Der Artikel untersucht eine bislang wenig beachtete Nuance in den päpstlichen Stellungnahmen zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche: die Redeweise von der verlorenen kindlichen Unschuld. Papst Franziskus und Benedikt XVI. verwenden diese Ausdrucksweise, um das Ausmaß des Traumas zu beschreiben, das Missbrauch bei Kindern anrichtet. Der Autor zeigt jedoch, dass diese Formulierung mehrdeutig und im theologischen Kontext problematisch ist, da sie subtil zwischen kultischer und ethischer Reinheit unterscheidet.
Mit Bezug auf den Kirchenhistoriker Hubertus Lutterbach argumentiert der Artikel, dass die Kirche eine „kultische Idealisierung des Kindes" entwickelt hat. Diese geht auf die Vermischung christlicher Botschaft mit archaischen Reinheitsvorstellungen zurück. Das Kind wird als Prototyp der kultischen Reinheit – und damit der Tugend – stilisiert. Diese Vorstellung prägt bis heute kirchliche Praktiken wie Tonsur, Zölibat und Brautkleid. Der Artikel zeigt weiter, dass die traditionelle katholische Sexualmoral von zwei Traditionen geprägt ist: archaischen Reinheitsvorstellungen und dem augustinischen Erbe einer Willensethik. Sexualität wird dadurch als Problemzone definiert, in der zwei „Einfallstore der Sünde" existieren – der schwache Wille und der unreine Körper. Diese theologischen Strukturen, so die implizite Kritik, verkomplizieren eine angemessene Reaktion auf sexualisierte Gewalt, weil sie unbewusst die Opfer in ein System einordnen, das Reinheit und Schuld unheilbar vermischt.