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Fachverband Ethik Baden Württemberg

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Sinnfeldonthologie

Veröffentlichung:1.1.2009

Das Medium ist ein philosophischer Textauszug aus Markus Gabriels Werk „Warum es die Welt nicht gibt“ aus dem Jahr 2013. Gabriel erläutert darin zentrale Gedanken des Neuen Realismus und seine eigene philosophische Position, die Sinnfeldontologie. Ausgangspunkt ist die These, dass Menschen Dinge und Tatsachen an sich erkennen können und dass die Wirklichkeit nicht auf einen einzigen Bereich, etwa die materielle Welt, reduziert werden kann. Neben materiellen Gegenständen gehören beispielsweise logische Gesetze, Erkenntnisse und Erscheinungen zur Wirklichkeit. Gabriel verdeutlicht seine Position anhand lebensnaher Beispiele wie einem Apfel in einer Obstschale und der Wahrnehmung der eigenen Hand. Entscheidend ist die Annahme, dass Gegenstände auf unterschiedliche Weise erscheinen können, ohne dass diese Erscheinungsweisen bloße Illusionen sind. Was erscheint, erscheint jeweils in einem bestimmten Sinnfeld. Auch Wahrnehmungen, unterschiedliche Perspektiven und sogar Halluzinationen besitzen insofern Realität, als etwa die Tatsache real ist, dass eine Person etwas halluziniert. Eine wahre Erkenntnis liegt nach Gabriel dann vor, wenn sich die Sache selbst in einem Sinnfeld zeigt. Der Text führt damit in grundlegende erkenntnistheoretische und ontologische Fragen nach Wirklichkeit, Wahrnehmung, Wahrheit und Erkenntnis ein.


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Der Text eignet sich besonders für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 im Zusammenhang mit den Themen Wirklichkeit, Wahrheit, Erkenntnis und menschliche Wahrnehmung. Er ermöglicht Lernenden eine philosophische Auseinandersetzung mit der Frage, was überhaupt als wirklich bezeichnet werden kann und in welchem Verhältnis menschliche Wahrnehmung zur Wirklichkeit steht. Damit bietet der Text zugleich Anknüpfungspunkte an religiöse Fragen. So kann beispielsweise untersucht werden, ob Wirklichkeit grundsätzlich auf empirisch wahrnehmbare Gegenstände begrenzt werden muss oder ob auch nicht unmittelbar sinnlich erfahrbare Wirklichkeitsbereiche als real verstanden werden können. Von hier aus lassen sich Bezüge zu religiöser Erfahrung, Gottesvorstellungen und unterschiedlichen Deutungen von Wirklichkeit herstellen.

Da Gabriels Argumentation für Lernende der Jahrgangsstufe 10 anspruchsvoll ist, sollte der Text schrittweise erschlossen werden. Als Einstieg bietet sich ein Wahrnehmungsexperiment mit einem alltäglichen Gegenstand an. Ein Apfel oder ein anderer Gegenstand kann aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und beschrieben werden. Die Lernenden vergleichen anschließend ihre Wahrnehmungen und diskutieren die Frage, ob sie trotz unterschiedlicher Beschreibungen denselben Gegenstand wahrgenommen haben. Auf diese Weise wird das von Gabriel verwendete Beispiel unmittelbar erfahrbar. Alternativ können optische Täuschungen eingesetzt werden, um zwischen Wahrnehmung, Erscheinung und Wirklichkeit zu unterscheiden.

Bei der anschließenden Textarbeit sollten zentrale Begriffe wie Neuer Realismus, Dinge an sich, Tatsachen, Erscheinung und Sinnfeld zunächst identifiziert und in eigenen Worten erläutert werden. Die Lernenden können Textstellen markieren und den einzelnen Begriffen passende Aussagen oder Beispiele zuordnen. Besonders wichtig ist dabei, dass der Begriff Sinnfeld nicht lediglich auswendig gelernt wird. Die Lernenden sollten anhand konkreter Beispiele nachvollziehen, dass ein Gegenstand in unterschiedlichen Zusammenhängen auf unterschiedliche Weise erscheinen kann. Ein Apfel kann beispielsweise als biologisches Objekt, Lebensmittel, Gegenstand eines Gemäldes oder religiös und kulturell gedeutetes Symbol erscheinen. Die unterschiedlichen Sinnfelder führen dabei nicht notwendig dazu, dass nur eine Beschreibung wirklich und alle anderen Beschreibungen unwirklich sind.

Zur Sicherung bietet sich eine Visualisierung der Argumentation an. Im Zentrum kann ein Gegenstand stehen, um den verschiedene Sinnfelder und Erscheinungsweisen angeordnet werden. Anschließend formulieren die Lernenden Gabriels zentrale These in eigenen Worten. Leistungsstärkere Lernende können zusätzlich untersuchen, weshalb Gabriel die Vorstellung einer einzigen fundamentalen Wirklichkeitsebene zurückweist. Dabei sollte zwischen der Existenz eines Gegenstandes und seinen unterschiedlichen Erscheinungsweisen unterschieden werden.

