einen Sinn besitzt. Aus diesen beiden Annahmen soll dann auf die Existenz Gottes geschlossen werden.
Hoerster hält diese Argumentation für problematisch. Besonders fraglich ist für ihn, wie begründet werden kann, dass das Leben einen Sinn besitzt. Wird diese Behauptung wiederum mit der Existenz Gottes begründet, entsteht ein Zirkelschluss. Hoerster unterscheidet außerdem zwischen der Möglichkeit, dass Gott dem Leben Sinn gibt, und der weitergehenden Behauptung, dass ausschließlich Gott dem Leben Sinn geben kann.
Aufgabe 2, Anforderungsbereich I bis II, Operator: Erläutern
Erläutere die beiden Voraussetzungen des von Hoerster untersuchten Arguments für die Existenz Gottes.
Musterlösung:
Die erste Voraussetzung lautet, dass das menschliche Leben keinen Sinn besitzt, wenn Gott nicht existiert. Damit wird angenommen, dass Gott eine notwendige Voraussetzung für Lebenssinn ist.
Die zweite Voraussetzung lautet, dass das menschliche Leben tatsächlich einen Sinn besitzt. Werden beide Aussagen miteinander verbunden, soll daraus folgen, dass Gott existieren muss. Denn wenn das Leben einen Sinn hat und Sinn ohne Gott unmöglich wäre, müsste Gott existieren.
Hoerster weist jedoch darauf hin, dass insbesondere die zweite Voraussetzung begründet werden muss. Man darf nicht einfach von einem gewünschten oder angenommenen Sinn des Lebens ausgehen und daraus unmittelbar auf die Existenz Gottes schließen.
Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator: Analysieren
Analysiere Hoersters Kritik an dem Argument: „Es muss einen Gott geben, weil sonst das Leben keinen Sinn hätte.“
Musterlösung:
Hoerster zerlegt das Argument zunächst in seine einzelnen Voraussetzungen. Dadurch macht er sichtbar, welche Annahmen notwendig sind, damit die Schlussfolgerung auf die Existenz Gottes überhaupt möglich wird.
Seine Kritik richtet sich insbesondere gegen die Begründung der Aussage, dass das Leben einen Sinn besitzt. Wird diese Aussage damit begründet, dass Gott existiert und dem Leben Sinn verleiht, entsteht ein logischer Kreis. Die Existenz Gottes würde dann zunächst vorausgesetzt, um den Sinn des Lebens zu begründen. Anschließend würde der Sinn des Lebens wiederum benutzt, um die Existenz Gottes zu beweisen. Hoerster bezeichnet eine solche Argumentation als zirkulär.
Darüber hinaus unterscheidet er zwei verschiedene Behauptungen. Die erste besagt, dass Gottes Existenz dem menschlichen Leben Sinn geben kann. Die zweite besagt, dass das menschliche Leben ausschließlich dann Sinn haben kann, wenn Gott existiert. Aus der ersten Behauptung folgt nach Hoerster nicht automatisch die zweite. Es könnten auch andere Umstände existieren, die einem menschlichen Leben Sinn verleihen.
Aufgabe 4, Anforderungsbereich II, Operator: Erläutern
Erläutere anhand eines eigenen Beispiels, was unter einem Zirkelschluss verstanden wird, und übertrage deine Erklärung anschließend auf Hoersters Argumentation.
Musterlösung:
Ein Zirkelschluss liegt vor, wenn eine Behauptung mit einer Voraussetzung begründet wird, deren Gültigkeit wiederum von der ursprünglichen Behauptung abhängt. Ein einfaches Beispiel wäre: „Diese Person sagt immer die Wahrheit, weil sie selbst sagt, dass sie immer die Wahrheit sagt.“ Die Aussage der Person wird dabei benutzt, um gerade die Zuverlässigkeit zu begründen, die notwendig wäre, um ihrer Aussage vertrauen zu können.
