Der Artikel untersucht Romano Guardinis Text „Fragen zum Problem der Macht“ aus dem Jahr 1964 und fragt nach seiner heutigen Bedeutung. Michele Nicoletti zeigt, dass Guardini die Form der Frage bewusst wählt. Fragen sind für Guardini nicht Ausdruck von Unsicherheit oder Skepsis, sondern eine Methode, um Wahrheit zu suchen. Er steht damit in der Nähe der sokratischen Methode. Fragen eröffnen neue Einsichten und helfen, ein Problem genauer zu sehen.
Guardini versteht Macht als ein zutiefst menschliches Phänomen. Macht hängt mit Möglichkeit, Freiheit und Entscheidung zusammen. Der Mensch kann handeln, etwas beginnen und Wirklichkeit verändern. Gerade deshalb stellt Macht den Menschen selbst infrage. Sie ist nicht nur ein Werkzeug, sondern berührt das Wesen des Menschen.
Theologisch sieht Guardini die Macht im Zusammenhang mit der Gottebenbildlichkeit. Gott hat dem Menschen Macht über die Welt und über sich selbst gegeben, zugleich aber auch Verantwortung auferlegt. Macht ist daher nicht von Anfang an böse oder dämonisch. Sie gehört zur Würde des Menschen. Problematisch wird sie erst, wenn sie ohne Verantwortung gebraucht wird oder sich gegen den Menschen richtet.
Der Artikel benennt mehrere Gefahren der Macht. Eine erste Gefahr liegt in der technischen Macht, besonders in der Möglichkeit atomarer Zerstörung. Eine zweite Gefahr besteht im Totalitarismus, der den Geist und die Freiheit des Menschen zerstört. Eine dritte Gefahr liegt in der Gewalt über andere Personen, wenn Menschen zu bloßen Mitteln für fremde Ziele gemacht werden. Eine vierte Gefahr betrifft den Machtausübenden selbst, denn Macht verändert auch den Menschen, der sie gebraucht. Wer Macht falsch nutzt, zerstört nicht nur andere, sondern auch die eigene Personalität.
Guardini betont deshalb, dass Macht immer verantwortet werden muss. Es gibt keine menschliche Macht ohne Verantwortung. Wer handelt, muss sich als Urheber seines Handelns bekennen und darf sich nicht hinter Apparaten, Organisationen oder anonymen Strukturen verstecken. Verantwortung bedeutet aber nicht totale Kontrolle über alle Folgen. Sie bedeutet, frei zu handeln, ein Ziel zu verfolgen und für die eigene Urheberschaft einzustehen.
Nicoletti vergleicht Guardini mit Max Weber. Beide sehen, dass Macht ein eigenes Ethos braucht. Weber spricht von Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß. Guardini geht stärker theologisch vor. Für ihn richtet sich verantwortliches Handeln nicht nur nach subjektiven Zielen, sondern nach der Wahrheit der Dinge und nach dem Dienst am Menschen.
Am Ende betont der Artikel die Bedeutung der Askese. Wer Macht verantwortlich gebrauchen will, muss sich selbst beherrschen können. Dazu gehören Selbstkritik, Selbstzucht, Distanz, Urteilsfähigkeit und Widerstand gegen Manipulation, Lärm, Sensationslust und innere Unordnung. Macht soll nicht zur Beherrschung anderer führen, sondern im Dienst des Menschen stehen.