Der Artikel analysiert die Behandlung von Krieg und Frieden durch das Zweite Vatikanische Konzil in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes (1965). In einer Zeit der Kubakrise und des Kalten Krieges formulierte das Konzil eine neue kirchliche Haltung zur Friedensfrage. Das Besondere daran war nicht nur, dass sich die Kirche überhaupt pastoralkonstitutiv zu Kriegs- und Friedensfragen äußerte – klassischerweise war dies Domäne der katholischen Soziallehre –, sondern vor allem, wie sie sich neu positionierte.
Der entscheidende Wandel besteht darin, dass die Kirche die „doktrinale Grammatik des Ausschlusses" aufgibt und in eine „Grammatik der Solidarität" wechselt. Dies geschieht durch einen fundamentalen Perspektivenwechsel: Die Kirche definiert sich nicht mehr als göttliche Institution gegen die moderne Welt, sondern als pastorale Institution zum Heile der Welt. Dieser neue Ort der Pastoral verbindet Transzendenz und Immanenz, Göttliches und Menschliches, Glaube und Geschichte konkret und situativ. Die Welt von heute wird zum entscheidenden Ort, an dem die Kirche ihren Glauben bewähren muss.
Inhaltlich manifestiert sich dieser Wandel in drei Aspekten: Erstens positioniert sich die Kirche nicht als unbeteiligter Schiedsrichter, sondern als der Gerechtigkeit verpflichteter Mitspieler in der internationalen Gemeinschaft. Sie bietet ihre Mitarbeit bei der Lösung menschlicher Probleme an, nicht ihre moralische Überlegenheit. Zweitens basiert ihre Position nicht primär auf der Kenntnis von Gottes- und Naturgesetz, sondern auf der Solidaritätspflicht mit den Leidenden – sie fordert von sich selbst, was sie bei anderen einklagt: den Geist der Armut und Liebe. Drittens entwickelt das Konzil nicht die klassische Lehre vom gerechten Krieg weiter, sondern wendet eine Menschenrechtsperspektive an, die auf unbedingter Kriegsvermeidung beruht – ein Punkt, bei dem das Konzil aufgrund des Kalten Krieges und amerikanischer Bischofsinteressen noch sichtbar schwankte.