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Fachverband Ethik Baden Württemberg

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Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christentums (1841)

Veröffentlichung:1.1.2014

Der vorliegende Textauszug aus Ludwig Feuerbachs „Das Wesen des Christentums“ von 1841 entfaltet eine grundlegende anthropologische Kritik der Religion. Feuerbach geht davon aus, dass der religiöse Mensch Eigenschaften seines eigenen menschlichen Wesens auf Gott überträgt und diese anschließend als Eigenschaften eines selbstständigen göttlichen Wesens betrachtet. Vorstellungen von Gottes Liebe, Weisheit und Güte entstehen nach Feuerbach deshalb, weil der Mensch selbst Liebe, Weisheit und Güte kennt und diese als besonders wertvolle Eigenschaften ansieht. Gott ist für Feuerbach somit das nach außen verlegte und zum Gegenstand gemachte Wesen des Menschen. Seine zentrale These lautet entsprechend, dass das Bewusstsein Gottes letztlich Selbstbewusstsein und die Erkenntnis Gottes Selbsterkenntnis des Menschen sei. Der religiöse Mensch erkennt diesen Zusammenhang allerdings zunächst nicht. Deshalb bezeichnet Feuerbach Religion als eine erste und indirekte Form menschlicher Selbsterkenntnis. Die Geschichte der Religion deutet er als einen Prozess zunehmender Selbsterkenntnis, in dem Menschen erkennen, dass Eigenschaften, die sie zuvor einem göttlichen Wesen zugeschrieben haben, in Wahrheit menschliche Eigenschaften sind. Feuerbach erklärt Religion damit anthropologisch. Nicht Gott erschafft den Menschen nach seinem Bild, sondern der Mensch entwirft seine Vorstellung Gottes nach dem Bild seines eigenen Wesens. Zugleich richtet sich Feuerbachs Kritik nicht gegen Werte wie Liebe, Weisheit und Gerechtigkeit. Gerade diese Eigenschaften betrachtet er als wertvoll. Seine Kritik betrifft ihre Verselbstständigung zu Eigenschaften eines vom Menschen getrennten göttlichen Wesens.

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Der Text eignet sich besonders für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 in den Themenbereichen Religionskritik, Gottesfrage, Gottesvorstellungen, Menschenbilder, Atheismus, Glaube und Vernunft sowie Religion und Anthropologie. Feuerbachs Ansatz ist für Lernende von besonderer Bedeutung, weil er nicht lediglich behauptet, dass Gott nicht existiere, sondern eine Erklärung dafür entwickelt, warum Menschen überhaupt an Gott glauben und bestimmte Vorstellungen von Gott entwickeln.

Als problemorientierter Einstieg eignet sich die Frage: „Warum stellen Menschen sich Gott so vor, wie sie ihn sich vorstellen?“ Die Lernenden können zunächst Eigenschaften sammeln, die in unterschiedlichen religiösen Traditionen mit Gott verbunden werden, beispielsweise Liebe, Güte, Gerechtigkeit, Weisheit, Macht oder Barmherzigkeit. Anschließend wird gefragt, woher Menschen diese Begriffe kennen. Dadurch kann die Grundidee Feuerbachs vorbereitet werden, dass Menschen bei der Beschreibung Gottes auf Eigenschaften zurückgreifen, die ihnen aus ihrer eigenen menschlichen Existenz bekannt sind.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, verschiedene Gottesvorstellungen zu präsentieren. Die Lernenden untersuchen, welche menschlichen Wünsche, Hoffnungen, Werte oder Erfahrungen darin sichtbar werden könnten. Dabei sollte zunächst offengehalten werden, ob diese Beobachtung tatsächlich beweist, dass Gott lediglich eine menschliche Projektion ist. Diese Unterscheidung ist für die spätere kritische Beurteilung Feuerbachs wesentlich.

Aufgrund der sprachlichen und philosophischen Komplexität sollte der Text abschnittsweise erschlossen werden. Die Lernenden können zentrale Aussagen markieren und mit eigenen Überschriften versehen. Besonders wichtige Begriffe sind Selbstbewusstsein, Selbsterkenntnis, menschliches Wesen, göttliches Wesen, Subjekt, Prädikat, Religion und Projektion. Der Begriff Projektion wird im vorliegenden Ausschnitt nicht als zentraler Fachbegriff verwendet, eignet sich jedoch zur zusammenfassenden Beschreibung von Feuerbachs Theorie.

