Judith Könemann argumentiert für einen Ansatz einer politischen Religionspädagogik, in dem das Politische nicht als eine zusätzliche Dimension neben anderen (wie Erfahrungshermeneutik, ästhetisches oder performatives Lernen) hinzutritt, sondern ein durchgängiges Handlungs- und Reflexionsprinzip der Religionspädagogik selbst darstellt. Der Artikel entwickelt diese Position in drei Thesen: (1) Das Christentum ist eine politische Religion, da es in seiner biblischen Grundlegung auf Öffentlichkeit und öffentliche Wirksamkeit ausgerichtet ist und den Anspruch auf gesellschaftliche Mitgestaltung erhebt. Diese Position wird begründet durch Rekurs auf die Nächstenliebe, die Nachfolge Jesu, die Neue Politische Theologie und die eschatologische Hoffnungsperspektive. (2) Die Religionspädagogik ist neben ihrer theologischen Fundierung auch bildungstheoretisch begründet. Bildung als Prozess der Persönlichkeitsbildung und wechselseitiger Erschließung von Ich und Welt hat ein intrinsisches Gerechtigkeits- und Gleichheitsmoment, weshalb das Politische bereits im Bildungsverständnis selbst und in dessen Auftrag eingeschrieben ist. (3) Notwendige Dimensionen wie ästhetische, erfahrungsorientierte, performative und biographische Ansätze sind nicht Gegensätze zur politischen Religionspädagogik, sondern unverzichtbare Bedingungen ihrer Verwirklichung. Der Artikel kontextualisiert die Diskussion in der Governance-Debatte und versteht Religionspädagogik als konstitutiv in die Zivilgesellschaft eingebunden. Religiöse Bildungsprozesse ermöglichen durch materiale Gehalte der Religion und gelebte Praxis die Entwicklung von Kompetenzen und Haltungen, die sowohl für individuelle Verantwortungsübernahme als auch für verantwortete Mitgestaltung gesellschaftlicher Prozesse notwendig sind.