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Judith Hahn

Neue Härte gegen Missbrauch? Beobachtungen zur kirchlichen Strafrechtsreform

Veröffentlichung:1.5.2026

Die kanonische Strafrechtsreform behandelt Missbrauch Minderjähriger neu, lässt aber systemische Probleme ungelöst: Sexuelle Gewalt gegen Erwachsene bleibt Disziplinarfall, Frauenordination wird überbewertet, und ein grundlegender Wandel in der kirchlichen Sicht auf sexuelle Integrität fehlt.

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Die jüngste Reform des kirchlichen Strafrechts hat bei Kanonist:innen gemischte Reaktionen ausgelöst. Während die Neuqualifizierung des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger als Straftat gegen menschliche Würde und Freiheit sowie die kodifizierung der Unschuldsvermutung begrüßt wurden, offenbaren formale Analysen der Reformtexte tiefere Problemlagen. Die Eingliederung der Straftat der versuchten Frauenordination in den Kodex wird oft übersehen, obwohl sie seit 2007 geltendes Recht darstellt und nun prominent platziert ist. Eine genaue Analyse der Kompositionsaspekte – wie Normen angeordnet, kontextualisiert und priorisiert wurden – enthüllt drei aufschlussreiche Beobachtungen: Erstens bleibt sexuelle Gewalt gegen Erwachsene durch Kleriker weiterhin primär ein Zölibatsproblem und erfuhr keine Neuqualifizierung als Angriff auf menschliche Würde. Zweitens erhielt die Frauenordination eine prominente Platzierung im Strafkatalog, rangiert noch vor Hostienschändung und Übergriffen im Beichtstuhl – eine Priorisierung, die das tatsächliche Risiko nicht widerspiegelt. Drittens wurde die Unschuldsvermutung erst unter massivem Druck durch Missbrauchsskandale kodifiziert. Diese Beobachtungen deuten darauf hin, dass die Reform zwar punktuelle Verbesserungen bringt, aber systemische missbrauchsfördernde Faktoren stabilisiert. Solange die Kirche sexuelle Selbstbestimmung als Aspekt menschlicher Würde nicht neu bewertet und sexuelle Gewalt gegen Erwachsene weiterhin als Disziplinarfall behandelt, bleibt ein grundlegender Perspektivwechsel aus. Ohne diesen Wandel in der kirchlichen Sicht auf sexuelle Integrität ist ein effektiver Kampf gegen Missbrauch fraglich.

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