Im ersten Schritt sollte Feuerbachs Unterscheidung zwischen sinnlichen und religiösen Gegenständen geklärt werden. Ein sinnlicher Gegenstand existiert nach seiner Argumentation unabhängig vom Menschen. Der religiöse Gegenstand besitzt dagegen eine besondere Beziehung zum menschlichen Inneren. Die Lernenden können diese Unterscheidung in einer Tabelle festhalten und anschließend erklären, warum sie für Feuerbachs weitere Argumentation notwendig ist.

Besondere Aufmerksamkeit verdient Feuerbachs Aussage, das Bewusstsein Gottes sei das Selbstbewusstsein des Menschen. Diese Formulierung sollte nicht lediglich auswendig gelernt, sondern an konkreten Beispielen erschlossen werden. Wenn ein Mensch Gott beispielsweise als vollkommen liebend beschreibt, würde Feuerbach fragen, woher der Mensch überhaupt weiß, was Liebe ist und warum er Liebe als wertvolle Eigenschaft betrachtet. Seine Antwort lautet, dass der Mensch diese Eigenschaft aus seinem eigenen menschlichen Wesen kennt und sie anschließend in vollkommener Form auf Gott überträgt.

Methodisch eignet sich hierzu eine Zuordnungsaufgabe. Auf einer Seite werden mögliche Eigenschaften Gottes genannt, auf der anderen entsprechende menschliche Erfahrungen und Ideale. Die Lernenden stellen Verbindungen her und formulieren anschließend aus Feuerbachs Perspektive, wie eine bestimmte Gottesvorstellung entstanden sein könnte. Auf diese Weise wird die abstrakte Projektionstheorie konkret nachvollziehbar.

Im nächsten Schritt sollte der Gedanke der indirekten Selbsterkenntnis untersucht werden. Feuerbach behauptet nicht, dass religiöse Menschen bewusst ihre eigenen Eigenschaften auf Gott übertragen. Gerade weil ihnen dieser Vorgang nicht bewusst ist, verstehen sie Gott als ein von ihnen unabhängiges Wesen. Religion ist deshalb für Feuerbach indirekte Selbsterkenntnis. Der Mensch begegnet seinem eigenen Wesen zunächst in der Gestalt eines anderen, göttlichen Wesens.

Diese Überlegung kann durch ein einfaches Schema gesichert werden: Der Mensch besitzt bestimmte Fähigkeiten, Bedürfnisse und Ideale. Er löst diese gedanklich von sich selbst. Er stellt sie sich in vollkommener Form vor. Er schreibt diese Vollkommenheiten Gott zu. Anschließend verehrt er Gott als ein vom Menschen verschiedenes Wesen. Erst die Religionskritik macht nach Feuerbach sichtbar, dass die Gott zugeschriebenen Eigenschaften ursprünglich aus dem Menschen selbst stammen.

Ein weiterer Schwerpunkt sollte auf Feuerbachs Verständnis der Religionsgeschichte liegen. Für ihn besteht religiöser Fortschritt darin, dass Menschen frühere Gottesvorstellungen als menschliche Vorstellungen erkennen. Interessant ist dabei seine Kritik, dass Religionen diesen Mechanismus häufig nur bei anderen Religionen wahrnehmen. Eine Religion kann ältere oder fremde Religionen als menschliche Erfindungen betrachten, während sie die eigene Gottesvorstellung weiterhin für übermenschlich hält. Die Lernenden können untersuchen, welche Konsequenzen sich aus dieser Argumentation ergeben.

