Der Artikel von Monika Tautz untersucht die Figur Abrahams im interreligiösen Kontext der drei monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam). Obwohl Abraham in Tenach, christlicher Bibel und Koran eine bedeutsame Gestalt des Glaubens darstellt, führt die gängige Rede von "abrahamischen Religionen" oder "abrahamischer Ökumene" zu einer problematischen Vereinfachung, die theologische Deutungsunterschiede und anhaltende Konflikte um Deutungshoheit verschleiert. Krochmalnik prägt dafür die Metapher der "Abraham-Formel", wonach Abraham als väterliche Autorität akzeptiert wird, während die Ansichten über seine spirituellen Nachkommen (Moses, Jesus, Muhammad) stark auseinandergehen. Im Judentum wird Abraham durch die zehn Prüfungen (Nissjonot) und besonders die Akeda (Bindung Isaaks) als Vorbild unbedingten Vertrauens auf Gott und Leidbewältigung gedeutet und ist zentral für jüdische Identität, Kult und Spiritualität. Die Bedeutung Abrahams lässt sich zwar nicht historisch-archäologisch belegen, prägt aber alle drei Traditionen tiefgreifend unterschiedlich. Der Artikel plädiert dafür, dass interreligiöse Lernprozesse in Kindergarten und Schule sowie theologischer Dialog die Unterschiede ernst nehmen müssen, statt sie durch Harmoniefiktionen zu überlagern. Besonders in der Akeda zeigen sich fundamentale Unterschiede in der theologischen Deutung zwischen jüdischer, christlicher und islamischer Tradition, die nicht einfach mit Familienmetaphern überbrückt werden können.