Der Artikel befasst sich mit Gegenwartsbezug und Vergegenwärtigung als zentrale religionsdidaktische Kategorien für das kirchengeschichtliche Lernen. Gegenwartsbezug verknüpft Zeugnisse der Vergangenheit mit gegenwärtigen religiösen Lernbedürfnissen der Schülerinnen und Schüler, während Vergegenwärtigung methodische Verfahren wie Erzählen, Dramatisieren oder Rekonstruktion umfasst, um Geschichte anschaulich zu machen. Ein zentrales Argument lautet, dass die Gegenwart aus Geschichten der Vergangenheit resultiert und dass historisches Lernen zu einer reflektierten Aneignung dieser Bedingtheiten führen soll. Das Erkenntnisinteresse an Kirchengeschichte entsteht aus gegenwärtigen Orientierungsfragen, wobei sich diese Fragen durch wandelnde religiöse Bedürfnisse ständig verändern. Dabei ist es essentiell, dass die historische Arbeit methodisch reguliert wird, um die Balance zwischen gegenwärtigen Orientierungsbedürfnissen und der Eigenständigkeit des Vergangenen zu halten. Der Artikel unterscheidet mehrere Strukturen des Gegenwartsbezugs: einen Modus, der in Orientierungskrisen Sicherheit durch Kontinuität bietet, und weitere Formen, die das Fremde aus der Vergangenheit produktiv machen. Am Beispiel des Franz von Assisi wird gezeigt, wie kirchengeschichtliche Gestalten je nach Orientierungsbedarf unterschiedlich gedeutet werden können. Insgesamt wird die religionsdidaktische These vertreten, dass kirchengeschichtliches Lernen nur dann wirksam ist, wenn es an gegenwärtigen religiösen Lernbedürfnissen ansetzt und gleichzeitig die Quellen wissenschaftlich ernst nimmt.