Didaktisch wichtig ist die Unterscheidung zwischen der Erklärung der Entstehung einer Vorstellung und der Entscheidung über deren Wahrheit. Feuerbach erklärt, wie Gottesvorstellungen aus menschlichen Eigenschaften und Bedürfnissen entstehen könnten. Im Unterricht sollte anschließend kritisch gefragt werden, ob aus einer solchen Erklärung zwingend folgt, dass Gott nicht existiert. Lernende können beispielsweise überlegen, ob die menschliche Fähigkeit, sich Gott nur mit menschlichen Begriffen vorzustellen, bereits beweist, dass es keine von diesen Vorstellungen unabhängige göttliche Wirklichkeit geben kann.

Hier bietet sich eine strukturierte Gegenüberstellung von Feuerbachs Argument und möglichen Einwänden an. Ein möglicher Einwand lautet, dass Menschen Gott tatsächlich nur mit menschlichen Begriffen beschreiben können, daraus aber nicht zwingend folgt, dass Gott ausschließlich ein menschliches Produkt ist. Eine theologische Position könnte beispielsweise behaupten, dass menschliche Begriffe zwar begrenzt sind, sich aber dennoch auf eine Wirklichkeit beziehen können, die den Menschen übersteigt.

Für eine vertiefende Auseinandersetzung eignet sich Feuerbachs Umkehrung einer bekannten biblischen Vorstellung. Während die biblische Schöpfungserzählung davon spricht, dass der Mensch als Bild Gottes geschaffen wird, lässt sich Feuerbachs Theorie zugespitzt so formulieren, dass der Mensch Gott nach seinem eigenen Bild schafft. Die Lernenden können beide Denkbewegungen miteinander vergleichen und untersuchen, welche unterschiedlichen Voraussetzungen ihnen zugrunde liegen.

Von besonderem Interesse ist außerdem Feuerbachs Verständnis des Atheismus. Am Ende des Textes erklärt er, ein wahrer Atheist sei nicht einfach derjenige, der das göttliche Subjekt ablehnt. Entscheidend sei vielmehr, ob auch die Gott zugeschriebenen Eigenschaften wie Liebe, Weisheit und Gerechtigkeit bedeutungslos werden. Damit eröffnet sich eine ethische Dimension seiner Religionskritik. Feuerbach möchte menschliche Ideale nicht abschaffen, sondern sie dem Menschen zurückgeben.

Diese Aussage bietet einen geeigneten Ausgangspunkt für eine Diskussion über die Frage, ob religiöse Werte auch ohne Glauben an Gott ihre Bedeutung behalten können. Die Lernenden können untersuchen, ob Liebe, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Menschenwürde religiöse Begründungen benötigen oder auch unabhängig davon begründet werden können.

Methodisch eignet sich darüber hinaus ein Streitgespräch zwischen Feuerbach und einer theologischen Gegenposition. Eine Gruppe vertritt Feuerbachs Projektionstheorie. Eine zweite Gruppe entwickelt eine mögliche christliche Antwort. Eine dritte Gruppe beobachtet die Argumentation und prüft, ob tatsächlich auf die Argumente der Gegenseite eingegangen wird. Dadurch lernen die Lernenden, zwischen der sachgerechten Darstellung einer fremden Position und der eigenen Bewertung zu unterscheiden.

Ein Vergleich mit anderen religionskritischen Positionen kann die Unterrichtseinheit vertiefen. Feuerbach kann beispielsweise mit Karl Marx verglichen werden. Während Feuerbach besonders danach fragt, welche menschlichen Eigenschaften in Gottesvorstellungen sichtbar werden, untersucht Marx stärker die gesellschaftlichen Bedingungen und Funktionen von Religion. Auch ein Vergleich mit Sigmund Freud ist möglich, da beide Ansätze Religion aus dem Menschen heraus erklären, dabei jedoch unterschiedliche psychologische beziehungsweise anthropologische Voraussetzungen setzen.

Für die Ergebnissicherung eignet sich ein Schaubild mit der Abfolge Mensch / menschliche Eigenschaften und Ideale / Übertragung auf Gott / Vorstellung eines vollkommenen göttlichen Wesens / Verehrung dieses Wesens / religionskritische Rückführung auf den Menschen. Die Lernenden können anschließend die Theorie in einem eigenen Merksatz formulieren.

