Das Medium eignet sich besonders für den Religionsunterricht und Ethikunterricht in der Sekundarstufe II, einzelne Texte und Aufgaben können jedoch auch für die Sekundarstufe I ausgewählt und entsprechend erschlossen werden. Für den Religionsunterricht ist der Reader vor allem deshalb interessant, weil Aristoteles grundlegende Fragen behandelt, die auch für christliche Anthropologie und Ethik von zentraler Bedeutung sind: Was macht den Menschen aus? Was bedeutet ein gutes Leben? Was ist Glück? Wie entsteht moralisches Handeln? Welche Bedeutung besitzen Tugenden? Was ist gerecht? Welche Rolle spielen Gemeinschaft und Freundschaft? Wann handelt ein Mensch frei? Diese Fragen ermöglichen es, philosophische und christliche Vorstellungen miteinander ins Gespräch zu bringen. Besonders geeignet ist dabei Aristoteles’ Bestimmung des Menschen als vernunftbegabtes und gemeinschaftsbezogenes Wesen. Sprache und Vernunft ermöglichen nach Aristoteles die Verständigung darüber, was nützlich und schädlich, gerecht und ungerecht sowie gut und böse ist. Im Religionsunterricht kann diese Vorstellung beispielsweise mit biblischen Menschenbildern, der Vorstellung des Menschen als Geschöpf und Ebenbild Gottes oder christlichen Konzepten von Gemeinschaft, Nächstenliebe und Verantwortung verglichen werden.
Didaktisch besonders ergiebig ist der Themenkomplex Glück. Das Material stellt Aristoteles als Vertreter einer Verbindung von Glück und Moral vor. Moralisches Handeln erscheint dabei als notwendiger Bestandteil eines gelingenden Lebens. Glück wird nicht auf kurzfristiges Wohlbefinden oder Genuss reduziert, sondern als langfristig gelingende Lebensführung verstanden, die mit Tugend, Gemeinschaft und vernünftigem Handeln verbunden ist. Als Einstieg können Lernende zunächst eigene Vorstellungen von Glück sammeln und unterscheiden, beispielsweise Genuss, Besitz, Erfolg, Freundschaft, Familie, Sinn, Glaube, Anerkennung und Selbstverwirklichung. Anschließend können diese Vorstellungen mit Aristoteles’ Verständnis der Eudaimonia verglichen werden. Sein Gedanke, dass Glück das letzte Ziel menschlichen Handelns darstellt und um seiner selbst willen erstrebt wird, bietet einen geeigneten Ausgangspunkt für eine vertiefende Auseinandersetzung mit Lebenszielen und Sinnfragen. Im Religionsunterricht bietet sich daran anschließend ein Vergleich mit biblischen Glücksvorstellungen, den Seligpreisungen, christlichen Vorstellungen erfüllten Lebens oder der Frage nach dem Verhältnis von Glück, Heil und Sinn an.
Einen weiteren Schwerpunkt kann die Tugendethik bilden. Aristoteles versteht Tugenden nicht einfach als angeborene Eigenschaften. Sie werden durch Erziehung, Gewöhnung und Einübung erworben. Tugend bezeichnet eine Haltung beziehungsweise einen Habitus, der sich im konkreten Handeln ausbildet. Dieser Ansatz lässt sich lebensweltlich erschließen. Lernende können untersuchen, welche Eigenschaften sie bei einem guten Freund, einem verantwortlichen Menschen, einer guten Führungspersönlichkeit oder bei sich selbst für wichtig halten. Anschließend werden diese Vorstellungen mit aristotelischen Tugenden wie Mut, Mäßigkeit, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Freigebigkeit, Klugheit und Weisheit verglichen. Besonders produktiv ist die Arbeit mit konkreten Situationen. Die Lernenden können beispielsweise überlegen, wann Mut in Leichtsinn übergeht, wann Vorsicht zu Feigheit wird oder wann Großzügigkeit unangemessen werden kann. Auf diese Weise wird Aristoteles’ Vorstellung der angemessenen Mitte nicht nur begrifflich gelernt, sondern auf konkrete Handlungsentscheidungen bezogen.
