Der vorliegende Artikel von Yasemin Gökpınar behandelt die komplexe und vielschichtige Beziehung zwischen Islam und Musik. Zunächst wird verdeutlicht, dass der Islam als Weltreligion keine homogene Musikkultur aufweist und dass nicht alle Musik im islamischen Kulturraum als religiös legitimiert gilt. Eine zentrale Erkenntnis ist die terminologische Unterscheidung: Während weltliche Musik als ġināʾ (Gesang) bezeichnet wird, werden religiöse Ausdrucksformen wie Koranrezitation (qirāʾa), der Gebetsruf (āḏān) und religiöse Hymnen von Muslimen explizit nicht als Musik klassifiziert, obwohl sie musikalische Strukturen aufweisen können. Der Artikel analysiert systematisch koranische Verse, die sich auf Musik beziehen, insbesondere solche, die das Verb lahā und seine Ableitungen verwenden, was mit "Ablenkung" oder "Zeitvertreib" übersetzt wird. Der Autor untersucht detailliert die Koranexegesen (tafāsīr) klassischer Theologen aus verschiedenen islamischen Traditionen – Sunnitentum, Schiitentum und Sufismus – wie aṭ-Ṭabarī, ar-Rāzī, az-Zamaḫšarī, aṭ-Ṭūsī und as-Sulamī. Diese Exegeten interpretieren die koranischen Aussagen zu Musik unterschiedlich, wobei einige explizit Musik erwähnen und andere von "Ablenkung" in allgemeinerem Sinne sprechen. Die theologische Debatte konzentriert sich darauf, welche Musikformen als legitim anzusehen sind und welche als moralisch problematisch gelten, da sie vom religiösen Weg ablenken. Der Artikel zeigt, dass die islamische Musiktheologie nicht binär (Musik erlaubt/verboten) funktioniert, sondern differenziert zwischen legitimierten rituellen und Gebrauchsformen einerseits und weniger akzeptierten Ausdrucksformen andererseits. Insgesamt wird deutlich, dass die theologische Reflexion über Musik im Islam auf den Korantexten und der Prophetentradition basiert und je nach Rechtsschule und mystischer Tradition unterschiedliche Konklusionen zieht.