Der Artikel behandelt einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der religionspädagogischen Entwicklungspsychologie. Während klassische strukturgenetische Stufenmodelle von Oser und Fowler über drei Jahrzehnte prägend waren, geraten sie zunehmend in Verruf. Dieterich argumentiert jedoch gegen eine einfache Polemik gegen alte Modelle und plädiert stattdessen für eine differenzierte Synthese. Das neue domänenspezifische Paradigma basiert auf drei grundlegenden Aussagen: (1) Kognitive Entwicklung erfolgt bereichsspezifisch, nicht übergreifend; (2) Wissen und Inhalte spielen eine größere Rolle als bei Piaget; (3) Expertise ist altersabhängig, aber nicht völlig vom Alter ablösbar. Der Autor führt ein Stilmodell ein, das auf Heinz Streib aufbaut und von „religiösen Stilen" statt Stufen spricht. Diese werden als unterschiedliche Arten praktisch-interaktiver, psychodynamischer und kognitiver Rekonstruktion von Religion verstanden. Es werden fünf religiöse Stile differenziert: subjektiver, instrumental-reziproker, wechselseitiger, individuativ-systemischer und dialogischer Stil. Diese Stile werden akkumulativ erworben, bleiben aber alle im Individuum aktivierbar und können situativ reaktiviert werden. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Subdomänen Anthropologie und Theologie. Im Bereich der theologischen Anthropologie werden neue Forschungen zu Körper-Geist-Seele-Konzeptionen sowie zum Verständnis von Tod und Weiterleben berücksichtigt. Für die Gottesfrage zeigt sich, dass neben abstrakten Gottesbildern auch personale, anthropomorphe Konzeptionen bei Erwachsenen weiterleben. Das neue Paradigma ermöglicht es, sowohl „natürliche" als auch religiöse Erklärungsmuster nebeneinander zu berücksichtigen. Der Artikel schließt mit Konsequenzen für den Religionsunterricht: Förderung vielfältiger Religionsformen, intensive Wahrnehmung der Subjektseite, bewusste Arbeit mit religiösen Stilen und Konzepten, angemessener Umgang mit Heterogenität sowie eine strukturierte Offenheit jenseits von Beschränkung und Beliebigkeit.