Dies ist die Geschichte des jüdischen Volkes. Sie beginnt vor mehr als 3000 Jahren. Es ist die Geschichte eines Volkes und der Idee von dem einen Gott, dem Gott, der keine anderen Götter neben sich duldet. Eine Geschichte von Glanz und Elend, von Verfolgung und Hoffnung bis zum heutigen Tag. Wie ist es den Juden gelungen, über Jahrtausende ihre Identität zu wahren?
Um 500 vor Christus kehren die Juden aus dem babylonischen Exil zurück nach Jerusalem. Richtschnur ihres Handelns und Grundlage ihres Glaubens ist die Thora, bis heute das heilige Buch ihrer Lehre und ihrer Gesetze. Mit der Eroberung Jerusalems durch Alexander den Großen im Jahr 332 vor Christus endet diese Epoche. Von nun an prägt griechischer Geschmack die jüdische Kultur, und der Jerusalemer Tempel wird dem Gott Zeus geweiht. Die Besatzer verbieten das Lesen der Thora und die Beschneidung der männlichen Säuglinge.
Das Volk soll jetzt nur griechische Götter anbeten. Doch nicht alle beugen sich diesen Anweisungen. Der jüdische Priester Matthias beschwört in seinem Heimatdorf Modi'in die Einwohner: "Himmel, bewahre uns davor, das Gesetz und seine Vorschriften zu verlassen."
Vor den Augen seines Sohnes tötet Matthias einen der Oberbefehlshaber und flieht mit seiner Familie in die Berge. Schon bald scharen sich andere Rebellen um ihn. Über Jahrzehnte kämpfen sie gegen die Besatzer. Nach dem Tod des Vaters übernimmt Judas die Führung der Rebellen. Ihm gelingt der kriegerische Durchbruch.
Judas Makkabäus zieht mit seinen Gefolgsleuten in Jerusalem ein. Er erobert den Tempelberg zurück und vertreibt die Juden, die den griechischen Göttern huldigen. Sie zerstören die Zeus-Statue und weihen den Tempel erneut dem Gott der Juden.
Der Legende nach findet Judas nur ein kleines Gefäß mit rituellem Öl im Tempel. Mit diesem wenigen Öl soll die Flamme der Menora, des siebenarmigen Tempelleuchters, acht Tage gebrannt haben.
Diese Legende feiern die Juden bis heute mit dem Chanukka-Fest. An acht aufeinanderfolgenden Tagen werden Lichter in einen speziellen Leuchter gestellt. Seit 1995, 50 Jahre nach dem Holocaust, feiern die Juden vor der Alten Oper in Frankfurt wieder öffentlich dieses Fest, über das die Bibel berichtet. Sie setzen durch eine öffentliche Entscheidung und Abstimmung fest, dass das gesamte jüdische Volk jedes Jahr diese Tage festlich begehen soll.
Das Fest der Tempelweihe verbindet die Juden untereinander und mit ihren Vorfahren. Es erinnert sie an den heldenhaften Widerstand gegen die griechischen Besatzer.
Hundert Jahre herrschen die Nachkommen Judas nun über einen unabhängigen Staat, bis die Römer kommen. Im Jahr 66 vor Christus erobert General Knocks Pompeius Kleinasien. Judäa wird nun Teil der römischen Provinz Syrien und heißt von da an Judäa. Jetzt bestimmt die Weltmacht Rom über das Schicksal des jüdischen Volkes.
Die Römer wählen als ihren Vasallen einen Mann, der vom jüdischen Volk verachtet und wegen seiner Skrupellosigkeit gefürchtet wird: Herodes der Große. Der römische Senat erklärt ihn zum König über Judäa, solange Herodes die Interessen Roms vertritt, kann er sich seiner Unterstützung sicher sein.
Der König sichert seine Machtposition mit Charme und diplomatischem Geschick.
