Der Systematiker und Theologe nimmt eine aktuelle Provokation an: Hans-Ferdinand Angels „Credition"-Forschung fordert einen grundlegenden Paradigmenwechsel in unserem Verständnis von Glaube – und damit auch in der evangelischen Dogmatik. Der Artikel erkundet, welche tiefgreifenden Umgestaltungen sich daraus für die traditionelle dogmatische Architektur ergeben.
Angels zentraler Gedanke ist bestechend einfach und gleichzeitig radikal: Glaube ist nicht primär ein religiöses Phänomen, sondern ein universeller, neurologischer Vorgang – eine „Credition" – der sich zeitlich begrenzt erstreckt und bei allen höher entwickelten Lebewesen abläuft. Mit diesem Neologismus bricht Angel bewusst mit jahrhundertealten Begriffsverwirrungen zwischen Glaube und Religion. Während Religion sich als weitgehend unbrauchbar für eine präzise Analyse von Glaubensvorgängen erweist, offenbaren sich Creditionen als alltägliche, permanente innere Prozesse: Wir glauben nicht nur in religiösen Kontexten, sondern ständig, wenn wir Wahrnehmungen verarbeiten, bewerten und in unser Selbstverständnis integrieren.
Die theoretische Architektur ist faszinierend: Eine „Irritation" (Clam) – ausgelöst durch Wahrnehmung – wird in Bewertungsprozessen nach dem Maßstab „worth to living for" in die Psyche integriert oder desintegriert. Dabei wirken Kognition, Emotion und Glaubensvorgang (die Kognition-Emotion-Credition-Trias) untrennbar zusammen. Evolutionär dient dieser Mechanismus der Homöostase: der Aufrechterhaltung innerer Stabilität und der „Balance des Selbst". Aus fluidem, momentanem Glauben entsteht durch Wiederholung allmählich stabiler Glaube.
Der Autor erkennt hier eine Chance für die evangelische Dogmatik, die seit langem in ausgetretenen Pfaden wandelt. Problematische dogmatische Konzepte wie der traditionelle Sündenbegriff, die Satisfaktionslehre, problematische Eschatologie oder die theologische Theodizeefrage könnten durch eine konsequent creditionentheoretische Umarbeitung neu beleuchtet werden – nicht als kleine Reparaturen an einzelnen Loci, sondern als grundlegende Umgestaltung des gesamten heilsgeschichtlichen Aufbaus vom Verständnis Gottes bis zur Eschatologie.