Der Artikel dokumentiert den paradigmatischen Wandel im Verständnis von Begabung und Hochbegabung, der sich vom statischen, kognitiv fokussierten Verständnis zu einem multiperspektivischen, multidimensionalen Konzept entwickelt hat. Begabung wird als leistungsbezogenes Entwicklungspotenzial definiert, das sich aus einer individuellen Konstellation von Fähigkeiten, Persönlichkeitsmerkmalen und Umweltkontexten zusammensetzt, während Talent die bereits sichtbar gewordene, entwickelte Begabung darstellt. Hochbegabung wird quantitativ operationalisiert, da qualitative Unterschiede in den Denkstrukturen nicht nachweisbar sind, und basiert auf Konzepten, die zwischen statischen und dynamischen, intellektuellen und nicht-intellektuellen sowie Kompetenz- und Performanzaspekten unterscheiden. Im Kontext einer inklusiven Pädagogik der Vielfalt müssen Heterogenitätsdimensionen wie kognitive Leistungsfähigkeit, soziale Herkunft, Geschlecht und Alter intersektional in der Unterrichtsgestaltung berücksichtigt werden. Eine zentrale Herausforderung besteht darin, dass etwa 50% der hochbegabten Schülerinnen und Schüler unerkannt bleiben, insbesondere Underachiever, Twice Exceptionals und Lernende, die ihre Begabungen aus Angst vor Vorurteilen verheimlichen. Das Konzept der "Förderung auf Verdacht" zielt darauf ab, begabungssensible und -förderliche Lehr-Lernumgebungen zu schaffen, die heterogene Gruppen unabhängig von diagnostizierten Begabungen nutzen können. Eine begabungssensible Religionspädagogik muss (Hoch-)Begabungen in ihrer Vielfalt erwarten, entsprechende Lernumgebungen gestalten und Lernende ressourcenorientiert mit differenzierten Enrichment- und Akzelerationsangeboten fördern. Während andere Fachdisziplinen wie Germanistik und MINT-Bereiche bereits Konzepte zur Begabungsförderung entwickelt haben, besteht in der Religionspädagogik noch erheblicher Entwicklungsbedarf.