Mit der Verlängerung des synodalen Prozesses um ein Jahr setzt Papst Franziskus die ekklesiologischen Weichenstellungen des Zweiten Vatikanischen Konzils fort. Das Konzil hatte bereits die enge Kopplung von römischer Kirchenleitung und Weltkirche gelöst und das Konzept des „Volkes Gottes" als Organisationsprinzip etabliert. Dies führte zu einem Paradigmenwechsel in der katholischen Kirchenstruktur: Bischöfe verstehen sich nunmehr als universalkirchlich gebunden, aber ortskirchlich verantwortlich. Die synodale Transformation der Kirche des 21. Jahrhunderts basiert auf der 1985 formulierten Ekklesiologie der „communio", wonach Kirche als kommunikatives Ereignis verstanden wird, gegründet im trinitarischen Glauben an die Beziehungswirklichkeit Gottes. Dabei werden hierarchische Ordnungsmuster nicht aufgelöst, aber in die Glaubensverantwortung des gesamten Volkes Gottes eingebettet.
Der Artikel beschreibt diesen Prozess als einen „christentumsgeschichtlich dramatischen Umbruch" – die Auflösung des römischen Katholizismus als bestimmende Kirchenform. Allerdings bleibt Rom als Attraktionsort anschaulicher Kircheneinheit bedeutsam. Die neue synodale Kirche unterscheidet sich grundlegend von historischen synodalen Vorbildern durch erweiterte Partizipationsformen, besonders mit Frauen als aktiven Teilnehmerinnen, wie das Beispiel der Synodensekretärin Nathalie Becquart zeigt. Sie spricht von einer „synodalen Bekehrung" der Kirche. Der Artikel erörtert zudem, dass dieser innovative Prozess eine Aushandlung des normativen Stellenwerts von kirchlicher Tradition unter Berücksichtigung der „Zeichen der Zeit" darstellt. Carl Schmitt wird herangezogen, um den spezifisch römischen Katholizismus durch seine Fähigkeit zu charakterisieren, Gegensätze und Widersprüche zu fassen sowie sein anti-totalitäres Potenzial zu bewahren – ein Spannungsgleichgewicht zwischen Natürlichem und Übernatürlichem, das es in synodaler Form zu bewahren gilt.