Der Artikel setzt sich mit der Frage auseinander, wie Wertebildung im Religionsunterricht konzeptualisiert werden sollte. Winklmann zeigt zunächst, dass jede Schultheorie auf normativen Voraussetzungen und einem impliziten Menschenbild basiert. Er kritisiert die weit verbreitete Annahme einer "Familienergänzungsfunktion" der Schule, die davon ausgeht, dass Kinder und Jugendliche ohne Werte in die Schule kommen. Empirische Studien zeigen jedoch, dass Familien ihrer Erziehungsaufgabe großenteils nachkommen. Der Autor unterscheidet scharf zwischen "Wertevermittlung" (als problematische Wertübertragung mit Subjekt-Objekt-Struktur) und "Wertebildung" (als Unterstützung der eigenständigen Wertentwicklung). Wertevermittlung wird als übergriffiger Eingriff in die Privatsphäre kritisiert. Stattdessen plädiert Winklmann für ein Verständnis von Schule, das auf Einhaltung sozialer Normen pocht, aber keine Werte vermitteln will. Der zentrale Begriff ist der "Resonanzraum christlich gelebter Moral". Dieser unterscheidet sich von normativer "christlicher Moral" dadurch, dass er nicht materiale Werte vermittelt, sondern die "unvertretbare Verantwortung des Einzelnen, die in der unwiederholbaren Würde jedes Menschen vor Gott begründet ist" ins Zentrum stellt. Religionslehrkräfte spielen eine Schlüsselrolle: Sie müssen eine reflektierte eigene Religiosität haben und diese didaktisch transformiert in den Unterricht einbringen – als "Zeugen" für die Sache der Religion, ohne dabei beherrschend zu wirken. Schüler/-innen sollen ermutigt werden, ihre eigenen religiösen Überzeugungen in den Unterricht einzubringen. Der Artikel zeigt auf, wie ein solcher Resonanzraum sowohl Raum für Harmonie als auch für Dissonanzen und Zweifel bietet, und wie Schüler/-innen dabei unterstützt werden können, ihre persönlichen "Vorstellungen des Wünschenswerten" zu entwickeln.