Der vorliegende Artikel setzt sich mit der Frage auseinander, warum die zeitgenössische analytische Metaphysik in theologischen Kontexten Unbehagen, Skepsis oder sogar massive Ablehnung hervorruft. Dabei steht die These im Raum, dass die neuere Metaphysik einer Hermeneutik des Verdachts ausgesetzt werden müsse, die aufdecken würde, dass sie ebenso wie die traditionelle Metaphysik ein verkapptes, schlussendlich oppressives politisches Programm beinhalte. Gegenüber diesem Vorwurf votiert der folgende Aufsatz für ein Verständnis von Metaphysik als Hermeneutik der Aktualität, dem ein eigenes emanzipatorisches Potenzial konzediert werden sollte. Niemand in der systematischen Theologie würde behaupten, dass der oft mühsame, ja beinharte Dialog mit den Naturwissenschaften nicht am besten mit der zeitgenössischen Quantenphysik, Evolutionsbiologie oder Kosmologie zu führen sei, sondern eher mit der Physik Newtons. Und doch erinnern manche Invektiven aus der systematischen Theologie an vergleichbare Empfehlungen, wenn erneut und immer wieder Immanuel Kants Philosophie beschworen wird, hinter die man nicht zurückfallen und über die man aber auch nicht hinausgehen dürfe. Gewiss, Immanuel Kant sollte uns lieb und teuer bleiben; seine Ausführungen zum ‚dialektischen Schein‘1 sind Mahnungen für jeden und jede, der bzw. die versucht, die Attribute Gottes in einer konsistenten begrifflichen Art darzulegen, weil sich hier zeigt, wie schnell unsere Begriffe uns entgleiten können und wie schnell wir sinnentleert zu sprechen drohen. Kants Kritik am ontologischen Gottesbeweis umspielt die immer noch diskutierte Frage, ob es analytisch wahre Existenzbehauptungen geben könne. Das Paralogismuskapitel aus der Kritik der reinen Vernunft erinnert uns daran, dass die Geltung bestimmter metaphysischer Prinzipien oder Wirklichkeitsmodelle – etwa einer Granulat- im Gegensatz zu einer ‚Gunk‘-Theorie der letzten materiellen Basis unserer Welt – auf rein theoretischem Gebiet unentscheidbar ist,2 sodass wir schlussendlich bei einem Votum für die eine gegen die andere Auffassung nur im Namen der Sinnhaftigkeit unserer ethischen Praxis oder unserer Selbstdeutung argumentieren können. Aber wer würde auf die Idee kommen, dass Kant – der weder den linguistic noch den social oder semiotic turn vorhersehen konnte – in Sachen Metaphysik das ultimativ gültige