Der Artikel befasst sich mit der zentralen Frage, ob Religionsunterricht an staatlichen Schulen christliche Werteerziehung zum Thema machen sollte. Kropač problematisiert diese Frage in drei Hinsichten: (1) Empirische Studien zeigen, dass gesellschaftliche Wertereproduktion heute weitgehend unabhängig von Religion stattfindet. (2) Es besteht ein Hiatus zwischen ethischem Wissen und moralischem Handeln bei jungen Menschen. (3) Einige Religionspädagogen lehnen eine Fokussierung auf Werteerziehung als Aufgabe des Religionsunterrichts ab. Zur Beantwortung werden fünf analytische Schritte unternommen: empirisch-analytisch, begründungstheoretisch, theologisch, entwicklungspsychologisch und didaktisch. Die Shell-Jugendstudie 2010 zeigt steigende Wertschätzung personaler Beziehungen, eine Bejahung der Leistungs- und Konsumgesellschaft sowie Zusammenhänge zwischen Religiosität und Werten. Aus einer 'Außenperspektive' lassen sich gute Gründe für ethische Bildung im Religionsunterricht finden – sowohl auf der Ebene individueller Moral als auch staatspolitischer Stabilität (Böckenförde-These). Aus einer 'Innenperspektive' wird zwischen moralischer Erziehung und ethischem Lernen/ethischer Bildung unterschieden. Das christliche Ethos ist theonomisch fundiert und unterscheidet sich durch seine Gottesbezogenheit von säkularen Ethiken. Entwicklungspsychologisch werden neuere Forschungen zu Moralentwicklung berücksichtigt, die zeigen, dass moralisches Wissen und moralische Motivation in unterschiedlichen Lernprozessen erworben werden und eine Integration von Kognition und Emotion notwendig ist. Didaktisch werden konkrete Lernwege vorgestellt: Einübung in ethisches Denken, Perspektivenwechsel, Dilemmadiskussionen, Debatten, Schärfung der Wahrnehmungskompetenz, Lernen an Biographien, Umgang mit negativer Moralität und Compassion-Projekte. Der Artikel plädiert dafür, dass ethische Bildung im Religionsunterricht sich als Angebot präsentiert, dessen Eigenwert für Schüler/innen erkennbar ist.