Ambiguität durchzieht das Feld der Religionspädagogik. Ob ethische Fragen wie Waffenlieferungen, theologische Grundfragen nach dem Wesen Gottes oder persönliche religiöse Erfahrungen – kaum ein Thema der Religiösen Bildung lässt sich auf einfache Schwarz-Weiß-Antworten reduzieren. Der vorliegende Essayband dokumentiert die Ergebnisse eines internationalen Symposiums der ISREV (International Seminar on Religious Education and Values) von 2021 und macht die Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz zu einer Kernkompetenz zeitgenössischer Religionspädagogik.
Die Beiträge setzen sich mit verschiedenen Dimensionen auseinander: Kerstin von Brömssen verbindet Simone de Beauvoir und Paulo Freire und argumentiert für einen dialogischen Zugang, der fundamentalistische Gewissheiten überwindet. Thomas Schlag verortet Ambiguitätstoleranz als demokratische Notwendigkeit im Kontext politischer Konflikte. Stefanie Lorenzen entwickelt didaktische Konzepte und unterscheidet zwischen Ansätzen zu ethisch-sozialen und religiös-kommunikativen Ambiguitäten. Susanne Schwarz analysiert Schulbücher und zeigt, wie diese entweder Ambiguitäten anerkennen oder zu deren Auflösung neigen. Karlo Meyer schließlich untersucht empirische Messinstrumente und plädiert für deren Anpassung an religiöspädagogische Forschungsfragen.
Die historischen Wurzeln des Ambiguitätskonzepts reichen zu Existentialistinnen wie Simone de Beauvoir und zur empirischen Ambiguitätsforschung von Else Frenkel-Brunswick. Damit wird deutlich: Religiöse Bildung kann sich nicht neutral verhalten, sondern muss bewusst gegen fundamentalistische und totalitäre Denkweisen arbeiten und stattdessen reflektierte Auseinandersetzungen mit Mehrdeutigkeit fördern – eine Aufgabe von wachsender Relevanz in gesellschaftlichen Polarisierungstendenzen.