Eine weitere Vertiefung ermöglicht das Beispiel der Halluzination. Die Lernenden können untersuchen, weshalb Gabriel nicht behauptet, dass ein halluziniertes Objekt genauso existiert wie ein tatsächlich vorhandener Gegenstand. Entscheidend ist vielmehr die Unterscheidung zwischen der behaupteten Existenz des wahrgenommenen Gegenstandes und der realen Tatsache des Wahrnehmungserlebnisses. Diese Differenzierung ist didaktisch besonders ergiebig, weil sie einem möglichen Missverständnis vorbeugt, nach dem Gabriels Position jede Wahrnehmung automatisch für wahr erklären würde.

Im Religionsunterricht kann anschließend ein Transfer auf religiöse Wirklichkeitsdeutungen erfolgen. Die Lernenden können diskutieren, welche Bedeutung die Sinnfeldontologie für Aussagen über Gott, religiöse Erfahrungen oder religiöse Symbole haben könnte. Dabei ist darauf zu achten, dass aus Gabriels Position nicht unmittelbar die Existenz Gottes abgeleitet wird. Vielmehr eröffnet der Text die grundsätzliche Frage, ob Wirklichkeit auf das materiell und naturwissenschaftlich Beschreibbare begrenzt werden kann. Ein Vergleich mit religiösen und naturwissenschaftlichen Zugängen zur Wirklichkeit ermöglicht es den Lernenden, unterschiedliche Erkenntniswege zu unterscheiden und deren Voraussetzungen zu reflektieren.

Methodisch eignen sich Einzelarbeit zur ersten Texterschließung, Partnerarbeit zur Klärung zentraler Begriffe und Gruppenarbeit zur Übertragung der Sinnfeldontologie auf konkrete Beispiele. Ein abschließendes philosophisches Gespräch oder eine strukturierte Diskussion kann die Urteilsbildung fördern. Dabei sollten die Lernenden ihre Position mit Argumenten begründen und auf Gabriels Gedankengang Bezug nehmen. Der Text eignet sich außerdem gut als Grundlage für eine schriftliche Leistungsüberprüfung, da mit ihm die Anforderungsbereiche Reproduktion, Reorganisation und Transfer sowie Reflexion und begründete Urteilsbildung abgedeckt werden können.


Prüfungsfragen für eine Klausur in Klasse 10 mit Erwartungshorizont

Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator „Beschreiben“

Beschreiben Sie die zentralen Aussagen des Neuen Realismus und der Sinnfeldontologie anhand des vorliegenden Textes.

Mögliche Antwort: Der Neue Realismus geht davon aus, dass Menschen Dinge und Tatsachen an sich erkennen können. Gleichzeitig gehören diese Dinge und Tatsachen nicht nur zu einem einzigen Bereich der Wirklichkeit. Neben materiellen Gegenständen gibt es beispielsweise logische Gesetze und menschliche Erkenntnisse. Gabriels Sinnfeldontologie ergänzt diese Position durch die These, dass alles, was erkannt wird, in Sinnfeldern erscheint. Gegenstände können dabei auf unterschiedliche Weise erscheinen. Diese verschiedenen Erscheinungsweisen sind nach Gabriel ebenfalls Bestandteile der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit besteht deshalb nicht ausschließlich aus einer verborgenen Ebene hinter unseren Wahrnehmungen. Auch die unterschiedlichen Erscheinungsweisen eines Gegenstandes besitzen Realität.


Aufgabe 2, Anforderungsbereich II, Operator „Erläutern“

Erläutern Sie anhand des Beispiels des Apfels, wie Gabriel das Verhältnis zwischen einem Gegenstand und seiner Wahrnehmung versteht.

Mögliche Antwort: Gabriel geht davon aus, dass eine Person beim Anblick eines Apfels nicht lediglich ein inneres Bild des Apfels wahrnimmt, sondern den Apfel selbst. Dafür spricht für ihn unter anderem, dass mehrere Personen denselben Apfel wahrnehmen können. Trotzdem sehen diese Personen den Apfel aus unterschiedlichen Perspektiven. Die verschiedenen Wahrnehmungen bedeuten für Gabriel nicht, dass der wirkliche Apfel hinter seinen Erscheinungen verborgen bleibt. Vielmehr gehört es zum wirklichen Apfel, dass er auf unterschiedliche Weise erscheinen kann. Die verschiedenen Erscheinungsweisen sind daher nicht automatisch Täuschungen, sondern reale Erscheinungen desselben Gegenstandes in unterschiedlichen Sinnfeldern.


Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator „Analysieren“

Analysieren Sie Gabriels Argumentation am Beispiel der linken Hand. Arbeiten Sie heraus, gegen welche Vorstellung von Wirklichkeit er sich wendet.

