Christian Grethlein analysiert in diesem Artikel die Lernorte religiöser Bildung aus historischer, empirischer und komparativer Perspektive. Historisch zeigt er, wie religiöse Bildung in verschiedenen Phasen unterschiedliche institutionelle Formen annahm: vom Taufkatechumenat in der Frühkirche über Buße und Beichte im Mittelalter bis zur Etablierung schulischer Religionsunterricht seit der Reformation. Mit der Akademisierung der Religionspädagogik seit dem 19. Jahrhundert rückte der schulische Religionsunterricht in den Mittelpunkt theoretischer Reflexion, während andere Lernorte wie Familie und Gemeinde vernachlässigt wurden. Der Autor weist auf die Begrenztheit dieser schulzentrierten Perspektive hin, wie das Beispiel der DDR-Religionspädagogik mit ihrer stärkeren Fokussierung auf Gemeinde zeigt. Empirisch wird heute religiöse Bildung in vielfältiger Weise praktiziert, was sich in Elementarerziehung, Erwachsenenbildung und Medienpädagogik manifestiert. Die gegenwärtigen Herausforderungen durch weltweite Migration und Religionspluralismus erfordern ein Umdenken: Der Wandel zur interreligiösen Perspektive und zur Anerkennung von Religion als eigenständigem Bildungsbereich wird exemplarisch in nordrhein-westfälischen Lehrplänen deutlich. Die komparative Perspektive offenbart ein zentrales Grundproblem: die Spannung zwischen überlieferter religiöser Tradition und den Anforderungen modernen Pluralismus. Grethlein fordert eine präzisere und strukturiertere Erfassung des religionspädagogischen Gegenstands, um angemessene und handlungsorientierte Bearbeitungsweisen zu ermöglichen.