Das Zweite Vatikanum wird vom Autor als ein Konzil verstanden, das nicht nur traditionsbewahrend wirkte, sondern einen eigenständigen dogmatischen Fortschritt darstellte. Es entwickelte eine neue Lehre von der Offenbarung selbst, von der ganzen Kirche als Volk Gottes und vom Glauben an die göttliche Berufung des Menschen. Dieser Fortschritt wird anhand der verabschiedeten Dokumente nachweisbar, die zeigen, wie das Konzil vorgegebene Texte korrigierte und umgestaltete. Der Schlüssel zum authentischen Verständnis des Konzils liegt darin, es von sich selbst her zu verstehen – nicht primär von der Tradition her, sondern um die Tradition von diesem neuen Standpunkt aus fruchtbar zu machen.
Der Katakombenpakt vom 16. November 1965 wird als paradigmatische erste Umsetzung des Konzils analysiert. 40 Bischöfe verpflichteten sich darin zu einem Leben in Armut für eine Kirche der Armen, später schlossen sich 500 weitere an. Dieser Pakt verkörpert die konziliare Lehre programmatisch: Er nimmt die Armen als „Zeichen der Zeit" ernst und verbindet damit Offenbarung, Evangelium und pastorale Aufgabe. Die soziale Frage wird so zur theologischen Frage, die sich im Bekenntnis zu Gott selbst stellt.
Die objektive Hermeneutik des Konzils liegt somit in seiner gelebten Umsetzung durch den Katakombenpakt. Sie versteht die Tradition nicht aus bloßer Anhänglichkeit, sondern um ihrer gegenwärtigen Aktualität willen. Der Pakt zeigt: Wer das Konzil programmatisch umsetzen will, muss es von ihm selbst her verstehen und es auf die Pastoral der Armen hinordnen, wodurch Kirche, Glaube und menschliche Befreiung untrennbar verbunden werden.