Am Mittelmeer lässt er eine gigantische Hafenstadt errichten. Sie übertrifft in Größe und Prunk selbst Jerusalem. Den römischen Kaisern zu Ehren nennt er sie Caesarea Maritima.
Herodes hat dafür die besten Ingenieure verpflichtet. In nichts soll die Stadt den römischen Vorbildern nachstehen. Es wird die größte Hafenanlage im östlichen Mittelmeerraum. Sie bietet Platz für eine komplette römische Legion. Caesarea wird Anlaufpunkt für Handelsschiffe aus aller Welt. Die steuerfreie Zone lockt reiche Interessenten.
Luxuriöse Villen prägen das Stadtbild. Theater, öffentliche Bäder und Tempel sollen Besucher und Untertanen beeindrucken. Auch Jerusalem trägt die Handschrift Herodes. Bis heute finden sich Reste imposanter Bauten.
Vor einigen Jahrzehnten haben Archäologen das ozeanische Villenviertel freigelegt, ein Refugium der Reichen mit Bädern, Fußbodenheizung und aufwendig bemalten Wänden. Herodes' Prachtbauten beeindrucken die Mehrheit des Volkes jedoch nicht. Für sie ist er ein Emporkömmling und Lakai der Römer. Ein weiteres gigantisches Bauprojekt soll seine Kritiker verstummen lassen. Besonders die gläubigen Juden: Ein neuer Tempel soll selbst den Tempel Salomos in den Schatten stellen.
Im Innenhof ist Platz für gewaltige Pilgerströme. Mit diesem Prachtbau will Herodes in die Geschichte eingehen. Und er hat Erfolg. Herodes gelingt es, die unterschiedlichen religiösen Splittergruppen zu einen.
Das ändert sich mit seinem Tod. Rom teilt den Staat auf und provoziert damit alte Konflikte. Am Tempel, dem heiligsten Ort der Stadt, prallen die Gegensätze aufeinander. Der Unruhen müde, hoffen viele auf einen von Gott gesandten Erlöser, einen Messias, der die Fremdherrschaft beendet und endlich ewigen Frieden bringt. Kritik wird laut, sowohl an den römischen Besatzern als auch an der dekadenten jüdischen Oberschicht. Vor allem das Treiben vor dem Tempel ist für gläubige Juden eine Beleidigung Gottes.
In dem Prediger Jesus sehen seine Anhänger den lang ersehnten Messias. Für die Römer ist er jedoch nichts weiter als ein Aufrührer. Sie verurteilen ihn zum Tod am Kreuz. Niemand ahnt, dass sein Tod die Geburtsstunde einer neuen Weltreligion ist, eng verknüpft mit dem Schicksal des jüdischen Volkes.
Die Kreuzigung ist eine übliche Hinrichtungsmethode der Römer, doch die frühen Christen machen nicht die Römer für den Tod von Jesus verantwortlich, sondern das jüdische Volk. Der Jünger Judas Ischariot soll Jesus verraten haben und wird zur gemeinen Karikatur alles Jüdischen schlechthin. Bis in die Gegenwart dient dieses Zerrbild mitunter als Begründung für Judenfeindschaft. Dabei wird oft ausgeklammert, dass Jesus selbst Jude war.
Wenige Jahrzehnte später übernehmen die Zeloten in Jerusalem die Macht. Sie sind eine radikale religiöse Gruppe, die das Land von den Römern befreien will. Flüchtlinge aus der ganzen Region haben sich in der Stadt versammelt. Seit zwei Jahren wird Jerusalem von römischen Legionen belagert. Nur Totengräber dürfen die Stadt verlassen, um die Ausbreitung von Seuchen zu verhindern. Die Verstorbenen werden vor den Toren der Stadt begraben. Diesmal transportieren sie eine besondere Last. Die Träger behaupten, der weiße Rabbi Jochanaan Ben-Zakai sei verstorben.
