Der Artikel kritisiert anhand einer unterrichtlichen Fallanalyse die fachdidaktische Leerstelle beim Thema Zufall und Vorsehung. Ausgangspunkt ist ein von Albrecht Schöll dokumentiertes Unterrichtsgespräch einer Hauptschulklasse: Eine Lehrperson versucht, Schüler/-innen zwischen der Position „Gott hat Hand im Spiel" und „Zufall" entscheiden zu lassen, denkt also in Entweder-oder-Strukturen. Die Schüler/-innen dagegen streben intuitiv nach einem Sowohl-als-Auch-Modus, können diesen aber nicht theologisch fundieren. Die Autoren entwickeln ein fachdidaktisches Modell mittels Didaktischer Rekonstruktion: Sie erarbeiten erstens acht theologische Modelle zur Vorsehung, die zwischen radikal göttlicher Heilsmacht und radikaler menschlicher Autonomie oszillieren und jeweils unterschiedlich die Paradoxie von Gottes Wirkmächtigkeit und menschlicher Freiheit bearbeiten (von Augustinus über Leibniz und Thomas von Aquin bis zu Rahner). Zweitens erheben sie empirische Schüler/-innenvorstellungen aus drei Kontexten: Weltbilderklärung, Schöpfungs-/Erlösungsverständnis und Gottesfrage/Theodizee. Drittens analysieren sie die didaktische Strukturierung des Unterrichtsgesprächs und zeigen, wie die Dichotomie der Lehrkraft weder den Vorstellungen der Schüler/-innen noch der theologischen Komplexität gerecht wird. Der Lehrer hätte eine Meta-Struktur der Modellvielfalt benötigt, um situativ angemessene Lernimpulse zu setzen. Die Autoren schließen mit einem Plädoyer für die Didaktische Rekonstruktion als zentraler Ansatz religionspädagogischer Fachlichkeit, der durch hohes fachdidaktisches Wissen die Lernqualität zu komplexen theologischen Fragen erheblich steigert.