Als Abschluss bietet sich die Frage an: „Ist Gott eine Vorstellung des Menschen oder verweist die menschliche Gottesvorstellung auf eine Wirklichkeit außerhalb des Menschen?“ Die Lernenden sollten dabei Feuerbachs Position korrekt darstellen, mögliche Gegenargumente berücksichtigen und anschließend ein begründetes eigenes Sachurteil formulieren. Persönliche religiöse oder nicht religiöse Überzeugungen dürfen dabei nicht bewertet werden. Bewertet werden die Qualität der Argumentation, die sachgerechte Verwendung des Textes und die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen.


4. Prüfungsfragen für eine Klausur der Klasse 10 mit Musterantworten


Aufgabe 1: Beschreiben Sie Feuerbachs Verständnis des Verhältnisses zwischen dem Menschen und seiner Vorstellung von Gott.

Operator: Beschreiben

Musterantwort:

Feuerbach geht davon aus, dass zwischen der Vorstellung Gottes und dem Wesen des Menschen ein enger Zusammenhang besteht. Eigenschaften, die Menschen Gott zuschreiben, stammen seiner Auffassung nach aus dem Menschen selbst. Wenn Gott beispielsweise als liebend, weise oder gerecht beschrieben wird, handelt es sich um Eigenschaften und Ideale, die Menschen aus ihrem eigenen Leben kennen.

Der Mensch stellt diese Eigenschaften jedoch nicht einfach als seine eigenen Eigenschaften dar. Er löst sie von sich und schreibt sie einem von ihm unterschiedenen göttlichen Wesen zu. Gott erscheint dadurch als selbstständiges und vollkommenes Wesen.

Deshalb bezeichnet Feuerbach das Bewusstsein Gottes als Selbstbewusstsein des Menschen. In seinen Vorstellungen von Gott begegnet der Mensch letztlich seinem eigenen Wesen, ohne diesen Zusammenhang zunächst zu erkennen.


Aufgabe 2: Arbeiten Sie aus dem Text heraus, wie Feuerbach die Entstehung von Gottesvorstellungen erklärt.

Operator: Herausarbeiten

Musterantwort:

Feuerbach erklärt Gottesvorstellungen aus dem menschlichen Wesen. Der Mensch kennt Eigenschaften wie Liebe, Güte, Weisheit und Gerechtigkeit aus seinem eigenen Leben. Weil er diese Eigenschaften als besonders wertvoll betrachtet, stellt er sie sich in vollkommener Form vor.

Anschließend überträgt der Mensch diese idealisierten Eigenschaften auf Gott. Aus menschlicher Liebe wird vollkommene göttliche Liebe, aus menschlicher Weisheit vollkommene göttliche Weisheit und aus menschlicher Güte vollkommene göttliche Güte.

Der Mensch erkennt nach Feuerbach zunächst nicht, dass diese Vorstellungen ihren Ursprung in ihm selbst haben. Er betrachtet sie vielmehr als Eigenschaften eines eigenständigen göttlichen Wesens.

Gottesvorstellungen entstehen nach Feuerbach somit dadurch, dass der Mensch sein eigenes Wesen nach außen verlegt und diesem als Gott gegenübertritt.


Aufgabe 3: Erläutern Sie Feuerbachs Aussage: „Das Bewußtsein Gottes ist das Selbstbewußtsein des Menschen.“

Operator: Erläutern

Musterantwort:

Feuerbach meint mit dieser Aussage, dass Menschen in ihren Vorstellungen von Gott letztlich etwas über sich selbst aussagen. Ein Mensch kann Gott nur Eigenschaften zuschreiben, die für ihn selbst vorstellbar und bedeutsam sind.

Wenn ein Mensch beispielsweise Gott als vollkommen gerecht beschreibt, zeigt dies nach Feuerbach zunächst, dass Gerechtigkeit für den Menschen selbst einen besonders hohen Wert besitzt. Die Gottesvorstellung macht damit ein menschliches Ideal sichtbar.

Der religiöse Mensch ist sich dieses Zusammenhangs nach Feuerbach allerdings nicht bewusst. Er glaubt, eine Eigenschaft eines von ihm unabhängigen Gottes zu erkennen. Tatsächlich begegnet er nach Feuerbach seinem eigenen Wesen in einer nach außen verlagerten Form.

