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Fachverband Ethik Baden Württemberg

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Sinne, Vernunft und Wahrheit

Veröffentlichung:1.1.2013

Das Medium ist ein philosophischer Textauszug aus Thomas Nagels Werk „Geist und Kosmos. Warum die materialistische, neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist“ aus dem Jahr 2013. Nagel beschäftigt sich darin mit der Frage, auf welcher Grundlage Menschen ihren Sinnen und ihrer Vernunft vertrauen können. Zunächst stellt er eine Gemeinsamkeit heraus: Sowohl beim Sehen eines Gegenstandes als auch beim logischen Denken verlassen wir uns unmittelbar auf unsere Erkenntnisfähigkeit. Zwischen beiden Formen der Erkenntnis besteht für Nagel jedoch ein entscheidender Unterschied. Die Zuverlässigkeit unserer Sinne kann zumindest teilweise dadurch erklärt werden, dass sich im Verlauf der Evolution Wahrnehmungsfähigkeiten entwickelt haben, die eine hinreichend genaue Orientierung in der Umwelt ermöglichen. Bei grundlegenden logischen Schlussfolgerungen ist eine solche Begründung nach Nagel nicht möglich. Wer die Gültigkeit der Vernunft mit einer evolutionären Erklärung begründen möchte, muss bereits vernünftig argumentieren und logische Regeln voraussetzen. Damit entsteht ein Zirkelschluss. Nagel vertritt deshalb die Auffassung, dass grundlegende Vernunfterkenntnisse einen unmittelbaren Wahrheitsanspruch besitzen, der nicht wiederum vollständig durch eine evolutionäre Erklärung begründet werden kann. Das Medium behandelt damit zentrale erkenntnistheoretische Fragen nach Wahrnehmung, Vernunft, Wahrheit und den Möglichkeiten und Grenzen einer naturwissenschaftlichen Erklärung menschlicher Erkenntnis.

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Der Text eignet sich für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 besonders zur Auseinandersetzung mit den Themen Wahrheit, Erkenntnis, Vernunft, Wahrnehmung, Naturwissenschaft und Menschenbild. Er eröffnet die grundlegende Frage, woher Menschen wissen können, dass ihre Erkenntnisse zutreffen. Diese Frage besitzt für den Religionsunterricht eine besondere Bedeutung, weil religiöse, philosophische und naturwissenschaftliche Aussagen unterschiedliche Zugänge zur Wirklichkeit darstellen können. Die Lernenden können anhand des Textes untersuchen, welche Rolle Sinneserfahrung und Vernunft bei der Gewinnung von Erkenntnissen spielen und welche Voraussetzungen bereits gegeben sein müssen, damit Menschen überhaupt Aussagen über Wahrheit formulieren können.

Als Einstieg eignet sich eine Gegenüberstellung einfacher Aussagen. Die Lernenden können beispielsweise die Aussagen „Vor dem Fenster steht ein Baum“ und „Wenn alle Menschen sterblich sind und Sokrates ein Mensch ist, dann ist Sokrates sterblich“ betrachten. Anschließend wird gefragt, woher sie wissen, ob die jeweilige Aussage richtig ist. Bei der ersten Aussage werden die Lernenden wahrscheinlich auf ihre Wahrnehmung verweisen. Bei der zweiten Aussage müssen sie dagegen einen logischen Zusammenhang erkennen. Auf diese Weise kann bereits vor der Textlektüre zwischen Sinneserkenntnis und Vernunfterkenntnis unterschieden werden.

Die Texterschließung sollte aufgrund der anspruchsvollen Argumentation schrittweise erfolgen. In einem ersten Arbeitsschritt markieren die Lernenden Aussagen über die Sinne und Aussagen über die Vernunft mit unterschiedlichen Symbolen oder Randnotizen. Anschließend können Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet werden. Als zentrale Gemeinsamkeit sollte erkannt werden, dass Menschen zunächst sowohl ihren Sinnen als auch ihrer Vernunft unmittelbar vertrauen. Als zentraler Unterschied ist herauszuarbeiten, dass die Verlässlichkeit der Sinne nach Nagel grundsätzlich mit einer evolutionären Erklärung verbunden werden kann, während eine entsprechende Begründung der Vernunft auf ein grundlegendes Problem stößt.

