Der biblische Satz „Lasst uns Menschen machen nach unserem Bild“ markiert im Schöpfungsbericht den Moment, in dem der Mensch in die große Erzählung der Weltgeschichte eintritt – und zugleich gehört er zu den radikalsten Aussagen, die je über den Menschen gemacht wurden. Oft wird er jedoch missverstanden: Die Ebenbildlichkeit meint keine äußere Ähnlichkeit, kein göttliches Wesen mit Augen, Händen oder Bart. Sie beschreibt vielmehr geistige, moralische und soziale Fähigkeiten wie Beziehung, Freiheit und Kreativität. Ebenso falsch ist die Annahme, der Mensch sei selbst göttlich. Er ist nicht Gott, sondern dessen Repräsentant und Stellvertreter.
Historisch betrachtet galt im Alten Orient allein der König als „Bild Gottes“, als einzigartiger Repräsentant des Göttlichen. Die Bibel jedoch bricht dieses exklusive Denken auf: Nicht nur Herrscher, sondern alle Menschen tragen die Gottebenbildlichkeit in sich. Dieser Gedanke wirkt revolutionär, denn er widerspricht jeder Form von Hierarchie, Kastenordnung, Rassenlehre oder Klassendenken. Jürgen Moltmann formulierte es treffend: „Alle Menschen sind Könige.“
Diese Vorstellung hat Geschichte geprägt. Sie inspirierte bereits im 4. Jahrhundert den Kirchenvater Gregor von Nyssa zum Kampf gegen die Sklaverei und bildet bis heute eine Grundlage moderner Menschenrechte. Auch das Grundgesetz greift diesen Gedanken auf, wenn es sagt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – ein säkularer Ausdruck derselben theologischen Einsicht: Jeder Mensch besitzt eine unverlierbare Würde, unabhängig von Leistung, Herkunft oder sozialem Status. Im Islam hingegen wird der Mensch nicht als Ebenbild Gottes beschrieben, da Gott dort als absolut einzigartig und unvergleichlich gilt; eine solche Aussage wäre theologisch nicht denkbar.
Gerade in einer Welt, in der Menschen weiterhin wegen Herkunft, Hautfarbe, Behinderung, Sexualität oder Religion abgewertet werden, bleibt der biblische Gedanke aktuell. Wer annimmt, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist, erkennt: Niemand ist mehr wert als ein anderer. Niemand darf erniedrigt oder ausgeschlossen werden. Die Würde jedes Einzelnen bleibt bestehen – nicht, weil Menschen perfekt wären, sondern weil Gott sie so sieht. Vielleicht verändert dieser Gedanke sogar den Blick in den Spiegel: „Ich bin Ebenbild Gottes. Und das bedeutet etwas.“ Nicht, weil jemand besser wäre als andere, sondern weil jedem Menschen diese Würde bedingungslos zugesprochen ist – einfach, weil er Mensch ist.