Das Bewusstsein Gottes ist deshalb für Feuerbach eine indirekte Form menschlichen Selbstbewusstseins.


Aufgabe 4: Analysieren Sie Feuerbachs Projektionstheorie anhand des vorliegenden Textes.

Operator: Analysieren

Musterantwort:

Feuerbachs Argumentation beginnt mit einer Unterscheidung zwischen sinnlichen und religiösen Gegenständen. Sinnliche Gegenstände existieren unabhängig von den Vorstellungen eines Menschen. Der religiöse Gegenstand besitzt dagegen einen besonderen Bezug zum menschlichen Inneren.

Darauf aufbauend entwickelt Feuerbach seine zentrale These. Der Mensch schreibt Gott Eigenschaften zu, die aus seinem eigenen Wesen stammen. Liebe, Weisheit und Güte sind zunächst menschlich erfahrbare Eigenschaften. Der Mensch denkt diese Eigenschaften in vollkommener Form und schreibt sie anschließend Gott zu.

Dadurch entsteht eine Umkehrung. Was ursprünglich zum Menschen gehört, erscheint nun als Eigenschaft eines vom Menschen getrennten göttlichen Wesens. Der Mensch begegnet somit seinem eigenen idealisierten Wesen als Gott.

Der religiöse Mensch erkennt diesen Vorgang nach Feuerbach zunächst nicht. Deshalb bezeichnet Feuerbach Religion als indirekte Selbsterkenntnis. Erst durch die Religionskritik soll sichtbar werden, dass der vermeintlich göttliche Inhalt seinen Ursprung im Menschen besitzt.

Die Projektionstheorie erklärt Religion damit anthropologisch. Ausgangspunkt der Erklärung ist nicht eine Offenbarung Gottes, sondern das menschliche Wesen selbst.


Aufgabe 5: Erklären Sie, warum Feuerbach Religion als „indirekte Selbsterkenntnis des Menschen“ bezeichnet.

Operator: Erklären

Musterantwort:

Religion ist für Feuerbach Selbsterkenntnis, weil die Eigenschaften, die Menschen Gott zuschreiben, aus ihrem eigenen Wesen stammen. In der Vorstellung Gottes bringt der Mensch seine eigenen Werte, Ideale und Fähigkeiten zum Ausdruck.

Diese Selbsterkenntnis ist jedoch indirekt, weil der religiöse Mensch den menschlichen Ursprung seiner Gottesvorstellungen nicht erkennt. Er betrachtet Liebe, Weisheit und Güte nicht als idealisierte menschliche Eigenschaften, sondern als Eigenschaften eines selbstständig existierenden Gottes.

Der Mensch erkennt sein eigenes Wesen somit zunächst in einer fremden Gestalt. Was eigentlich zu ihm selbst gehört, begegnet ihm als göttliches Wesen.

Erst die Religionskritik führt nach Feuerbach zu einer direkten Selbsterkenntnis. Der Mensch erkennt dann die vermeintlich göttlichen Eigenschaften als Ausdruck seines eigenen menschlichen Wesens.


Aufgabe 6: Vergleichen Sie Feuerbachs Verständnis von Gott mit der biblischen Vorstellung vom Menschen als Bild Gottes.

Operator: Vergleichen

Musterantwort:

Die beiden Vorstellungen weisen eine entgegengesetzte Richtung auf. In der biblischen Vorstellung von der Gottebenbildlichkeit geht die Beziehung von Gott zum Menschen aus. Der Mensch wird als Bild Gottes verstanden. Gott besitzt dabei eine vom Menschen unabhängige Wirklichkeit.

Feuerbach kehrt diese Richtung um. Nach seiner Theorie erschafft nicht Gott den Menschen nach seinem Bild, sondern der Mensch entwickelt seine Vorstellung Gottes aus seinem eigenen Wesen. Eigenschaften, die Menschen selbst kennen und besonders hoch bewerten, werden auf Gott übertragen.

Eine Gemeinsamkeit besteht darin, dass in beiden Vorstellungen eine Beziehung zwischen menschlichen und göttlichen Eigenschaften angenommen wird. Die Erklärung dieser Beziehung unterscheidet sich jedoch grundlegend.

