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Vera UppenkampTheoWebChristian Höger

Vera Uppenkamp,

TheoWeb,

Christian Höger

„Wenn sich die Mitte auflöst…“, ist das kein Verlust für die Religionspädagogik – ein bilanzierender Tagungsrückblick mit Augenzwinkern

Veröffentlichung:1.5.2026

Wird die Gesellschaft wirklich weniger religiös? Eine Tagung der Religionspädagogen stellt das Narrativ vom Mittelverlust selbst in Frage und offenbart dabei: Wir alle erzählen uns Geschichten – und müssen endlich lernen, sie zu durchschauen.

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Die gemeinsame Jahrestagung der Gesellschaft für Wirtschafts- und Religionspädagogik (GwR) und der Arbeitsgemeinschaft Katholische Religionspädagogik und Katechetik (AKRK) im September 2021 in Trier widmete sich einem zentralen und vielschichtig umstrittenen Thema: dem Verlust der gesellschaftlichen Mitte und der Rolle von Narrativen in der Religionspädagogik. Der Tagungsrückblick, dialogisch zwischen Christian Höger und Vera Uppenkamp vorgetragen, dokumentiert weniger abschließende Antworten als vielmehr eine produktive Debatte über grundlegende Konzepte der Disziplin. Die Frage „Was ist die Mitte?" erwies sich als überraschend komplex. Während Gottfried Benn bereits 1954 beruhigend feststellte, dass die Mitte sich gar nicht auflöse, zeigte sich schnell: Der Begriff ist kultursoziologisch grundlegend deutsch geprägt, basiert auf einem Zwiebel-Schichtenmodell und wird durch verschiedene disziplinäre und konfessionelle Perspektiven unterschiedlich ausgelegt. Besonders interessant war die Beobachtung von Mirjam Schambeck, dass sich die Mitte verschieben kann – und sogar die Götter umziehen. Manfred Pirner warnte vor einer „wertfreien" Religionspädagogik und forderte stattdessen eine „neue Kultur des Faktischen", die Heranwachsende auch an existenzielle Orte führen sollte. Die Spannung zwischen dem Überwältigungsverbot und der notwendigen Konfrontation mit Wirklichkeit blieb dabei produktiv offen. Überraschend war, dass mehrere Referenten das Narrativ vom Mitteverlust selbst dekonstruierten: Hans Mendl beobachtete bei Studierenden relativ viel Mitte, während Claudia Gärtner sogar argumentierte, dass es so viel Mitte wie nie zuvor gebe – sowohl in der Milieudiversität als auch in der Disziplin selbst, die längst in der Mitte der Theologie angekommen sei. Bernd Schröder wiederum fand für einen Mitteverlust keine belastbaren Indizien. Stattdessen identifizierten die Rednerinnen und Redner tieferliegende Probleme: ein Hanna-Problem der Wissenschaft (#ichbinhanna), ein Wissenschaftsproblem der Gesellschaft und ein Frauenproblem der katholischen Kirche – alle drei verbunden durch die zentrale Frage des Gehörtwerdens und der Deutungsmacht. Im zweiten Teil der Tagung rückte die Frage nach Funktion und Funktionalisierung von Narrativen in den Fokus. Joachim Willems warnte vor einer unreflektierten Nutzung: Wir können nicht außerhalb von Narrativen sein, aber wir müssen uns der Narrative, die wir verwenden, bewusst werden. Oliver Reis hingegen führte eine radikale Kritik vor, die das wissenschaftliche und methodische Equipment selbst dekonstruierte und provokativ hinterfragte, ob Religionspädagogik sich wirklich um ihre Subjekte kümmert oder diese nur funktional einsetzt. Die Tagung zeigte sich dabei als Raum, in dem Widerspruch, Emotionen und Unbehagen nicht nur zugelassen, sondern produktiv gemacht werden.

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