Bei dem von Hoerster untersuchten Gottesargument würde ein vergleichbares Problem entstehen, wenn man sagt: „Das Leben hat einen Sinn, weil Gott existiert“, und anschließend argumentiert: „Gott existiert, weil das Leben einen Sinn hat.“ Die Existenz Gottes würde dann verwendet, um den Lebenssinn zu begründen, während der Lebenssinn gleichzeitig als Begründung für die Existenz Gottes dienen soll. Dadurch wird die Existenz Gottes nicht unabhängig begründet.
Aufgabe 5, Anforderungsbereich II, Operator: Vergleichen
Vergleiche die Aussagen „Wenn Gott existiert, hat das Leben einen Sinn“ und „Nur wenn Gott existiert, hat das Leben einen Sinn“. Arbeite den entscheidenden Unterschied heraus.
Musterlösung:
Die Aussage „Wenn Gott existiert, hat das Leben einen Sinn“ behauptet, dass die Existenz Gottes eine mögliche Grundlage für Lebenssinn darstellt. Sie schließt jedoch nicht aus, dass es weitere Grundlagen für ein sinnvolles Leben geben könnte.
Die Aussage „Nur wenn Gott existiert, hat das Leben einen Sinn“ ist wesentlich stärker. Sie behauptet, dass ohne Gott kein Lebenssinn möglich ist. Andere mögliche Quellen von Sinn werden damit ausgeschlossen.
Genau diese Unterscheidung ist für Hoersters Argumentation wichtig. Selbst wenn angenommen wird, dass Gott dem Leben Sinn geben kann, folgt daraus nicht automatisch, dass ausschließlich Gott dies kann. Familie, Freundschaft, Verantwortung, Liebe, gesellschaftliches Engagement oder persönliche Lebensziele könnten ebenfalls als mögliche Sinnquellen betrachtet werden.
Aufgabe 6, Anforderungsbereich II bis III, Operator: Erörtern
Erörtere die Aussage: „Ohne den Glauben an Gott kann ein menschliches Leben keinen Sinn haben.“ Beziehe Hoersters Überlegungen in deine Argumentation ein.
Musterlösung:
Für die Aussage kann angeführt werden, dass Religion Menschen eine umfassende Deutung ihres Lebens anbieten kann. Der Glaube an Gott kann dem eigenen Leben einen Ursprung, ein Ziel und eine Bedeutung geben, die über die individuelle Lebenszeit hinausreichen. Für einen glaubenden Menschen können außerdem Beziehungen, moralisches Handeln und persönliche Erfahrungen durch die Beziehung zu Gott einen tieferen Sinn erhalten.
Gegen die Aussage spricht Hoersters Einwand, dass aus der Möglichkeit religiöser Sinngebung nicht folgt, dass ausschließlich Religion Sinn ermöglichen kann. Auch Menschen ohne Gottesglauben können ihr Leben als sinnvoll erfahren. Sinn kann beispielsweise durch Liebe, Familie, Freundschaft, Verantwortung, berufliche Aufgaben, Kreativität oder den Einsatz für andere Menschen entstehen.
Außerdem muss zwischen der Aussage „Gott kann dem Leben Sinn geben“ und der Aussage „Nur Gott kann dem Leben Sinn geben“ unterschieden werden. Die zweite Behauptung benötigt eine zusätzliche Begründung.
Die Frage hängt somit wesentlich davon ab, was unter Lebenssinn verstanden wird. Religiöser Glaube kann eine wichtige Quelle von Sinn darstellen. Daraus folgt jedoch nicht allein, dass andere Formen der Sinngebung grundsätzlich ausgeschlossen sind.
Aufgabe 7, Anforderungsbereich III, Operator: Beurteilen
Beurteile Hoersters These, dass man möglicherweise den Sinn des Lebens aus der Existenz Gottes ableiten kann, nicht aber die Existenz Gottes aus dem Sinn des Lebens.
Musterlösung:
Hoersters Unterscheidung ist logisch nachvollziehbar. Wenn zunächst unabhängig begründet wäre, dass Gott existiert und dass dieser Gott dem menschlichen Leben eine bestimmte Bestimmung gibt, könnte daraus eine religiöse Antwort auf die Sinnfrage entwickelt werden. Die Existenz Gottes wäre dann eine Voraussetzung für eine bestimmte Deutung des Lebens.