Die biblische Perspektive versteht bestimmte menschliche Eigenschaften vor dem Hintergrund der Beziehung des Menschen zu Gott. Feuerbach erklärt umgekehrt die Eigenschaften Gottes aus den Eigenschaften und Idealen des Menschen.


Aufgabe 7: Vergleichen Sie Feuerbachs Religionskritik mit der Religionskritik Jean Mesliers.

Operator: Vergleichen

Musterantwort:

Feuerbach und Meslier stimmen darin überein, dass sie religiöse Vorstellungen aus menschlichen Ursachen erklären und den Anspruch zurückweisen, Religion müsse unmittelbar auf eine göttliche Wirklichkeit zurückgeführt werden.

Ihre Erklärungen unterscheiden sich jedoch deutlich. Meslier betrachtet Religion vor allem als menschliche Erfindung und verbindet seine Religionskritik mit einer Kritik politischer und gesellschaftlicher Herrschaft. Religiöse Vorstellungen können seiner Auffassung nach dazu verwendet werden, Menschen zu kontrollieren.

Feuerbach untersucht dagegen stärker die anthropologischen Voraussetzungen der Religion. Er fragt danach, warum Menschen bestimmte Vorstellungen von Gott entwickeln. Seine Antwort lautet, dass der Mensch sein eigenes Wesen und seine Ideale auf Gott überträgt.

Meslier betont somit stärker Täuschung und Herrschaft, während Feuerbach die Entstehung von Religion aus dem menschlichen Selbstverständnis erklärt. Beide Ansätze kritisieren Religion, setzen dabei jedoch unterschiedliche Schwerpunkte.


Aufgabe 8: Beurteilen Sie, ob Feuerbachs Projektionstheorie einen überzeugenden Beweis gegen die Existenz Gottes darstellt.

Operator: Beurteilen

Musterantwort:

Für Feuerbachs Theorie spricht, dass Gottesvorstellungen tatsächlich menschliche Eigenschaften und Wertvorstellungen widerspiegeln können. Menschen verwenden Begriffe wie Liebe, Weisheit oder Gerechtigkeit, die aus ihrer eigenen Erfahrungswelt stammen. Feuerbach macht damit auf die menschlichen Voraussetzungen religiöser Sprache aufmerksam.

Seine Theorie kann außerdem erklären, warum Gottesvorstellungen in unterschiedlichen Zeiten und Kulturen verschiedene Merkmale besitzen. Vorstellungen von Gott können von menschlichen Erfahrungen und gesellschaftlichen Bedingungen geprägt sein.

Kritisch ist jedoch zu fragen, ob aus der menschlichen Entstehung einer Gottesvorstellung unmittelbar auf die Nichtexistenz Gottes geschlossen werden kann. Selbst wenn Menschen ihre Vorstellungen von Gott mit menschlichen Begriffen entwickeln, wäre damit noch nicht zwingend bewiesen, dass keine von diesen Vorstellungen unabhängige göttliche Wirklichkeit existiert.

Eine theologische Gegenposition könnte deshalb zugestehen, dass Gottesvorstellungen menschlich geprägt sind, zugleich aber behaupten, dass sie sich dennoch auf eine Wirklichkeit beziehen können, die über den Menschen hinausgeht.

Feuerbachs Theorie stellt somit eine bedeutende Erklärung für die Entstehung und Gestaltung von Gottesvorstellungen dar. Ob daraus auch die Nichtexistenz Gottes folgt, ist eine zusätzliche philosophische Frage, die durch die Projektionstheorie allein nicht abschließend entschieden wird.


Aufgabe 9: Erörtern Sie ausgehend von Feuerbachs Text die Frage, ob Religion hauptsächlich etwas über Gott oder hauptsächlich etwas über den Menschen aussagt.

Operator: Erörtern

Musterantwort:

Für Feuerbach sagt Religion hauptsächlich etwas über den Menschen aus. Gottesvorstellungen spiegeln nach seiner Auffassung menschliche Wünsche, Werte und Ideale wider. Wenn Menschen Gott als liebend, gerecht und weise beschreiben, zeigen sie damit, welche Eigenschaften sie selbst besonders hoch einschätzen. Religion wird dadurch zu einer Quelle der Erkenntnis über den Menschen.

