Musa Bagrac geht in seinem Beitrag der Frage nach, wie das paedagogische Konzept der Urteilskompetenz fuer den Islamischen Religionsunterricht aus der islamischen Tradition heraus begruendet werden kann. Hintergrund ist die Debatte um den Islamischen Religionsunterricht als 'res mixta', der sowohl staatlichen Bildungsanforderungen als auch islamisch-theologischen Grundsaetzen gerecht werden muss. Der Autor erschliesst dazu drei zentrale Quellen: erstens das koranische Konzept der Vernunft (aql), das bereits im Koran als Schluesselbegriff menschlicher Erkenntnisfaehigkeit verankert ist; zweitens die Sichtweise der hanafitisch-maturiditischen Theologieschule, der heute die Mehrheit der tuerki schstaemmigen Muslime in Deutschland angehoert und die Vernunft als kompatibel mit Offenbarung versteht; drittens die Ideen islamischer Philosophen (Farabi, Avicenna, Averroes) zur Vernunft als Grundlage moralischen und religioesen Erkennens. Diese islamischen Vorstellungen werden mit modernen westlichen Bildungstheorien - insbesondere Kompetenzmodellen - verglichen. Bagrac zeigt, dass Urteilskompetenz im islamischen Denken nicht ein fremdes, importiertes Konzept ist, sondern tiefe Wurzeln in der eigenen Tradition hat. Abschliessend skizziert er, wie diese Grundlagen im schulischen Unterricht operationalisiert werden koennen, und umreisst Konturen einer noch zu entwickelnden islamischen Religionsdidaktik.