Auch die Gerechtigkeitslehre bietet zahlreiche Möglichkeiten für problemorientiertes Arbeiten. Der Reader unterscheidet unterschiedliche Formen von Gerechtigkeit und thematisiert unter anderem Verteilung, Ausgleich und Strafe. Dabei wird deutlich, dass Gerechtigkeit nicht in jeder Situation dasselbe wie eine vollkommen gleiche Verteilung bedeutet. Lernende können diese Unterscheidungen anhand schulischer und gesellschaftlicher Beispiele prüfen. Denkbar sind Fragen nach der gerechten Verteilung von Noten, Einkommen, Bildungsangeboten, Verantwortung oder begrenzten Gütern. Fallbeispiele und Dilemmageschichten ermöglichen es, zunächst intuitive Gerechtigkeitsvorstellungen zu formulieren und diese anschließend mithilfe aristotelischer Kategorien zu differenzieren. Im Religionsunterricht kann ein Vergleich mit biblischen Gerechtigkeitsvorstellungen erfolgen. Dabei lässt sich untersuchen, ob Gerechtigkeit ausschließlich als angemessene Verteilung verstanden werden kann oder ob Barmherzigkeit, Bedürftigkeit, Solidarität und die besondere Zuwendung zu Benachteiligten zusätzliche Perspektiven eröffnen.
Methodisch sollte der Reader aufgrund seines Umfangs nicht vollständig und linear bearbeitet werden. Sinnvoll ist eine Auswahl einzelner Textpassagen entsprechend der jeweiligen Unterrichtsfrage. Da philosophische Originaltexte sprachlich anspruchsvoll sein können, empfiehlt sich eine gestufte Texterschließung. Zunächst markieren Lernende Schlüsselbegriffe und formulieren einzelne Abschnitte mit eigenen Worten. Danach bestimmen sie These, Argumentationsgang und zentrale Begriffe. Schließlich wenden sie die erarbeitete Position auf einen konkreten Fall an und beurteilen deren Tragfähigkeit. Auch arbeitsteilige Gruppenarbeiten sind geeignet. Gruppen können beispielsweise unterschiedliche Aspekte wie Menschenbild, Glück, Tugend, Gerechtigkeit, Freundschaft oder Freiheit bearbeiten und ihre Ergebnisse anschließend präsentieren und miteinander in Beziehung setzen. Der Reader unterstützt dieses methodische Vorgehen ausdrücklich durch eigene Gruppenaufgaben und verschiedene Zugänge zur Textlektüre.
Für eine vertiefende religionspädagogische Arbeit bieten sich Vergleiche an. Aristoteles’ Eudaimonia kann christlichen Vorstellungen eines erfüllten Lebens gegenübergestellt werden, seine Tugendethik kann mit christlichen Tugendvorstellungen und seine Gemeinschaftsethik mit Nächstenliebe und Verantwortung verglichen werden. Dabei sollte nicht vorschnell nach Übereinstimmungen gesucht werden. Lernende sollten vielmehr Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten und untersuchen, auf welchen Menschenbildern und Begründungen die jeweiligen ethischen Vorstellungen beruhen. Besonders geeignet sind hierfür Vergleichstabellen, Schreibgespräche, Positionslinien, philosophische Gespräche, Fallanalysen, Dilemmadiskussionen und strukturierte Urteilsaufgaben. Als produktionsorientierter Abschluss können Lernende einen persönlichen Tugendkatalog entwickeln, einen Ratgeber für ein gutes Leben aus aristotelischer Perspektive verfassen oder Aristoteles mit einer christlichen Position in einem fiktiven Gespräch über Glück, Gerechtigkeit und gutes Handeln zusammenbringen. Das Medium eignet sich darüber hinaus sehr gut als Klausurmaterial, Prüfungsmaterial, Textgrundlage und Material für materialgestützte Aufgaben, da zahlreiche Auszüge eine Analyse zentraler Begriffe, eine Rekonstruktion philosophischer Argumentationen sowie Vergleiche und begründete ethische Urteile ermöglichen.