Der Artikel von Martina Kumlehn analysiert das Phänomen des Dauerkrisenmodus, in dem sich insbesondere junge Menschen in Deutschland gegenwärtig befinden. Empirische Daten zeigen, dass 71 Prozent der 14- bis 29-Jährigen von Inflation, 64 Prozent von Krieg und 55 Prozent vom Klimawandel als existenzielle Bedrohungen berichten, während zugleich etwa ein Drittel unter Langzeitfolgen der Corona-Pandemie leidet. Der Artikel verfolgt eine begriffsgeschichtliche Strategie, um das genuine Bedeutungsspektrum von Krise zu erschließen. Dabei werden antike Ursprünge (juristische Entscheidungsprozesse, medizinische Krisenlehre bei Galenos) mit ihrer theologischen Rezeption (apokalyptische Jüngerstes-Gericht-Erwartungen) verbunden. Die Aufklärung markiert eine entscheidende Wendemarke: Sie etabliert wissenschaftliche Kritik als reflexive Praxis, wobei Kant und Schleiermacher zentrale Referenzen darstellen. Das Erdbeben von Lissabon 1755 fungiert als kulturelles Wendeereignis, das aufklärerische Religionskritik und naturwissenschaftliche Krisenbewältigung forciert. Im Gefolge der Aufklärung wird die Moderne zur "Kultur der Krisen", in der kritisches Reflektieren zum "Motor und Modus der Moderne" avanciert. Diese Dauerrevision des Gegebenen erzeugt sich selbst fortpflanzende Krisen und normalisiert den Normalitätsbruch. Trotz dieser Dynamik bleibt die Spannung zwischen Denormalisierungserfahrungen und der Sehnsucht nach neuer Normalität konstitutiv für gegenwärtige Krisendynamiken. Die Analyse zeigt, wie Krisennarrative deutungsmächtig bei der Konstruktion von Krisenszenarien wirken und wie überschreibende komplexe Krisen sich wechselseitig überlagern und verstärken. Der Artikel endet mit der Forderung nach einer krisensensiblen Religionspädagogik, die diese permanenten Krisenerfahrungen reflexiv in ihre Praxis integriert.