Kaum jemand glaubt noch an den Sieg der jüdischen Rebellen. Die Römer sind in der Übermacht. Eine jüdische Legende berichtet vom Fortgang der Geschichte. So geschieht es, dass Johann bin Saqr aus Jerusalem entkommt, lebend in einem Sack aus Holz. Der Rabbi will aber nicht nur sein Leben retten. Weit entfernt von Jerusalem, in Japan, will er ein neues religiöses Zentrum errichten. Der Geist des Judentums soll dort eine sichere Heimat bekommen.
Jerusalem ist verloren, die Römer erobern die Stadt. Der jüdische Chronist Flavius Josephus schreibt: "Der Tempelberg schien von Grund auf zu glühen, da er rings in Feuer gehüllt war, aber auch voller als die Flammen, welche schienen, die Blutströme zuzuführen."
Die Westmauer, die weltberühmte Klagemauer, stützt das Tempelplateau. Eine jüdische Legende erzählt, dass Engel sie mit ihren Flügeln vor der Zerstörung bewahrt haben. Die Klagemauer ist Ziel von Pilgern aus aller Welt. Sie stecken Zettel mit ihren Wünschen und Gebeten in die Wand. Die Symbolkraft und die Verbindung des Judentums von heute mit dem Judentum aus antiker Zeit machen die Klagemauer zu einem verbindenden Glied.
Dafür ist ein bisschen diese Westmauer ein Verbindungsglied zwischen dem alten jüdischen Staat, dem neuen jüdischen Staat, der Diaspora weltweit. Und meiner Meinung nach kann diese Westmauer keinen Juden auf der Welt so ganz kalt lassen, egal wie säkular er sich gibt. Jeder, der einmal dort gewesen ist oder vor dieser Westmauer steht, fängt dann doch an, ein kleines Gebet zu sprechen und vielleicht sogar auch einen Zettel in die Mauer zu stecken.
Als Jerusalem brennt, ist Jochanaan Ben-Zakai bereits in Japan angekommen. Der Rabbi bewahrt nicht nur das Judentum, er reformiert es auch. Anstelle der bisher üblichen Tieropfer treten das Studium der Thora und das gemeinsame Gebet. Viele Juden sind nach Ghana geflohen. Hier, in den Golanhöhen, haben Archäologen eine der frühesten Synagogen Israels gefunden. Nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels werden die Synagogen zum Ort für das verpflichtende Gebet zu festen Tageszeiten.
Die Form der Halle, die mehrstufigen Bankreihen und die Säulenstruktur sind typisch für die Synagogen jener Zeit. Sie sind stets nach Jerusalem, der heiligen Stadt, ausgerichtet. Noch heute ist das gemeinsame Gebet von großer Bedeutung.
Für einen Gottesdienst müssen mindestens zehn Gläubige anwesend sein. Nur dann ist die Gegenwart Gottes, die Schchina, gewährleistet. Jeder Ort kann Synagoge sein, wenn sich Juden dort zum Gebet mit der Thora einfinden.
Die verfolgten Juden suchen nach Zufluchtsstätten. Nach dem Fall des Jerusalemer Tempels flüchten sie bis an den Rand der Wüste ans Tote Meer. Auf einem gewaltigen Felsplateau hat Herodes der Große einst die Festung Masada errichtet. Lange Zeit galt sie als uneinnehmbar. Schon während der Belagerung Jerusalems verschanzten sich jüdische Rebellen auf dem Berg, ihrem letzten Zufluchtsort.
Jetzt schickt Rom 8000 Legionäre nach Masada. Die Grundrisse der Lager sind heute noch zu erkennen. Was in Masada geschah, erforscht der Jerusalemer Archäologe Geist.
