Der Artikel beschreibt zunächst die gegenwärtige Situation des Religionsunterrichts, die durch gesellschaftliche Pluralisierung, sinkende Teilnahmezahlen und einen Bedeutungsverlust institutioneller Religion geprägt ist. Vor diesem Hintergrund fragt Lars Wosnitza nach neuen religionsdidaktischen Zugängen, die Religion nicht nur als Wissensbestand vermitteln, sondern als existentiell bedeutsame Wirklichkeit erschließen. Der Autor greift dazu den internationalen RE searchers Approach von Rob Freathy und Giles Freathy auf. Dieser Ansatz versteht Religionsunterricht als ein Studium der Religionen, bei dem Lernende selbst forschend tätig werden und religiöse Fragen eigenständig erkunden.
Im Zentrum steht das Prinzip Forschendes Lernen. Lernende entwickeln eigene Fragestellungen, untersuchen religiöse Themen methodisch, analysieren Ergebnisse und reflektieren ihre Erkenntnisse. Religion wird dabei nicht nur als Unterrichtsinhalt vermittelt, sondern als Gegenstand eigenständiger Forschung erschlossen. Der Artikel beschreibt den sogenannten Enquiry Cycle, der verschiedene Phasen umfasst: Fragen entwickeln, Untersuchungen planen, Ergebnisse auswerten und neue Fragen formulieren. Dieser Prozess soll Lernende zu aktiver Beteiligung, kritischem Denken und theologischer Reflexion befähigen.
Wosnitza setzt sich ausführlich mit der Kompetenzorientierung auseinander, die seit den internationalen Bildungsdebatten der frühen 2000er Jahre den Religionsunterricht prägt. Der Autor kritisiert, dass Kompetenzorientierung häufig zu stark auf überprüfbare Leistungen reduziert werde und existentielle, spirituelle und theologische Dimensionen religiöser Bildung in den Hintergrund treten könnten. Forschendes Lernen wird deshalb als Möglichkeit vorgestellt, religiöse Bildung wieder stärker an Fragen von Sinn, Weltdeutung und persönlicher Orientierung auszurichten.
Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels liegt auf der empirischen Untersuchung eines Unterrichtsprojekts in einem katholischen Religionskurs der gymnasialen Oberstufe. Die Studie zeigt, dass Forschendes Lernen zu hoher Eigenaktivität, intensiver Beteiligung und vertiefter theologischer Reflexion bei Lernenden führen kann. Besonders hervorgehoben werden dialogische Lernformen, selbst entwickelte Forschungsfragen und die Verbindung von theologischer Reflexion mit persönlichen Erfahrungen. Die Untersuchung macht deutlich, dass Lernende durch Forschendes Lernen Religion nicht nur reproduktiv lernen, sondern eigenständig deuten und interpretieren.
Der Artikel ordnet diese Ergebnisse schließlich in die internationale religionspädagogische Diskussion um einen methodological turn ein. Damit ist eine stärkere Orientierung religiöser Bildung an Methoden, Perspektivenvielfalt und wissenschaftsähnlichen Erkenntnisprozessen gemeint. Religionsunterricht soll Lernende dazu befähigen, religiöse Wirklichkeit reflektiert wahrzunehmen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und eigenständig nach Sinn und Wahrheit zu fragen. Der Autor versteht Religionsunterricht deshalb als einen Raum aktiver Auseinandersetzung mit Religion und Weltdeutung, in dem Lernende selbst Verantwortung für ihren Lernprozess übernehmen.