Für diese Auffassung spricht, dass Gottesvorstellungen tatsächlich durch Sprache, Kultur und menschliche Erfahrungen geprägt sind. Religiöse Aussagen können deshalb auch Informationen darüber vermitteln, was Menschen für wertvoll halten, was sie hoffen und wovor sie sich fürchten.

Eine religiöse Gegenposition würde jedoch einwenden, dass Religion nicht ausschließlich aus dem Menschen erklärt werden kann. Aus christlicher Perspektive beziehen sich religiöse Aussagen auf eine Wirklichkeit Gottes, die nicht vom Menschen erzeugt wird. Dass Menschen nur mit menschlicher Sprache über Gott sprechen können, muss nicht bedeuten, dass der Gegenstand dieser Sprache ebenfalls nur menschlich ist.

Damit ergeben sich zwei unterschiedliche Deutungen. Feuerbach interpretiert religiöse Aussagen anthropologisch als Aussagen über das menschliche Wesen. Eine theologische Perspektive versteht sie dagegen als menschliche Aussagen über eine Wirklichkeit, die den Menschen übersteigt.

Die Auseinandersetzung mit Feuerbach macht deshalb besonders deutlich, dass zwischen der Entstehung menschlicher Gottesvorstellungen und der Frage nach der tatsächlichen Existenz Gottes unterschieden werden muss.


Aufgabe 10: Erörtern Sie Feuerbachs Auffassung, dass Werte wie Liebe, Weisheit und Gerechtigkeit auch ohne den Glauben an Gott ihre Bedeutung behalten können.

Operator: Erörtern

Musterantwort:

Feuerbach betrachtet Liebe, Weisheit und Gerechtigkeit als menschliche Werte. Nach seiner Theorie besitzen sie nicht deshalb Bedeutung, weil sie Eigenschaften Gottes sind. Vielmehr schreibt der Mensch sie Gott zu, weil er sie bereits als wertvoll erkennt.

Für diese Auffassung spricht, dass auch Menschen ohne religiösen Glauben Liebe, Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit als wichtige Werte ansehen können. Moralische Werte könnten beispielsweise durch menschliche Vernunft, Mitgefühl, Verantwortung und die Anforderungen eines gelingenden Zusammenlebens begründet werden.

Aus religiöser Perspektive kann dagegen argumentiert werden, dass solche Werte eine zusätzliche Begründung durch die Beziehung zu Gott erhalten können. Im Christentum wird Liebe beispielsweise nicht nur als menschliches Ideal, sondern auch als Ausdruck des Verhältnisses zwischen Gott und Mensch verstanden.

Die entscheidende Frage besteht daher nicht nur darin, ob religiöse und nicht religiöse Menschen dieselben Werte vertreten können, sondern wie sie diese Werte begründen. Feuerbach verlagert die Begründung konsequent auf den Menschen. Eine christliche Perspektive kann dagegen menschliche Werte in Beziehung zu Gott setzen.

Feuerbachs Religionskritik eröffnet damit die grundlegende Frage, ob moralische und menschliche Ideale für ihre Gültigkeit eine religiöse Grundlage benötigen oder unabhängig von Religion begründet werden können.

Hessen

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Sekundarstufe II | Q2 Gott – verborgen und offenbar

Q2.3 Religionskritik – Bestreitung der Vernünftigkeit des Gottesglaubens.

Sekundarstufe II | Q3 Ethik – die Frage nach Gut und Böse

Q3.1 Moralisch argumentieren – Modelle der Ethik.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz

Sekundarstufe II | 11/1 Was ist der Mensch?

11.1 / 5. Der Mensch und seine Religiosität.

Sekundarstufe II | 11/2 Der Mensch auf der Suche nach Gott

11.2 / 2. Gottesbestreitungen und Religionskritik.

Sekundarstufe II | 12/2 Gutes Handeln unter dem Anspruch des Christseins

12.2 / 1. Grundzüge christlicher Moral im Kontext philosophischer Ethik.

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