Die Dilemmageschichten eignen sich besonders für einen Religionsunterricht, in dem ethisches Lernen nicht auf die Vermittlung fertiger Antworten reduziert wird, sondern als Prozess des Wahrnehmens, Urteilens und Begründens verstanden wird. Die Lernenden begegnen Situationen, in denen unterschiedliche Werte, Pflichten und Interessen miteinander in Konflikt geraten. Gerade diese Offenheit macht die Geschichten didaktisch produktiv. Es geht nicht ausschließlich darum, welche Entscheidung am Ende getroffen wird, sondern vor allem darum, aus welchen Gründen eine Entscheidung als richtig oder falsch beurteilt wird. Die Lernenden können dadurch lernen, moralische Konflikte differenziert wahrzunehmen, verschiedene Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln und die Folgen einer Entscheidung für alle Beteiligten zu berücksichtigen.
Für den Einstieg kann eine Geschichte zunächst vorgelesen, gemeinsam gelesen oder bis unmittelbar vor den Entscheidungspunkt präsentiert werden. Anschließend treffen die Lernenden spontan eine persönliche Entscheidung. Eine einfache Abstimmung im Raum kann sichtbar machen, wie unterschiedlich die Situation beurteilt wird. Wichtig ist dabei, die Abstimmung zunächst nicht als Suche nach einer richtigen Antwort zu verstehen. Vielmehr bildet sie den Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Begründungen.
In einer anschließenden Einzelarbeitsphase können die Lernenden ihre Entscheidung schriftlich festhalten und begründen. Leitfragen können dabei helfen: Was sollte die Person tun? Warum sollte sie so handeln? Welche Gründe sprechen für die andere Möglichkeit? Wer ist von der Entscheidung betroffen? Welche Folgen könnten entstehen? Welcher Wert ist in dieser Situation besonders wichtig? Durch diese Fragen wird verhindert, dass die Bearbeitung bei einer spontanen Meinungsäußerung stehen bleibt.
Besonders ergiebig ist anschließend der Austausch in Partnerarbeit oder Kleingruppen. Die Lernenden vergleichen ihre Entscheidungen und versuchen, die Argumente der anderen nachzuvollziehen. Dabei kann die Aufgabe gestellt werden, zunächst bewusst Argumente für beide Handlungsmöglichkeiten zu sammeln. Dieses Vorgehen fördert den Perspektivwechsel und macht deutlich, dass ein moralisches Dilemma gerade dadurch gekennzeichnet ist, dass für unterschiedliche Entscheidungen nachvollziehbare Gründe vorliegen können. Die Lernenden üben damit zugleich eine Gesprächskultur, in der unterschiedliche Positionen wahrgenommen und respektvoll diskutiert werden.
Im Religionsunterricht können die Geschichten darüber hinaus mit religiösen und ethischen Orientierungsmöglichkeiten verbunden werden. Nach einer ersten offenen Urteilsbildung kann gefragt werden, welche Werte in der jeweiligen Geschichte miteinander in Konflikt geraten. Begriffe wie Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Verantwortung, Gewissen, Freiheit, Treue, Vergebung oder Schutz des Lebens können dabei als Deutungskategorien dienen. Je nach Unterrichtszusammenhang lassen sich anschließend biblische Texte, Gebote, Gleichnisse oder christlich ethische Positionen hinzunehmen. Entscheidend ist, diese nicht vorschnell als eindeutige Lösung des Dilemmas einzusetzen. Produktiver ist es, die Lernenden prüfen zu lassen, welche neue Perspektive ein religiöser Text oder eine ethische Position auf den Konflikt eröffnet.
Methodisch bietet sich auch ein Perspektivwechsel an. Lernende können einen inneren Monolog einer beteiligten Person schreiben, ein Gespräch zwischen den Figuren entwickeln oder die Situation aus der Sicht verschiedener Beteiligter darstellen. Ebenso kann eine Geschichte in einem Rollenspiel weitergeführt werden. Dabei sollte nach der Darstellung eine Auswertung erfolgen, in der zwischen der gespielten Rolle und der eigenen Position unterschieden wird. Besonders interessant ist die Frage, ob die Erfahrung des Perspektivwechsels die ursprüngliche Entscheidung verändert hat.
Für eine vertiefte Urteilsbildung können die Argumente im Plenum gesammelt und geordnet werden. Möglich sind Kategorien wie persönliche Interessen, Verantwortung gegenüber anderen, Regeln und Gesetze, Freundschaft, mögliche Folgen, Gewissen sowie religiöse oder ethische Werte. Anschließend können die Lernenden ihre erste Entscheidung erneut überprüfen. Eine zweite Abstimmung am Ende der Unterrichtssequenz macht sichtbar, ob und warum sich Positionen verändert haben. Dabei sollte ausdrücklich deutlich werden, dass eine veränderte Meinung kein Zeichen von Unsicherheit ist, sondern Ergebnis eines reflektierten Lernprozesses sein kann.
Die Sammlung ermöglicht zudem eine Differenzierung nach Alter und Lerngruppe. Kürzere und unmittelbar verständliche Situationen wie „Paulas Problem“, „Mücken“ oder „Eine Strafe für wen?“ können einen niedrigschwelligen Zugang zur ethischen Urteilsbildung eröffnen. Komplexere Situationen wie die Geschichten über Drogenhandel, Graffiti oder die künstliche Befruchtung verlangen dagegen eine intensivere Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Interessen und moralischen Maßstäben. Bei sensiblen Themen sollte die Lehrkraft die jeweilige Lerngruppe und mögliche persönliche Betroffenheiten berücksichtigen.
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Lernenden selbst Dilemmageschichten entwickeln zu lassen. Dazu können sie Konflikte aus Schule, Familie, Freundeskreis oder Gesellschaft auswählen und eine Situation entwerfen, in der zwei begründbare Handlungsmöglichkeiten miteinander konkurrieren. Anschließend werden die Geschichten innerhalb der Lerngruppe diskutiert. Auf diese Weise setzen sich die Lernenden nicht nur mit moralischen Entscheidungen auseinander, sondern reflektieren zugleich, wodurch ein echtes Dilemma entsteht.