Die MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch durch Kleriker führt zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der institutionellen Kirche und ihrer theologischen Selbstverständigung. Der Artikel diagnostiziert, dass wir in einer zweiten Phase der Rezeption angekommen sind, in der um Deutungshoheit gekämpft wird. Dabei werden klassische Reizthemen wie Zölibat, Homosexualität und das Frauenpriestertum wieder prominent diskutiert – allerdings unter neuen Bedingungen: Diese Fragen sind theologisch längst geklärt (der Zölibat ist keine göttliche Ordnung, die Kirche hat ein Homophobie- statt Homosexualitätsproblem, das Argumentationsgeflecht gegen Frauenordination ist theologisch fragwürdig), doch neu ist, dass nun auch offizielle kirchliche Vertreter diese Positionen aufgreifen.
Das Kernproblem liegt in der Unterscheidung zwischen Sakralität und Sakramentalität des Amtes. Die Sakralisierung des Priestertums – eine kultische Überhöhung, die den Priester in einen heiligen Raum entrückt – schafft genau jene Asymmetrien und Machstrukturen, die Missbrauch und Vertuschung ermöglichen. Sie erzeugt Doppelmoral, Klerikalismus und Überforderung. Dem entgegen steht das Prinzip der Sakramentalität: Sakramente sind Zeichen, die auf etwas anderes verweisen – auf Gott und seine Menschenfreundlichkeit – und gerade dadurch ihre Kraft entfalten, dass sie von sich selbst absehen. Eine theologische Neujustierung muss die sakralisierungsfalle überwinden und das Amt neu als dienende, zeichenhafte Funktion begreifen.
Letztlich mündet dies in die zentrale Frage: Wer bestimmt, was Gottes Wille ist, und mit welcher Autorität? Diese Frage verdichtet sich in Problemen lehramtlicher Vollmacht, Offenbarungstheologie und der Spannung zwischen autonomer Moral und institutioneller Autorität.