Mögliche Antwort: Gabriel beginnt mit der Beobachtung, dass die eigene Hand auf unterschiedliche Weise wahrgenommen werden kann. Sie kann gesehen, gefühlt, gerochen und in bestimmten Situationen auch gehört werden. Außerdem verändert sich ihre visuelle Erscheinung abhängig vom Standpunkt. Daraus könnte die Vorstellung entstehen, dass hinter allen Wahrnehmungen eine eigentliche Hand existiert, die grundsätzlich von ihren Erscheinungen getrennt werden müsse. Gegen diese Trennung richtet sich Gabriel. Für ihn gehört es gerade zur Wirklichkeit der Hand, dass sie unterschiedlich erscheinen kann. Die Erscheinungen sind daher nicht bloß subjektive Bilder, die von der eigentlichen Wirklichkeit getrennt wären. Gabriel kritisiert somit eine Vorstellung, nach der die wahre Wirklichkeit vollständig hinter den menschlichen Erscheinungen verborgen liegt.


Aufgabe 4, Anforderungsbereich II, Operator „Erklären“

Erklären Sie Gabriels Aussage, dass auch eine Halluzination als Tatsache verstanden werden kann.

Mögliche Antwort: Gabriel behauptet nicht, dass ein halluziniertes Objekt deshalb tatsächlich als materieller Gegenstand vorhanden sein muss. Wenn eine Person einen grünen Apfel halluziniert, folgt daraus nicht, dass sich tatsächlich ein grüner Apfel vor ihr befindet. Real ist jedoch die Tatsache, dass diese Person einen grünen Apfel halluziniert. Die Halluzination als Erlebnis findet statt und kann deshalb selbst Gegenstand einer wahren Aussage werden. Dadurch unterscheidet Gabriel zwischen dem Inhalt einer Wahrnehmung und der Tatsache, dass eine bestimmte Wahrnehmung oder Vorstellung auftritt.


Aufgabe 5, Anforderungsbereich III, Operator „Beurteilen“

Beurteilen Sie die Aussage: „Nur das, was naturwissenschaftlich untersucht und gemessen werden kann, ist wirklich.“ Beziehen Sie Gabriels Sinnfeldontologie in Ihre Argumentation ein.

Mögliche Antwort: Aus der Perspektive der Sinnfeldontologie ist die Aussage problematisch, weil sie Wirklichkeit auf einen einzigen Gegenstandsbereich reduziert. Gabriel geht dagegen davon aus, dass beispielsweise materielle Gegenstände, logische Gesetze und menschliche Erkenntnisse wirklich sein können, obwohl sie nicht auf dieselbe Weise untersucht werden. Für die Aussage spricht, dass naturwissenschaftliche Methoden überprüfbare Erkenntnisse über materielle Vorgänge ermöglichen. Daraus folgt jedoch nicht zwingend, dass nur naturwissenschaftlich messbare Sachverhalte existieren. Gedanken, mathematische Beziehungen oder Bedeutungen lassen sich nicht in gleicher Weise wie materielle Gegenstände messen und können dennoch Gegenstand wahrer Aussagen sein. Unter Bezug auf Gabriel lässt sich daher begründet urteilen, dass naturwissenschaftliche Erkenntnis einen wichtigen Zugang zur Wirklichkeit darstellt, die Wirklichkeit aber nicht notwendig vollständig auf diesen Zugang reduziert werden muss.


Aufgabe 6, Anforderungsbereich III, Operator „Erörtern“

Erörtern Sie, inwiefern Gabriels Sinnfeldontologie für die Frage nach religiöser Wirklichkeit von Bedeutung sein kann.

Mögliche Antwort: Gabriels Sinnfeldontologie kann für die Beschäftigung mit religiöser Wirklichkeit bedeutsam sein, weil sie die Wirklichkeit nicht grundsätzlich auf materielle Gegenstände beschränkt. Dadurch entsteht die Möglichkeit, unterschiedliche Formen des Wirklichkeitszugangs zu untersuchen. Religiöse Erfahrungen, Symbole oder Aussagen über Gott können beispielsweise daraufhin betrachtet werden, in welchem Sinnfeld sie auftreten und welche Bedeutung sie dort besitzen. Allerdings beweist die Sinnfeldontologie allein weder die Existenz Gottes noch die Wahrheit einer bestimmten Religion. Aus der Tatsache, dass Wirklichkeit nicht auf das materiell Messbare reduziert werden muss, folgt noch nicht, dass jede religiöse Aussage wahr ist. Die Position Gabriels kann daher vor allem dazu beitragen, die Voraussetzungen verschiedener Wirklichkeitsverständnisse kritisch zu reflektieren. Für eine abschließende Beurteilung religiöser Aussagen sind weitere Argumente erforderlich.

Hessen

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Q3.1 Moralisch argumentieren – Modelle der Ethik.

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12.2 / 1. Grundzüge christlicher Moral im Kontext philosophischer Ethik.

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