Eine seiner wichtigsten historischen Quellen ist der Chronist Flavius Josephus. Die Juden waren hier, nachdem sie sieben oder acht Jahre lang in Judäa gekämpft hatten. Sie wussten, was in Jerusalem passiert war, ein Jota, Pata, Gammler oder in anderen Orten. Sie konnten also nicht optimistisch sein. Nach der Eroberung Jerusalems hatten die Römer Masada belagert. Flavius Josephus berichtet: "Die Römer belagerten sie mit aller Macht und legten ein Ringlager um den Berg, um die Flüchtlinge zu fassen."
Nach einem weiteren jüdischen Historiker, Flavius Josephus, ist Masada eine der letzten Zufluchtsstätten von Aufständischen. Nach dem Fall des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 n. Chr. kommt es in Masada zu einem dramatischen Kampf. Die Römer belagern die Festung. Die jüdischen Rebellen, eingekesselt und ohne Hoffnung auf Rettung, entscheiden sich für den Freitod. Die Männer töten ihre Frauen und Kinder, werfen danach das Los, um zu bestimmen, wer den anderen tötet, und schließlich begehen sie Selbstmord.
Die Geschichte von Masada wird zu einem Symbol des jüdischen Freiheitskampfes und Überlebenswillens. Doch auch der Verlust des Tempels, des religiösen Zentrums, prägt das Judentum bis heute. In der Synagoge von Kfar Darom, einem Kibbuz in der Negev-Wüste, versammeln sich die Gläubigen zum Freitagabendgebet. Hier im Süden Israels hat man sich bewusst in der Nähe von antiken Wüstenfestungen angesiedelt. Die Synagoge ist der Mittelpunkt des gemeinschaftlichen Lebens. Die Thora-Rollen, die heiligen Schriften, werden von Generation zu Generation weitergegeben.
Der jüdische Kalender orientiert sich bis heute an den Geschehnissen in Masada und Jerusalem. Das Ritual des Freitagabendgebets, des Sabbat, wird weltweit gefeiert. Familie und Gemeinschaft stehen im Mittelpunkt, um die Thora und die Gebote Gottes zu ehren.
Über die Jahrhunderte haben die Juden ihre Identität trotz aller Widrigkeiten bewahrt. Sie haben ihre Religion, ihre Bräuche und ihre Gemeinschaft kultiviert. Die Zerstreuung, die Diaspora, hat sie über den gesamten Erdball verteilt, und dennoch haben sie sich als Volk erhalten.
In der jüdischen Diaspora ist die Thora das Band, das die Gemeinschaft verbindet. Auch im deutschen Exil nach dem Zweiten Weltkrieg wird sie zur Richtschnur des Lebens und zum Symbol für Hoffnung und Erneuerung.
Die Rückkehr der Juden nach Deutschland war und ist ein schmerzhafter Prozess. Doch die jüdische Gemeinschaft hat es geschafft, sich in der deutschen Gesellschaft zu integrieren und wieder eine lebendige Gemeinschaft zu werden.
In der Gegenwart erstrahlt die Neue Synagoge in Berlin. Das jüdische Leben ist Teil des deutschen Alltags geworden. Auch in anderen Teilen der Welt haben sich jüdische Gemeinschaften etabliert. In den USA, in Südamerika, in Australien und vielen anderen Ländern lebt das Judentum weiter.
Die Geschichte des jüdischen Volkes ist eine Geschichte von Aufstiegen und Abstürzen, von Verfolgung und Überleben. Sie ist eine Geschichte von Glauben, Hoffnung und der festen Überzeugung, dass die Idee des Einen Gottes Bestand hat.
Die jüdische Geschichte ist reich an Ereignissen und Persönlichkeiten. Sie ist geprägt von Kämpfen um Unabhängigkeit und Religionsfreiheit, von der Suche nach Heimat und Identität. Und sie ist noch lange nicht zu Ende. Das jüdische Volk setzt seine Geschichte fort, generationenübergreifend, in allen Teilen der Welt, und trägt dabei die Erinnerung an die Vergangenheit und die Verpflichtung für die Zukunft in sich.