Der Artikel von Harmjan Dam analysiert die Bedeutung von historischem Lernen und historischer Bildung für religiöse Lernprozesse im Kontext der Religionspädagogik. Historisches Lernen wird als Voraussetzung für die umfassendere historische Bildung verstanden, die auf Geschichtsbewusstsein und historisches Denken abzielt. Der Autor betont, dass Kinder bereits durch informelle Erfahrungen – etwa den Besuch von Museen, die Wahrnehmung alter Gebäude oder Erzählungen – ein natürliches Verständnis für Vergangenheit entwickeln. Der schulische Unterricht strukturiert und vertieft diese Erfahrungen durch methodische Vermittlung. Historisches Denken wird als konstitutiv für menschliche Identitätsbildung und als Unterscheidungsmerkmal des Menschen zu anderen Lebewesen charakterisiert. Der Artikel referiert klassische Entwicklungstheorien von Piaget, Kohlberg und Selman, die die kognitive Entwicklung historischen Denkens beschreiben. Dam diskutiert kritisch das Reifungsmodell von Küppers und Roth, das sechs Stufen vom Märchenalter bis zur Geschichtsreflexion unterschied, und betont, dass dessen Altersgrenzen durch neuere Forschung relativiert wurden. Für das kirchenhistorische Lernen im Religionsunterricht plädiert der Autor – basierend auf Arbeiten von Heidrun Dierk – dafür, in der Grundschule mit konkreten lokalen und Familiengeschichten zu beginnen statt mit chronologischen Überblicken. Ein zentrales Argument ist, dass Geschichtsbewusstsein nicht von der Menge historischen Faktenwissens abhängt, sondern vom Verständnis von Strukturen und Zusammenhängen. Der Autor unterstreicht, dass historisches Denken immer von der Gegenwart ausgeht und die Lebenswelt der Schüler berücksichtigen muss, um wirksam zu sein.