Das Verständnis dieses Problems sollte einen Schwerpunkt der Unterrichtsarbeit bilden. Der von Nagel kritisierte Zirkelschluss kann zunächst unabhängig vom Text an einem einfachen Beispiel verdeutlicht werden. Wenn jemand behauptet, seine Vernunft sei zuverlässig, weil er dies durch vernünftiges Nachdenken bewiesen habe, verwendet er bereits genau die Fähigkeit, deren Zuverlässigkeit erst bewiesen werden soll. Die Lernenden können anschließend untersuchen, wie dieses Problem in Nagels Kritik einer rein evolutionären Erklärung der Vernunft wiederkehrt. Eine evolutionäre Theorie muss selbst mit logischen Argumenten formuliert und begründet werden. Sie kann daher nach Nagel die grundsätzliche Gültigkeit logischen Denkens nicht begründen, ohne diese bereits vorauszusetzen.

Für die Sicherung bietet sich eine vergleichende Tabelle mit den Kategorien Sinne und Vernunft an. Die Lernenden können für beide Erkenntniswege die jeweilige Grundlage, die Möglichkeit des Irrtums, die Form der Begründung und Nagels Einschätzung festhalten. Dabei sollte deutlich werden, dass Nagel die Sinneswahrnehmung nicht als unfehlbar betrachtet. Menschen können sich bei Wahrnehmungen täuschen. Dennoch können sie ihren Sinnen nach seiner Argumentation im Allgemeinen vertrauen. Bei elementaren logischen Erkenntnissen sieht Nagel dagegen einen unmittelbareren Anspruch auf Wahrheit.

Zur Vertiefung können Wahrnehmungstäuschungen eingesetzt werden. Optische Täuschungen zeigen, dass unsere Sinne zu falschen Einschätzungen führen können. Die Lernenden können anschließend überlegen, wie eine solche Täuschung erkannt wird. Dabei wird deutlich, dass die Korrektur einer Wahrnehmung wiederum Wahrnehmung, Erfahrung und vernünftige Überprüfung voraussetzen kann. Dies eröffnet die weiterführende Frage, wie verschiedene Erkenntnisfähigkeiten zusammenwirken.

Eine weitere methodische Möglichkeit besteht in einem Gedankenexperiment. Die Lernenden stellen sich vor, ein Mensch behaupte, die Evolution habe das menschliche Gehirn ausschließlich darauf ausgerichtet, das Überleben zu sichern und nicht darauf, Wahrheit zu erkennen. Anschließend untersuchen sie, welche Konsequenzen diese Annahme für das Vertrauen in menschliche Erkenntnisse hätte. Dabei sollte zwischen Nagels eigener Argumentation und möglichen Einwänden gegen seine Position unterschieden werden. Die Lernenden sollen nicht lediglich seine Auffassung übernehmen, sondern seine Argumente nachvollziehen, prüfen und beurteilen.

Für den Religionsunterricht ergeben sich weiterführende Bezüge zur Frage nach dem Menschen. Es kann untersucht werden, ob der Mensch vollständig als Ergebnis natürlicher und evolutionärer Prozesse beschrieben werden kann oder ob bestimmte Fähigkeiten wie Vernunft, Selbstbewusstsein, moralisches Urteilen und die Suche nach Wahrheit weitere philosophische Fragestellungen eröffnen. Dabei sollte nicht vorschnell ein Gegensatz zwischen Evolutionstheorie und Religion konstruiert werden. Nagels Argument richtet sich an dieser Stelle vor allem gegen den Anspruch, die Gültigkeit der Vernunft selbst vollständig durch eine evolutionäre Erklärung begründen zu können. Diese Unterscheidung ermöglicht eine differenzierte Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Erklärungsansätzen.