Problematisch wäre dagegen der umgekehrte Schluss, wenn zunächst einfach vorausgesetzt wird, dass das Leben einen Sinn haben müsse, und daraus die Existenz Gottes gefolgert wird. Der Wunsch nach einem sinnvollen Leben ist für sich genommen noch kein Nachweis dafür, dass eine bestimmte Wirklichkeit existiert.
Hoersters Argument zeigt damit eine wichtige Unterscheidung zwischen der persönlichen Bedeutung einer Überzeugung und der Begründung ihrer Wahrheit. Dass der Glaube an Gott einem Menschen Sinn geben kann, beantwortet noch nicht automatisch die Frage, ob Gott tatsächlich existiert. Seine Kritik ist daher als Prüfung dieses bestimmten Arguments nachvollziehbar, ohne damit bereits über die Existenz oder Nichtexistenz Gottes insgesamt zu entscheiden.
Aufgabe 8, Anforderungsbereich III, Operator: Stellung nehmen
Nimm begründet zu der Frage Stellung: „Muss der Sinn des Lebens gefunden werden oder können Menschen ihrem Leben selbst Sinn geben?“ Berücksichtige religiöse und nicht religiöse Perspektiven.
Musterlösung:
Die Vorstellung, dass der Sinn des Lebens gefunden werden muss, setzt voraus, dass es bereits einen Sinn gibt, der nicht allein vom Menschen geschaffen wird. Eine religiöse Perspektive kann beispielsweise davon ausgehen, dass Gott jedem menschlichen Leben eine grundlegende Würde, Aufgabe und Bestimmung gibt. Der Mensch entdeckt dann einen Sinn, der seinem eigenen Denken und Entscheiden vorausgeht.
Demgegenüber steht die Vorstellung, dass Menschen ihrem Leben selbst Sinn geben können. Sinn entsteht dann etwa durch Beziehungen, persönliche Ziele, Verantwortung, Kreativität oder den Einsatz für andere. Diese Position benötigt keine religiöse Voraussetzung und betont stärker die Freiheit des Menschen bei der Gestaltung seines Lebens.
Beide Vorstellungen müssen sich nicht vollständig ausschließen. Ein religiöser Mensch kann davon ausgehen, dass sein Leben grundsätzlich von Gott getragen wird, und gleichzeitig konkrete persönliche Lebensziele entwickeln. Ebenso können Menschen ohne religiösen Glauben einen stabilen Lebenssinn erfahren.
Für eine begründete Position ist deshalb entscheidend, welche Bedeutung dem Begriff Sinn gegeben wird. Sinn kann sowohl als grundlegende Bestimmung des Lebens als auch als etwas verstanden werden, das Menschen durch Beziehungen, Entscheidungen und Handlungen gestalten.
Aufgabe 9, Anforderungsbereich III, Operator: Prüfen
Prüfe die Aussage: „Hoerster beweist in seinem Text, dass das Leben ohne Gott einen Sinn hat.“
Musterlösung:
Diese Aussage gibt Hoersters Argumentation nicht korrekt wieder. Hoerster beweist nicht, dass ein Leben ohne Gott tatsächlich einen Sinn besitzt. Seine Argumentation ist zurückhaltender.
Er zeigt, dass aus der möglichen Verbindung zwischen Gott und Lebenssinn nicht folgt, dass ohne Gott kein Sinn möglich wäre. Es könnten andere Umstände existieren, die einem menschlichen Leben Sinn verleihen. Damit hält Hoerster die Möglichkeit eines Lebenssinns ohne Gott offen.
Seine Kritik richtet sich deshalb vor allem gegen einen bestimmten Schluss von der Sinnfrage auf die Existenz Gottes. Er zeigt weder, dass Gott nicht existiert, noch beweist er einen bestimmten nicht religiösen Lebenssinn. Vielmehr fordert er dazu auf, zunächst die Wirklichkeit und die Bedingungen menschlichen Lebens zu untersuchen und anschließend zu fragen, welche Formen von Sinn unter diesen Bedingungen begründet werden können.