Der Artikel behandelt Judas Iskariot als komplexe bibeldidaktische Figur mit erheblicher kulturhistorischer Nachwirkung. Die Namensgebung als Vorname ist in Deutschland aus Kinderschutzgründen verboten, und Judas fungiert als Archetyp des Verräters in der kulturellen Memoria. Der Autor präsentiert verschiedene exegetische Deutungen: Judas als Verräter des Vertrauens, als Erfüllungsgehilfe im Heilsplan Gottes, als enttäuschter Jünger oder als von Geldgier getriebener Charakter. Zentral ist die theologiehistorisch wichtige Frage der Historizität der Figur, wobei Schmithals eine fiktionale Rückprojektion zur Erklärung von Glaubensabfall vorschlägt, während Meiser die historische Realität verteidigt. Die Gegenüberstellung Judas-Petrus besitzt großes antisemitisches Potential und wurde im Nationalsozialismus ausgebeutet. Die namenkundliche Analyse behandelt mögliche etymologische Herleitungen von Iskariot und diskutiert die literarische Professionalität der Evangelisten. Der Autor argumentiert, dass unabhängig von der historischen Frage die Judasfigur sowohl als fiktionale als auch historische Person literarische Qualität aufweist. Die Verbindung zu zeitgenössischen jüdischen Widerstandsfiguren wie Judas Makkabäus oder Judas von Gamala wird erörtert. Die abschließende Diskussion befasst sich mit der narrativen und dramaturgischen Gestaltung der Figur im Markusevangelium und der Notwendigkeit ihrer didaktischen Vermittlung im Religionsunterricht unter Berücksichtigung des jüdisch-christlichen Dialogs.