Ein religiöser Transfer kann über die Frage erfolgen, auf welchen Erkenntniswegen religiöse Überzeugungen entstehen und begründet werden. Die Lernenden können Sinneserfahrung, Vernunft, persönliche Erfahrung, Tradition, Offenbarung und Glauben als unterschiedliche mögliche Erkenntnisquellen untersuchen. Anschließend lässt sich diskutieren, welche Wahrheitsansprüche mit diesen Zugängen verbunden sind und wie sie begründet werden können. Dadurch wird Nagels erkenntnistheoretische Fragestellung für zentrale Themen des Religionsunterrichts geöffnet, ohne seine philosophische Argumentation unmittelbar für bestimmte religiöse Positionen zu vereinnahmen.

Methodisch eignet sich eine Kombination aus Einzelarbeit zur Texterschließung, Partnerarbeit zur Rekonstruktion der Argumentation, Gruppenarbeit zur Untersuchung von Beispielen und einem abschließenden philosophischen Gespräch. Für leistungsstärkere Lernenden kann die Aufgabe gestellt werden, einen möglichen Einwand gegen Nagels Argument zu entwickeln und anschließend eine mögliche Antwort Nagels zu formulieren. Damit werden neben Textverständnis und Sachkompetenz insbesondere Argumentationsfähigkeit, Perspektivwechsel und begründete Urteilsbildung gefördert.


Prüfungsfragen für eine Klausur in der Jahrgangsstufe 10 mit Lösungen


Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator „Beschreiben“

Beschreiben Sie, welche Gemeinsamkeit Nagel zwischen dem Vertrauen auf die eigenen Sinne und dem Vertrauen auf die eigene Vernunft feststellt.

Mögliche Antwort: Nach Nagel vertrauen Menschen sowohl ihren Sinnen als auch ihrer Vernunft zunächst unmittelbar. Wenn ein Mensch einen Baum sieht, geht er normalerweise davon aus, dass der Baum tatsächlich vorhanden ist. Er führt nicht zuerst eine komplizierte Begründung dafür durch, weshalb seine Wahrnehmung zuverlässig sein könnte. Ähnlich verhält es sich beim logischen Denken. Wenn ein Mensch eine einfache und zwingende logische Schlussfolgerung erkennt, vertraut er zunächst unmittelbar darauf, dass diese Schlussfolgerung richtig ist. In beiden Fällen steht somit ein grundlegendes Vertrauen in die eigenen Erkenntnisfähigkeiten am Anfang.


Aufgabe 2, Anforderungsbereich II, Operator „Erläutern“

Erläutern Sie den Unterschied, den Nagel zwischen Sinneswahrnehmung und Vernunfterkenntnis herausarbeitet.

Mögliche Antwort: Nach Nagel können Menschen bei ihren Sinneswahrnehmungen grundsätzlich anerkennen, dass sie sich möglicherweise täuschen. Trotzdem können sie ihren Sinnen im Allgemeinen vertrauen. Dieses Vertrauen lässt sich nach Nagel mit der Evolution verbinden. Sinnesorgane, die eine hinreichend zuverlässige Orientierung in der Umwelt ermöglichen, können einen Vorteil für das Überleben darstellen.

Bei elementaren logischen Erkenntnissen sieht Nagel die Situation anders. Wenn ein Mensch die Gültigkeit einer zwingenden Schlussfolgerung erkennt, versteht er sie als unmittelbar richtig. Eine nachträgliche evolutionäre Begründung kann diesen Wahrheitsanspruch nach Nagel nicht absichern, weil eine solche Begründung selbst logisches Denken voraussetzt. Darin besteht für Nagel der entscheidende Unterschied zwischen der Erklärung der Sinneswahrnehmung und der Begründung der Vernunft.


Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator „Analysieren“

Analysieren Sie den Gedankengang, mit dem Nagel begründet, dass eine evolutionäre Erklärung die Gültigkeit der Vernunft nicht vollständig begründen kann.

Mögliche Antwort: Nagels Argumentation beginnt mit der Annahme, dass die menschliche Vernunft möglicherweise im Verlauf der Evolution entstanden ist. Soll nun mithilfe der Evolutionstheorie begründet werden, weshalb die menschliche Vernunft zuverlässig ist, muss für diese Begründung bereits vernünftig argumentiert werden. Menschen müssen beispielsweise zwischen widersprüchlichen und widerspruchsfreien Aussagen unterscheiden und logische Schlussfolgerungen ziehen.

Damit entsteht nach Nagel ein Zirkelschluss. Die Vernunft soll durch eine Theorie begründet werden, deren Formulierung und Begründung selbst bereits Vernunft voraussetzt. Man kann daher nicht zunächst unabhängig von der Vernunft beweisen, dass die Vernunft zuverlässig ist. Nach Nagel besitzt elementares logisches Denken deshalb einen grundlegenden Wahrheitsanspruch, der bereits vorausgesetzt werden muss, wenn Menschen überhaupt argumentieren und wissenschaftliche Theorien entwickeln.


Aufgabe 4, Anforderungsbereich II, Operator „Erklären“

Erklären Sie den Begriff Zirkelschluss und zeigen Sie, weshalb Nagel ihn auf eine evolutionäre Begründung der Vernunft anwendet.

Mögliche Antwort: Von einem Zirkelschluss spricht man, wenn eine Behauptung mit einer Voraussetzung begründet wird, deren Gültigkeit wiederum von der zu begründenden Behauptung abhängt. Die Begründung bewegt sich gewissermaßen im Kreis.

Nach Nagel entsteht ein solcher Zirkelschluss, wenn die Zuverlässigkeit der menschlichen Vernunft mit der Evolutionstheorie bewiesen werden soll. Um die Evolutionstheorie als zutreffende wissenschaftliche Erklärung zu verstehen, müssen Menschen bereits logisch denken, Schlussfolgerungen überprüfen und zwischen richtigen und falschen Argumenten unterscheiden. Damit wird die Vernunft bereits verwendet, um die Zuverlässigkeit der Vernunft zu begründen. Die evolutionäre Erklärung kann nach Nagel deshalb zwar erklären, wie bestimmte Fähigkeiten entstanden sein könnten, aber nicht unabhängig die grundsätzliche Gültigkeit vernünftigen Denkens beweisen.


Aufgabe 5, Anforderungsbereich II, Operator „Vergleichen“

Vergleichen Sie Sinneswahrnehmung und Vernunfterkenntnis bei Nagel hinsichtlich ihrer Verlässlichkeit und ihrer Begründung.

Mögliche Antwort: Sinneswahrnehmung und Vernunfterkenntnis haben nach Nagel gemeinsam, dass Menschen ihnen zunächst unmittelbar vertrauen. In beiden Fällen gehen Menschen im Alltag normalerweise nicht von einer grundsätzlichen Unzuverlässigkeit ihrer Erkenntnisfähigkeiten aus.

Ein Unterschied besteht in der Möglichkeit der Begründung. Bei der Sinneswahrnehmung kann berücksichtigt werden, dass sich die Sinne im Verlauf der Evolution entwickelt haben und eine zuverlässige Orientierung in der Umwelt für Lebewesen vorteilhaft ist. Gleichzeitig können einzelne Wahrnehmungen falsch sein.

Bei elementaren Vernunfterkenntnissen sieht Nagel eine andere Situation. Die Gültigkeit logischer Regeln kann nicht einfach dadurch begründet werden, dass diese Regeln evolutionär entstanden sind. Jede solche Begründung muss bereits logische Regeln verwenden. Die Vernunft besitzt daher in Nagels Argumentation einen grundlegenden Stellenwert für jede weitere Begründung.


