Ambiguität ist ein zentraler Begriff, um die Herausforderungen von (post-)modernen Gesellschaften zu verstehen – und doch fehlt es in der Religionspädagogik bislang an systematischen Konzepten zu ihrer Bearbeitung. Der vorliegende Artikel unternimmt einen ersten Strukturierungsversuch, indem er zwei unterschiedliche religionsdidaktische Ansätze der deutschsprachigen Fachdiskussion analysiert: die „Religionspädagogik der Vielfalt" und die Kombination von Symboldidaktik mit performativer Religionsdidaktik.
Die erste Perspektive verortet Ambiguität im Kontext von ethischem und sozialem Lernen. Hier wird Ambiguität sichtbar als Phänomen der Differenz – sowohl innerhalb von Kategorien wie Geschlecht, Religion oder Kultur als auch zwischen ihnen. Das Konzept der „egalitären Differenz" verdeutlicht die konstitutive Spannung zwischen der Anerkennung von Unterschieden einerseits und ihrer Integration in Gruppen und Gemeinschaften andererseits. Ambiguität zeigt sich damit in der Erfahrung von Fremdheit, in der Unsicherheit darüber, was als „normal" gilt, und in der Wahrnehmung mehrerer Perspektiven auf ein und dasselbe Phänomen. Zugleich offenbaren sich hier strukturelle Dimensionen: Ambiguität verbindet sich mit Fragen von Gerechtigkeit und Chancengleichheit.
Die zweite Perspektive betont dagegen ästhetische und theologisch-hermeneutische Zugänge. Sie versteht Ambiguität als konstitutives Merkmal religiöser und christlicher Kommunikation selbst – als etwas, das nicht nur rational erfasst, sondern auch ästhetisch und erfahrungsorientiert erschlossen wird. In diesem Verständnis wird Ambiguität zur Qualität religiöser Erfahrung, die durch Symbol und Performance erschlossen werden kann.
Der Artikel argumentiert, dass beide Perspektiven unverzichtbare Aspekte des Phänomens Ambiguität offenlegen und damit zur Strukturierung eines zukünftigen Forschungsfelds beitragen können. Auf dieser Grundlage skizziert er ein Modell, das unterschiedliche Erscheinungsformen von Ambiguität unterscheidet und damit die Basis für die Entwicklung spezifischer Kompetenzen im Umgang mit Mehrdeutigkeit in religionspädagogischen Kontexten schafft. Dies entspricht einem modernen Verständnis von Bildung als Fähigkeit, mit Ambiguitäten bewusst und reflektiert umgehen zu können.