Mit „Gott 2.0“, dem Haupttitel dieses Buches, bezeichnet der Autor in Anlehnung an den technizistischen Code für eine durchgreifende Höherstufung die von post- und transhumanistischen Zukunftsvisionen vorhergesagte Superintelligenz, zu der sich eine KI schließlich autonom weiterentwickeln könne. Sie habe in ihrer Unverfügbarkeit die Züge göttlicher Transzendenz und alle Wesensattribute Gottes: „Allwissen, Allmacht, Wille und Leben“. Zwei Entwicklungslinien, die im Text nicht klar auseinandergehalten werden, sind dabei zu unterscheiden: Eine KI, deren Eigenleben dem Menschen entgleitet, ihm in absoluter Perfektion gegenübersteht und ihn schließlich ersetzt. Und eine KI, mit deren Hilfe der Mensch sich selbst überwindet und zu quasi göttlicher Allmacht und Unsterblichkeit weiterentwickelt, zum „Homo Deus“. Religiöse Züge einer Technoreligion, einer „Spiritualität 2.0“, nehme heute bereits das Verhältnis der Menschen zu den Systemen der Informationstechnik an. Das iPhone etwa besitze eine „numinose Qualität“. „Seine glatte, zarte Oberfläche, die makellos wie die Hülle eines sakralen Gegenstands wirkt, erweckt ein Gefühl des Heiligen.“ Ähnlich verhalte es sich mit der KI zusammen mit dem Internet, deren „unüberbietbare Rechenkapazität und unfehlbare Denkfähigkeit einer Superintelligenz als allmächtig interpretiert werden“. Man darf es für übertrieben halten, im iPhone etwas Sakrales zu erblicken und in KI etwas Allmächtiges. Selbst eine Superintelligenz, wie sie bereits Stanisław Lem in seinem futuristischen Roman „Golem XIV“ ausgemalt hat, verfügt nicht über die Bedingungen ihrer eigenen Existenz, nämlich die Naturgesetze und das Sein überhaupt. Undurchschaubar Komplexes ist nicht transzendent. Auch ein Motor etwa ist für die meisten Menschen ein Buch mit sieben Siegeln, damit aber doch nicht unverfügbar und keineswegs transzendent. Vollkommen wird eine solche „Superintelligenz“ auch schon darum nicht, weil sie kein Bewusstsein entwickeln kann, denn das entsteht nicht durch Emergenz aus einem materiellen System, sobald dies eine bestimmte Komplexitätsstufe erreicht hat. Bewusstsein gehört einer anderen Seinsstufe an, wie selbst agnostische Autoren wie Thomas Nagel und David J. Chalmers konstatieren mussten. Es ist physikalischer Beschreibung und Manipulation unzugänglich. Der Selbstüberstieg des Menschen durch KI schließlich scheitert daran, dass die Digitalisierung des als materielle Spuren im Gehirn aufgefassten menschlichen Ich durch „Mind Uploading“ nicht möglich ist, weil Leib und Seele sich nicht auftrennen lassen. Das wahre Numinose, vor dessen Heiligkeit wir nach dem Religionswissenschaftler Rudolf Otto erschauern, ist vielmehr ein uns unendlich Übersteigendes, das die Bedingungen seiner Existenz aus sich selbst hat. Wie auch immer die Fantasien von einer Superintelligenz und einem „Homo Deus“ zu beurteilen sind, die Kontrastierung des Vollkommenheitswahns einer Technospiritualität mit den abrahamitisch-monotheistischen Religionen führt den Autor zu einer sehr wichtigen Erkenntnis, die er „Theologie der Imperfektibilität“ nennt. „Liebe deine Fehlbarkeit wie dich selbst“ ist ihr entscheidendes Gebot, denn in der Möglichkeit zu scheitern zeigt sich die eigentliche hohe Würde des Menschen, seine Freiheit vor dem moralischen Gesetz und das Beglückende einer Welt mit ihren Überraschungen und Herausforderungen. Ein außerordentlich plastisches Bild von der perfekten, aber unendlich sinnlosen digitalen Zukunftswelt, in der alle Hindernisse sich von selbst auflösen, weil die Dinge unfehlbar nach einem Algorithmus ablaufen, der keinerlei Unvorhergesehenes und kein Leid zulässt, gelingt dem Autor mit der Allegorie des Paradieses: „Hier ist kein Spiel von Du und Du zu entdecken, sondern eine sterile Unberührtheit, eine programmierte Harmonie ohne Tiefe, ein Frieden ohne Seele, ein Gleichklang ohne Brüche und vor allem: eine Nähe ohne Distanz. Alles ist da, alles ist verfügbar – wie in einer seltsamen Art von Schlaraffenland –, aber nichts ist empfunden, nichts wird erkannt.“ Darum auch konnte Albert Camus in Sisyphos, der „die Steine wälzt“, also den Lebenskampf aufnimmt, einen glücklichen Menschen sehen, denn: „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen.“ Damit ist die vom Autor verteidigte „Theologie der Imperfektibilität“ zugleich eine Anleitung zum Glück und tatsächlich auch eine Theodizee, die den Sinn von Mühsal, Plage und Leid rechtfertigt, weil sich der Mensch nur so als freies Wesen entfalten und an den Herausforderungen und am Widerständigen der Welt bewähren kann. Gegen die Vorstellungen eines berührungsfreien, risikolosen und möglichst endlosen digitalen „Glücks“ wendet der Autor treffend ein: „Das Leben soll nicht nach Möglichkeit immer mehr verlängert, sondern verdichtet, auf Sinnerfüllung hin entworfen werden.“ Der anregende Text führt zu den zentralen Fragen unserer Lebensgestaltung und den religiösen Auffassungen vor dem Hintergrund der KI. Es ist lohnend, ihn zur Hand zu nehmen. Was bedeutet das alles? Stuttgart: Reclam Verlag. 2024 112 Seiten 7,00 € ISBN 978-3-15-014591-3