Aufgabe 6, Anforderungsbereich III, Operator „Beurteilen“

Beurteilen Sie die Aussage: „Wenn die menschliche Vernunft durch Evolution entstanden ist, können wir ihr nicht vertrauen.“ Beziehen Sie Nagels Argumentation in Ihre Antwort ein.

Mögliche Antwort: Die Aussage geht über das hinaus, was aus Nagels Argument unmittelbar folgt. Nagel behauptet nicht einfach, dass eine evolutionär entstandene Vernunft grundsätzlich unzuverlässig sein müsse. Sein Problem betrifft vielmehr die Begründung ihrer Gültigkeit. Eine evolutionäre Erklärung kann möglicherweise beschreiben, wie sich menschliche Denkfähigkeiten entwickelt haben. Soll sie jedoch beweisen, dass unsere Vernunft zuverlässig ist, muss sie bereits vernünftiges und logisches Denken voraussetzen.

Daher muss zwischen der Entstehung einer Fähigkeit und der Begründung ihrer Gültigkeit unterschieden werden. Die Aussage ist in ihrer pauschalen Form nicht überzeugend. Aus einer evolutionären Entstehung der Vernunft folgt nicht automatisch ihre Unzuverlässigkeit. Nagels Argument macht vielmehr auf die Schwierigkeit aufmerksam, die Gültigkeit der Vernunft allein mit einer Theorie zu begründen, deren Anerkennung selbst Vernunft voraussetzt.


Aufgabe 7, Anforderungsbereich III, Operator „Erörtern“

Erörtern Sie, ob naturwissenschaftliche Erklärungen ausreichen, um die menschliche Fähigkeit zur Erkenntnis von Wahrheit vollständig zu erklären. Beziehen Sie Nagels Position in Ihre Überlegungen ein.

Mögliche Antwort: Für naturwissenschaftliche Erklärungen spricht, dass sie wichtige Erkenntnisse über die Entstehung und Funktionsweise menschlicher Erkenntnisfähigkeiten ermöglichen. Die Evolutionsbiologie kann beispielsweise untersuchen, weshalb bestimmte Wahrnehmungsfähigkeiten einen Vorteil für das Überleben und die Fortpflanzung dargestellt haben könnten. Neurowissenschaftliche Untersuchungen können außerdem beschreiben, welche Vorgänge im Gehirn mit Wahrnehmung und Denken verbunden sind.

Nagel macht jedoch darauf aufmerksam, dass eine Erklärung der Entstehung einer Erkenntnisfähigkeit nicht automatisch deren Wahrheitsanspruch begründet. Besonders deutlich wird dies bei der Vernunft. Jede wissenschaftliche Theorie setzt bereits voraus, dass logische Schlussfolgerungen gültig sind und dass zwischen widersprüchlichen und widerspruchsfreien Aussagen unterschieden werden kann. Deshalb kann nach Nagel eine naturwissenschaftliche Theorie die Gültigkeit der Vernunft nicht vollständig von außen begründen.

Dagegen könnte eingewendet werden, dass eine evolutionäre Erklärung nicht unbedingt den Anspruch haben muss, die Logik selbst zu beweisen. Sie könnte lediglich erklären, weshalb Menschen über bestimmte Denkfähigkeiten verfügen. Die Frage nach der Entstehung der Vernunft und die Frage nach der Gültigkeit logischer Schlussfolgerungen wären dann voneinander zu unterscheiden.

Damit zeigt sich, dass naturwissenschaftliche Erklärungen wesentliche Beiträge zum Verständnis menschlicher Erkenntnis leisten können. Ob sie zugleich den Wahrheitsanspruch der Vernunft vollständig erklären können, bleibt jedoch eine philosophische Frage, auf deren Schwierigkeit Nagels Argument aufmerksam macht.


Aufgabe 8, Anforderungsbereich III, Operator „Stellung nehmen“

Nehmen Sie begründet zu der Aussage Stellung: „Der Mensch kann nur durch seine Sinne zu wahrer Erkenntnis gelangen.“ Beziehen Sie Nagels Position sowie ein eigenes Beispiel ein.

Mögliche Antwort: Die Aussage lässt sich unter Bezug auf Nagel nicht ohne Einschränkung vertreten. Sinneswahrnehmungen sind eine wichtige Quelle menschlicher Erkenntnis. Menschen erfahren durch Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten zahlreiche Eigenschaften ihrer Umwelt. Wenn ich erkenne, dass vor mir ein Baum steht, spielen meine Sinne eine entscheidende Rolle.

Es gibt jedoch Erkenntnisse, die nicht allein aus Sinneswahrnehmungen gewonnen werden. Ein einfaches mathematisches oder logisches Beispiel zeigt dies. Wenn alle Gegenstände einer Gruppe eine bestimmte Eigenschaft besitzen und ein einzelner Gegenstand zu dieser Gruppe gehört, kann logisch geschlossen werden, dass auch dieser Gegenstand die entsprechende Eigenschaft besitzt. Für die Gültigkeit dieser Schlussfolgerung reicht das bloße Sehen oder Hören nicht aus. Sie muss vernünftig nachvollzogen werden.

Nagel unterscheidet deshalb Sinneswahrnehmung und Vernunfterkenntnis. Beide tragen zur menschlichen Erkenntnis bei, besitzen aber unterschiedliche Funktionen und Begründungsformen. Die Beschränkung wahrer Erkenntnis ausschließlich auf die Sinne würde die Bedeutung logischer und vernünftiger Erkenntnis nicht ausreichend berücksichtigen.


Aufgabe 9, Anforderungsbereich III, Operator „Erörtern“

Erörtern Sie, welche Bedeutung Nagels Überlegungen zum Verhältnis von Vernunft und Wahrheit für das Verhältnis von Glaube und Vernunft im Religionsunterricht besitzen können.

Mögliche Antwort: Nagels Überlegungen können zunächst verdeutlichen, dass menschliche Erkenntnis nicht ausschließlich aus unmittelbarer Sinneswahrnehmung besteht. Menschen verwenden Vernunft, um Wahrnehmungen zu ordnen, Schlussfolgerungen zu ziehen, Argumente zu prüfen und Wahrheitsansprüche zu beurteilen. Dies ist auch für religiöse Fragestellungen bedeutsam. Religiöse Aussagen können nicht allein deshalb als wahr oder falsch beurteilt werden, weil ihre Gegenstände unmittelbar sinnlich wahrnehmbar oder nicht wahrnehmbar sind.

Für die Auseinandersetzung mit Glaube und Vernunft bedeutet dies, dass zunächst unterschiedliche Formen der Erkenntnis und Begründung unterschieden werden müssen. Religiöser Glaube kann sich beispielsweise auf Tradition, persönliche Erfahrung, Offenbarung und vernünftige Argumentation beziehen. Vernunft ermöglicht es dabei, religiöse Aussagen auf ihre innere Folgerichtigkeit zu prüfen, Argumente miteinander zu vergleichen und mögliche Widersprüche zu untersuchen.

Gleichzeitig liefert Nagels Argument selbst keinen Beweis für religiöse Aussagen oder für die Existenz Gottes. Aus seiner Kritik an einer vollständigen evolutionären Begründung der Vernunft folgt nicht automatisch die Wahrheit einer bestimmten religiösen Weltdeutung. Seine Überlegungen können jedoch die Frage eröffnen, ob eine rein naturwissenschaftliche Beschreibung alle Aspekte menschlicher Erkenntnis und menschlicher Wirklichkeit erfassen kann. Für den Religionsunterricht bietet der Text daher eine geeignete Grundlage, um das Verhältnis von Naturwissenschaft, Philosophie, Vernunft und religiösem Glauben differenziert zu untersuchen.

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